Theater fürs 21. Jahrhundert.
21.04.2005
Das Drama mit dem Theater
Mit „Theater fürs 21. Jahrhundert“ widmet sich die Edition „Text + Kritik“ einem Lieblingsopfer der Feuilletons: dem zeitgenössischen Theater. Aus verschiedenen Perspektiven untersucht der von Heinz Ludwig Arnold herausgegebene Sonderband den oft totgesagten Patienten auf seine Gegenwärtigkeit und Zukunftsfähigkeit.
Prolog: Kampfansage
„Und jeder der bis dahin folgen kann, und der bislang auch noch nicht pennt, der ist entweder nicht ganz klar im Kopf oder Theaterkassen-Abonnent.“
Mit diesen Zeilen schloss anno 1974 der gutbürgerliche Liedermacher Reinhard Mey seine Abrechnung mit dem modernen Schauspiel. Dieses hat, seinem Lied „Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern“ zufolge, nichts als lächerliche Provokationen und mit intellektuellen Phrasen übertünchte Handlungsarmut zu bieten. Abgesänge dieser Art haben seither ihren festen Stammplatz in der Hitparade der Feuilletons und einen gemeinsamen Refrain: Die Klage über den Tod des bürgerlichen Illusionstheaters, den Verfall des letzten Refugiums, in der man in aller Stille und Behaglichkeit wohlgeformte Dramen schaute und dabei sein eigenes, zeitresistentes Weltbild zementierte.
Denn ab jener Zeit, als Meys Hühner ihren Weg antraten, machten sich brandschatzende Theatermacher daran, dem heiligen Bürgertempel mit allerlei Sprengstoff zu Leibe zu rücken. Ihr Antrieb war die Vision, ihn aus der weltvergessenen Nabelschau in die ästhetische und inhaltliche Gegenwart zu katapultieren. Damit hofften sie, dem ihrerseits ebenso tot geglaubten Patienten neues Leben einzuhauchen.
Den heutigen Stand der Dinge an der heiß umkämpften Theaterfront fasst nun der von Heinz Ludwig Arnold herausgegebene Sonderband der Reihe Text + Kritik „Theater fürs 21. Jahrhundert“ zusammen. Und spürt in theater- und literaturwissenschaftlichen sowie theaterpraktischen Schlaglichtern der Frage nach: Was ist ein „Theater der Gegenwart“ zu Beginn des neuen Jahrtausends?
Die dramatische Wende (1)
Weil es aber bei allen geschichtlichen und künstlerischen Umwälzungen nichts Neues ohne das Alte gibt, handelt Arnold Benjamins „Engel der Geschichte“ entsprechend. Und trommelt noch mal alle Revolutionierungsversuche des Theaters der letzten drei Jahrzehnte zusammen.
So widmen sich drei Beiträge dem großen Beben, das ab jenen Siebzigern die Bühnen erschütterte und die Bürger grollen machte: Dem so genannten „postdramatischen Theater“. Mit diesem theoretischen Schlachtruf werden vor allem Inszenierungsformen zusammengefasst, die das Drama vom Thron der Gestaltungsmittel des Theaters stürzten. Statt einen Text mit in sich geschlossener, psychologisch durchdachter Handlung werkgetreu umzusetzen, rückten die Regisseure andere Aufführungs-Elemente in den Vordergrund. Und machten das Theater zur Performance.
So wurde (und wird) beispielsweise menschliche Körperlichkeit in ihren Extremen (z.B. durch Schreien) ausgestellt, wie der Wissenschaftler und Dramatiker Jens Roselt meint. Das dahinter steckende Prinzip sei dabei, für Zuschauer und Akteure gleichermaßen, die Ausfühlung. Statt sich selbst- und weltverloren in eine Handlung einzufühlen sollen beide Parteien auf Distanz zum Geschehen gehen, sich ihrer Gegenwart in einer Theatersituation wieder bewusst werden. Über die Bedeutung des Stimmklangs und deren Arrangement bei den postdramatischen Aufführungsformen sinniert ihr Namensgeber Hans Thies Lehmann. Wie diese durch ihr Raumkonzept politisch wirken können, zeigt Patrick Primavesi.
Der mediale Gipfel
Doch neben den herkömmlichen Inszenierungsbestandteilen wie Körper und Stimme drängten sich auch neue Gestaltungsmittel ins Rampenlicht. Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Ästhetik und einem Mehr an Gegenwart auf dem Theater stürmten vor allem Fernsehbilder und Videoinstallationen die Bühne. Wie eine Beziehung von Theater und den – in dieser Diskussion immer so genannten – „Medien“ (als wäre Theater keines) aussehen kann, bildet einen weiteren Themenschwerpunkt in „Theater fürs 21. Jahrhundert“. So hält Jens Roselt als eine Form „Wie Theater mit Medien arbeiten“ fest, dass es die Verfahrensweisen von Fernsehen und Video ausstellt und reflektiert.
Auch viele Autoren nutzten die „Medien“ für sich. Sie spickten ihre Texte mit Filmzitaten (René Pollesch) oder untersuchten das Fortleben alter Mythen in bewegten Hollywoodbildern (Albert Ostermeier).
Der dramatischen Wende Zweiter Teil
A propos junge Autoren: die sind immer ein geeignetes Mittel, Theater in Kontakt mit der Gegenwart zu bringen. Und so erlebte das Drama in den 90ern eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes. Heerscharen junger Autoren drängten mit oft provokanten bis schockierenden Zeit-Stücken auf die Spielpläne. Einen Überblick über die „jungen Wilden“ und ihre Werke gibt Spela Virant am Ende des Buches. Das sich überhaupt, der Grundausrichtung der Edition „Text+Kritik“ folgend, vorrangig mit dem Schaffen einzelner Autoren befasst. So analysiert Christian Dawidowski die Pop-Diva Sibylle Berg, die mit ihren grotesken Sex- und Gewaltstücken vor allem unter jungen Zuschauern Kultstatus genießt. Außerdem untersucht Reinhard Wilczek den utopistischen Grundzug in den Dramen Moritz Rinkes.
Epilog: Die Versöhnung
Was am Theater zu Beginn des 21. Jahrhunderts auffällt, ist die Tendenz zur Aussöhnung von avangardistischen Tendenzen und bürgerlicher Tradition. Schon bei den Autoren der Neunziger fiel eine Rückwendung zum Erzählen von Geschichten auf, wie der Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel in einem Interview feststellt. Damit ist eine Abkehr von Form- und Sprachexperimenten gemeint, wie sie beispielsweise Heiner Müller in den 70ern unternahm (der mit einem Beitrag von Markus Steinmayr auch in diesem Sonderband vertreten ist). Der buchstabierte sich in seinen Texten durch die (Theater-)Geschichte und funktionierte das Drama zum gesellschafts- und literaturwissenschaftlichen Diskurs um.
Auch bei der Inszenierung ist eine neuerliche Hinwendung zum traditionellen, bürgerlichen Erzähltheater zu beobachten. Das allerdings behutsam mit den ästhetischen Neuerungen durchsetzt wird. Das zeigt der Literaturwissenschaftler Ralph Köhnen am Beispiel des Schauspielhauses Bochum und die Dramaturgen Judith Gerstenberg und Matthias Günther für das Theater Basel. Vor allem diese drei Artikel sind die erhellendsten und lohnendsten des gesamten Bandes, da sie aktuelle Tendenzen zusammenfassen und in einem praktischen Zusammenhang unter die Lupe nehmen. Sie geben wirklich einen Überblick, wie ein „Theater der Gegenwart“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts aussieht.
Die übrigen Beiträge über einzelne Theaterphänomene und -autoren schlagen alle am wissenschaftlichen Puls der Zeit. Und vermögen es immer, auch auf schon vielerorts diskutierte Erscheinungen, neue Blickwinkel aufzuzeigen. Damit sind sie vor allem für die zeitgenössische Forschung interessant, der sie garantiert neuen Treibstoff liefern werden; sind also vor allem Theater- und Literaturstudenten-Futter.
Der „aufmerksame Theatergänger“ jedoch, den Arnold im Editorial anspricht, wird mit den wenigsten Beiträgen etwas anfangen können. Es sei denn, er verfügt über einen profunden akademischen Hintergrund in den vertretenen Wissenschaften. Er wird, so er in der vielerorts noch gängigen bürgerlichen Theatervorstellung verhaftet ist, auch weiterhin den Kopf schütteln über „wirre“ Regieeinfälle. Und einen Furor entfachen um diese neumodischen Aufführungen, die ihm den Abend zunichte gemacht haben. Von diesen Seiten ist kein Beitrag zur Versöhnung auf breiter Ebene zu erwarten.
Ivo Wieczorek
Heinz Ludwig Arnold/Christian Dawidowski (Hrsg.): Theater fürs 21. Jahrhundert Edition Text+Kritik, 2004 Broschiert, 250 S., EUR 24,90 ISBN: 3-88377-769-2
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