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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:45

 

Lexikon arabischer Autoren

11.11.2004

 
Lexikon arabischer Autoren

Wer nicht wusste, was es an arabischer Literatur gibt, kann es jetzt in einem handlichen, materialreichen und rundum gelungenen Lexikon arabischer Autoren nachlesen, das Standards setzt.


 

Das traf sich gut: Die Frankfurter Buchmesse wählte sich gerade in diesem Jahr die arabische Literatur zum Schwerpunkt, da der Heidelberger Palmyra Verlag sein fünfzehnjähriges Bestehen feiert. Das Verlagsprogramm widmet sich zuallererst der arabischen und islamischen Welt im Allgemeinen und dem Nahostkonflikt im Besonderen. Man kann eine bedeutende Liste von Publikationen vorzeigen, auf der sich nicht zuletzt die große Entlarvungsschrift über den vermeintlichen Nahostexperten und erwiesenen Großplagiator Gerhard Konzelmann findet, die nicht nur die Feuilletons, sondern auch die Gerichte beschäftigte.

Man versteht sich im Palmyra-Verlag auf Nahost und Arabien. Dem Verlag angeschlossen ist das Nahostarchiv Heidelberg (kurz: NOAH), das umfassende Recherchedienste anbietet. Auf der Homepage des Archiv findet sich, vielsagend genug, eine erhellende Chronologie des Nahostkonflikts, die um 14.000 v. Chr. einsetzt und bis zum 21. Oktober 2004 nichts auslässt.

In diesem editorischen Kontext haben Khalid Al-Maaly und Mona Naggar ein ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen und es in diesem Sommer fertig gebracht: Das Lexikon arabischer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, ein unscheinbar wirkender Band, der es aber in sich hat. Es gibt Artikel zu nahezu 400 Autorinnen und Autoren der arabischen Literatur, die seit 1800 wirkten, und zwar nicht nur solche, die in arabischen Ländern auf Arabisch schrieben und schreiben, sondern auch solche, die in ihren Heimatländern, im gewählten oder aufgezwungenen Exil auf Englisch, Französisch und auch Deutsch arbeiten.

Der gewählte Zeitrahmen ist nicht willkürlich gesetzt, sondern markiert die arabische Renaissance, an-Nahda, die mit den ersten intensiven Kontakten der arabischen Welt mit dem Westen einsetzt, zuerst in Gestalt des Ägypteneroberers und Bewunderers, Napoleon. Literarisch ist das die Geburtsstunde der arabischen Moderne, die mit den strengen Formen der altarabischen Tradition zwar nicht strikt bricht, sie aber doch zu reflektieren und zu modifizieren beginnt.

Die Artikel, die in ihrer Länge von einigen Zeilen bis zu mehreren Seiten umfassen, sind erfreulicherweise ohne den in Lexika sonst so unleserlichen Abkürzungssalat geschrieben. Zunächst wird ein knapper biographischer Überblick gegeben, dann auf die Entwicklung und Bedeutung des Werks eingegangen. Jeder Artikel schließt mit einem Verzeichnis der wichtigsten Publikationen und einer Auswahl der ins Deutsche übersetzten Bücher.

Da sich das Lexikon ausdrücklich auch an interessierte Laien wendet, haben die Autoren bei der Transkription des Arabischen die Hemmschwelle niedrig gehalten und die Lesbarkeit möglichst erleichtert; auch das ein Gewinn für ein breites Publikum.

Nützliches Beiwerk

Die Arabistin und Islamwissenschaftlerin Wiebke Walther, die für ihre Übersetzungen moderner arabischer Literatur mit dem Rückertpreis ausgezeichnet wurde, hat zu dem Lexikon neben einigen Artikeln auch eine Einführung in die moderne arabische Literatur beigetragen, die es dem nicht all zu fachkundigen Leser ermöglicht, die vielen Autorennamen, von denen man meist noch nie gehört hat, in einen literaturgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen. Ein kurzes Glossar erläutert wichtige Fachbegriffe, eine Bibliographie gibt einen gerafften Überblick über die Standardwerke zur arabischen Literaturgeschichte.

Den Gebrauch des Werks erleichtern ein alphabetisches Verzeichnis der Autorennamen samt Herkunftsland sowie ein Verzeichnis der Autoren, nach Herkunftsländern sortiert. Das ist aber nicht nur einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit einer speziellen „National“-Literatur förderlich, sondern öffnet die Augen für eine – um es statistisch auszudrücken – merkwürdige Unproportionalität der Autorendichte pro Land.

So hat der kleine Libanon mit seinen nicht einmal vier Millionen Einwohnern fast so viele Autoren hervorgebracht wie das ungleich größere Ägypten mit seinen über 70 Millionen, während aus anderen Ländern, zum Beispiel Libyen, nur eine Handvoll Namen zu nennen sind. Das kann vieles bedeuten, vermutlich sagt es aber auch ein Wort über den Boden, auf dem Literatur gedeiht. Ist die Vielfalt der Ethnien und Konfessionen, wie im Libanon, fruchtbarer Boden für literarisches Schaffen?.

Die Großräumigkeit des arabischen Sprach- und Kulturraums, vom Atlantik bis zum Tigris, ist überwältigend. Ähnliches gilt für die geradezu abenteuerliche Vielfalt der Autorenbiographien, die unendlich viel auch über die politischen und sozialen Umstände in den arabischen Ländern erahnen lassen. Vertreten ist der urban-bürgerliche Großschriftsteller und Nobelpreisträger Nagib Machfus aus Ägypten ebenso wie der arabische Christ Rafik Schami, der auf Deutsch schreibt; oder die palästinensische Schriftstellerin Liyana Badr, die, selbst aus Jericho vertrieben, sich vor Allem mit der palästinensischen Exilsituation beschäftigt; oder der Tuareg Ibrahim al-Koni, den die Erhabenheit der Wüste fesselt − sie ist die Landschaft seiner Kindheit.

Den beiden Autoren und ihren Mitarbeitern ist ein groß angelegtes Lexikon gelungen, das noch kein Beispiel hat, nicht auf Arabisch, auf Deutsch schon gar nicht. Die gute Lesbarkeit macht es auch für Laien ausgesprochen attraktiv. Das äußere Erscheinungsbild des Buchs gibt sich leider ein wenig zu bescheiden; eine etwas schöneres und schwereres Papier wäre dem Rang des Werks durchaus angemessen gewesen.

Bleibt zu hoffen, dass nun der Mut der deutschen Leser steigt, sich der arabischen Literatur zu nähern. Die landesübliche Ausrede, man habe von alldem nichts gewusst, wird mit Erscheinen dieses wichtigen und rundum gelungenen Lexikons jedenfalls hinfällig.

Bernd Draser


Khalid Al-Maaly, Mona Naggar: Lexikon arabischer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts.
Palmyra Verlang, Heidelberg 2004.
Gebunden. 321 Seiten, ¤ 24,90.
ISBN: 3-930378-55-8

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