Arabische Literatur, postmodern
11.11.2004
Hundert Tore
Ein hochkarätiger Türöffner zur neueren arabischen Literatur: fundiert, komplex, anspruchsvoll, gut geschrieben.
Unbestelltes Feld
Die Frankfurter Buchmesse ist überstanden, uns es geschieht eine Nachlese, die in diesem Jahr, da die arabische Literatur den Schwerpunkt bildete, um ein Vielfaches aufwändiger wird als je zuvor, denn kaum ein Feld ist in Deutschland literarisch so unbestellt wie eben das des heurigen Schwerpunkts.
Ein unbestelltes aber fruchtbares Feld, oder, um eine Arabeske zu wagen, eine prächtige und reizvolle, aber eben doch schwer zugängliche Stadt, und das nicht zuletzt deshalb, weil wir uns zieren, sie überhaupt zu betreten. Gründe für die Scheu gibt es reichlich, beidseitig der Zäsur des 11. September.
Der Sammelband Arabische Literatur, postmodern, in der hochkarätigen edition text + kritik von Angelika Neuwirth, Andreas Pflitsch und Barbara Winckler herausgegeben, stößt nun, wenn nicht hundert, so doch mindestens 29 Tore zu dieser fremden aber gar nicht so orientalisch-exotischen Stadt auf. Unter drei Aspekten tragen zwanzig Autoren dazu bei, uns die verschiedensten Haupt- und Seitentüren in die zeitgenössische arabische Literatur aufzustoßen.
Ausgerechnet Postmoderne
Der Band ist nach drei übergreifenden Themen organisiert, die in vielfachen Überschneidungen Zusammenhänge sichtbar werden lassen; das Leitmotiv des Bands ist, überraschend genug, der ausgelutschte Begriff „postmodern“. Mit Erleichterung und bald auch mit Genuss kann der Leser aber schon auf den ersten Seiten der beiden Einleitungen von Ines Kappert und Andreas Pflitsch feststellen, dass ihn kein verspäteter Beitrag zum verwaschenen Modebegriff angähnt.
Vielmehr wird frisch und knackig erklärt, was es heute mit der Postmoderne noch auf sich hat und wie sich diese merkwürdige Denkfigur auf die arabische Literatur anwenden lässt. Vor Allem der Artikel von Kappert ist stilistisch und gedanklich luzid und verströmt eine in deutscher Forschungsprosa so rare Eleganz. Kappert trennt die Spreu vom Weizen, das heißt die Vulgärversionen dessen, was auch postmodern genannt wird, von den gedanklichen Subversionen, die einen Paradigmenwechsel vom (metaphysisch-hierarchischen) „Baum“ zum (postmodern-anarchischen) „Rhizom“ vollziehen und sich in dieser Bewegung ihren Namen verdienen.
Pflitsch unternimmt es dann, den so bereinigten Begriff für das Verständnis arabischer Literatur fruchtbar zu machen. Und das funktioniert. Es wird deutlich, dass die moderne arabische Gedankenwelt irreversibel mit der europäischen verwoben ist, und deshalb der Begriff der Moderne, folgerichtig auch der der Postmoderne, ihr nicht abgesprochen werden kann. Gerade das versuchen die Clash-of-Cultures-Ideologen, die der arabisch-islamischen Welt vorhalten, ihr fehle historisch die Aufklärung, woraus sich eine sittliche Hegemonie des Okzidents ableiten ließe.
Erinnerung
Das umfangreichste zweite Kapitel widmet sich der zeitlichen Dimension, die sich als Erinnerung literarisiert. Es ist ein Augenöffner sondergleichen, wenn sich dem Leser die Tragweite einer kollektiven arabischen Erfahrung erschließt, die sich mit dem Datum 1967 verbindet: Der fulminante Verlust des Sechstagekriegs gegen Israel erschütterte das arabische Selbstbewusstsein gegenüber dem Westen und das Vertrauen der Araber in ihre politischen Führer.
Jeder der Beiträge des Kapitels, in das Angelika Neuwirth überblickend einleitet, beschäftigt sich mit je einem Autoren unter dem Leitthema der Erinnerung, ohne sich aber auf exegetische Nischen zu fixieren. Jeder Aufsatz ist gleichzeitig eine Einführung in das Gesamtwerk eines Dichters wie z.B. Adūnis, der auch ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von Stefan Weidner, der auch den Beitrag verfasst hat.
Gerade Adūnis ist ein illustres Beispiel für die untrennbare Verflechtung des orientalischen Denkens mit dem des Okzidents; für den Dichter sind Maldoror, Zarathustra und andere Inkunabeln der europäischen Moderne von nicht geringerer Bedeutung als die arabische Tradition, ohne dass sie als importiert oder aufgepfropft empfunden werden müssten.
Ortspolygamie
Was in der gegenwärtigen Globalisierungsdebatte das global village genannt wird, entdecken die Autoren im gleichnamigen Kapitel (von Andreas Pflitsch eingeleitet) in der arabischen Literatur als Ortspolygamie. Sie assoziiert nicht nur die ungeheure geographische Ausdehnung des arabische Sprachraums (der erste Beitrag befasst sich mit dem algerischen Schriftsteller Habib Tengour, der letzte Beitrag mit dem Iraker Abdalkader al-Dschanabi), sondern vor Allem auch die lokale Entwurzelung und Pluralität der Lebenswelten für die Autoren wie für die Protagonisten.
Postmodern wird das Exil zu einer Heimat (delikaterweise leiten die arabischen Worte für „Westen“, „Ferne“ und „Exil“ sich aus demselben Wortstamm ab). Aus der Person werden „multiple Identitäten“ (Sélim Nassib). Man muss nicht zweimal hinhören, um die Brisanz dieser Fragen für die westlichen Diskurse zu erkennen. Orient wie Okzident sind einer paradigmatischen Vieldeutigkeit der Gegenwart ausgesetzt. Der Westen allerdings glaubt, in ihm allein realisiere sich die Problematik authentisch, der Orient zöge sich die Fragen nachahmend zu.
Geschlechtertransgressionen
Das letzte Kapitel des Bands (eingeleitet von Barbara Winckler) wendet einen Lieblingsterminus der (postmodernen) gender studies auf die arabische Literatur an: die Transgression. Der herkömmliche westliche (und vor Allem deutsche) Diskurs über die Geschlechtlichkeit des Orients träumt, je nach Vorliebe, entweder dem verkitschten Klischee einer Haremsromantik nach, oder grämt sich um die mit Schleier und Schlägen vermeintlich niedergehaltenen Frauen arabischer Machos.
Es fällt nicht schwer, die Einfalt dieser Ansichten zu erahnen. Doch die Komplexität und eben auch Post-Modernität des arabischen Geschlechterdiskurses verblüfft, obwohl sie sich selbstverständlich von westlichen Diskussionssträngen unterscheidet. Die libertinäre Indifferenz des auch im Westen wahrlich nicht allgemein bejahten metrosexuellen Lebensstils steht in der arabischen Literatur nicht im Fokus.
Vielmehr interessieren die traditionellen Geschlechterrollen als Metaphern für andere Rollenverhältnisse, es interessiert ihre Transgression, d.h. ihre Spiegelung, Brechung Infragestellung, Überschreitung nicht nur zum Selbstzweck, sondern als literarisches Bild, als metaphorische Arbeit. Dabei geht es nicht nur um die Rolle der Frau, sondern ebenso sehr um die des Mannes und die Liminalitäten der tradierten Geschlechtlichkeiten bis hin zur Androgynie und Homoerotik.
Der Band ist keine einfache, aber eine vortreffliche Kost. Auf einem hohen wissenschaftlichen und oft auch stilistischen Niveau wird umfassend und vielfältig in die moderne arabische Literatur eingeführt. Der leitmotivisch eingesetzte Begriff der Postmoderne stellt sich als überraschend produktiv und erhellend heraus. Die Herausgeber haben vortrefflich konzipiert und das Schwierige erreicht: fachlich anspruchsvoll auch Nicht-Fachleute anzusprechen. Der Laie jedenfalls schließt das Buch mit einer überwältigenden Menge von Leseanregungen und der alten sokratischen Einsicht, zu erkennen, wie wenig er doch bisher wusste.
Bernd Draser
Angelika Neuwirth, Andreas Pflitsch, Barbara Winckler (Hg.): Arabische Literatur, postmodern. edition text + kritik, München 2004, Kartoniert. 408 Seiten, ¤ 25,--. ISBN 3-88377-766-8
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