Gustave Flaubert: Wörterbuch der gemeinen Phrasen
28.04.2005
Flauberts Papageien
Als der große Flaubert ganz Ohr war: Die Gemeinplätze einer versunkenen Epoche für Leser, die daraus einen Gegenwartsroman machen wollen
Dass „Schweißfüße ein Zeichen von Gesundheit“ seien und Kaffee nur gut sein könne, „wenn er aus Le Havre kommt“, mag den deutschen Leser genauso wenig interessieren wie die messerscharfe Analyse, Junggesellen seien „egoistisch, liederlich und schlafen mit ihren Dienstmädchen“.
Gemeinplätze aus einer vergangenen Zeit sind das, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Floskeln, die man in den französischen Salons und auf sonstigen Jahrmärkten der Eitelkeiten plapperte, um, wie Flaubert es präzise beschreibt, „als liebenswürdiger und angenehmer Mensch zu gelten“.
Aber: Flaubert eben, der Romangigant, dem man ein Nebenwerk im Nebenwerk, wie es dieses „Wörterbuch der gemeinen Phrasen“ zweifellos ist, nachsieht. Aber muss man es auch lesen?
Man sollte es unbedingt lesen. Gerade weil uns hier nicht das poetische Gehirn Flauberts eine Lese- und Denkrichtung vorgibt, sondern nur das Ohr und die archivierende Schreibhand des Meisters Material gesammelt haben, aus dem wir uns einen eigenen Roman zusammenlesen können.
Was nicht immer leicht ist. Flauberts „Wörterbuch“ ist kein häppchenweise zu konsumierendes Kunstprodukt wie etwa der zynische Diktionär des Ambrose Bierce, auch keine Sammlung von Anekdoten und Aphorismen, aus denen uns so etwas wie Oscar-Wilde’sche Eleganz entgegenwehte. Viele Bedeutungen sind uns heute gar gänzlich unklar und bedürfen der helfenden Hand des Herausgebers und Übersetzers Hans-Horst Henschen, der in Annotationen und einem so ausführlichen wie lehrreichen Nachwort als Guide zur Verfügung steht.
Was uns dieses „Wörterbuch“ letztlich bringt, ist das disparate Gemälde einer Zeit, die aus dem Geplapper der sie konstituierenden Papageien besteht. Kunst? Führt ins Armenhaus. Alles Leder kommt aus Russland. Gymnastik? Kann man gar nicht zu viel betreiben.
Und während wir uns in die Welt des Flachsinns einer vergangenen Epoche zurücklesen und seine Erzeuger in ihrer altertümlichen Kleidung und ihrem affektierten Gehabe vor uns sehen, mag sich etwas anderes einschleichen. Vielleicht, dass gute Turnschuhe immer drei Streifen haben müssen und ehrliche Musik immer handgemacht wird oder nur deutscher Spargel, von deutschen Arbeitslosen geerntet, deutscher Spargel ist.
Et voilà – wir sind angekommen im Hier und Jetzt. Dank Gustave Flauberts „Wörterbuch der gemeinen Phrasen“, einer kleinen Wundertüte von Buch, das uns das Fliegen beibringt.
Dieter Paul Rudolph
Gustave Flaubert: Wörterbuch der gemeinen Phrasen
Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und annotiert von Hans-Horst Henschen
Eichborn, Berlin, 2005
Gebunden, 215 S. 16,90 ¤
ISBN: 3-8218-0741-5