Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 06:47

 

R. Reichensperger: (rire). Literaturkritik | Kulturkritik.

13.05.2005

Das Lachen des Toten

In Österreich gehörte Richard Reichensperger zu jener journalistischen Elite, die Zeitungslektüre zu einem intellektuellen Vergnügen machte und den Leser motivierte, sich den Namen eines Autors zu merken, auch wenn der nur für den Tag zu schreiben schien.

 

Gerne würde man den journalistischen Nachwuchs dazu verpflichten, gelegentlich ältere Jahrgänge der großen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen zu studieren und sich dem längst exotischen Zustand zu konfrontieren, da Publizisten, die anderen etwas mitteilen wollten, noch über einen Standpunkt und eine Haltung verfügten, über einen persönlichen Stil und die Fähigkeit, mehr als drei grammatisch richtige Sätze aneinanderzureihen. Der Niedergang des Qualitätsjournalismus war zwar seit längerem voraussehbar, das Tempo aber dieses Verfalls und seine Radikalität übertreffen alle Erwartungen.

In Österreich gehörte Richard Reichensperger zu jener journalistischen Elite – und hier darf dieses Wort einmal ohne Arroganz und Snobismus verwendet werden –, die Zeitungslektüre zu einem intellektuellen Vergnügen machte und den Leser motivierte, sich den Namen eines Autors zu merken, auch wenn der nur für den Tag zu schreiben schien. Reichensperger arbeitete für den „Standard“, jene lachsfarbene Tageszeitung, die Oscar Bronner angesichts des Elends der österreichischen Presselandschaft gegründet hatte und der sich, allen pessimistischen Prognosen zum Trotz, nicht nur halten konnte, sondern diese Presselandschaft auch nachhaltig verändert hat.

Im vergangenen Jahr starb Reichensperger, nur 43 Jahre alt. Kollegen haben nun eine von ihm selbst noch geplante Sammlung von literatur- und kulturkritischen Artikeln und Gesprächen des Journalisten herausgegeben. Am Anfang stehen zwei Vorworte von Größen des österreichischen Geisteslebens, die selbst Gegenstand von Reichenspergerischen Reflexionen waren: Elfriede Jelinek und Hermes Phettberg. Auch Reichenspergers Kollege Christoph Leitgeb erinnert sich. So viel gute Nachrede: Es wird einem ganz schwindlig. Der Sarkastiker, der die österreichischen Verhältnisse kennt, fragt sich, ob Reichensperger sterben musste, damit ihm diese verdiente Ehrung widerfährt.

Der Österreicher, der die Verhältnisse kennt, der aus der Ferne beobachtet, wie sie in diesem „Gedankenjahr“ 2005 zurechtgelogen werden, liest den Schluss von Richard Reichenspergers Ausführungen zu Ilse Aichinger, der er, wie sich herumgesprochen hat, persönlich nahe stand, geschrieben im Jahr 1995, und es verschlägt ihm dennoch die Sprache: „Als sie, der im Krieg alles genommen worden war, nach 1945 auf dem Wiener Wohnungsamt vorspricht, antwortet ihr der Magistratsbeamte: ‚Schlafen’S in der Hängematt’n!’“ Soviel vorerst zum Thema „Österreich und seine Dichter“.

Reichenspergers Gedanken über Literatur sind selbst Literatur. Sie sind manchmal sprunghaft, assoziativ eher als analytisch. Der Scharfsinn paart sich mit einer bildhaft-plastischen Darstellung. Dass Reichensperger die Literatur geliebt hat, lässt sich nicht bezweifeln. Dass er sich freilich nicht in ein Kartell der Lobhudler einbinden ließ, das in Österreich fast stets auf Gegenseitigkeit funktioniert, wird ebenso deutlich. Manchmal ist es nur ein ironisches Beiseite, was die Weigerung signalisiert, sich einem allzu wohlfeilen Konsens unterzuordnen.

Mit mancher Wertung kann auch der Rezensent nicht übereinstimmen (was gegen Reichensperger, aber ebenso gegen den Rezensenten sprechen mag). Das krasseste Fehlurteil, wenn’s gestattet ist: dass Joseph Roth ein überschätzter Schriftsteller sei, bei dem keineswegs das Werk, sondern nur die Biographie interessant sei. Als private Idiosynkrasie wollen wir das gelten lassen. Einen Ansatz zu einer Objektivierung dieser Verdammung bleibt Reichensperger schuldig. Er kritisiert Roth politisch, ideologisch, nicht literarisch, behauptet lediglich, Roth sei kein großer Dichter, weil er angeblich das Denken im Dichten ablehne. Das scheint mir gleich in mehrfacher Hinsicht falsch. Denn erstens trifft es auf Joseph Roth mit dieser Pauschalität nicht zu – man erinnere sich nur an Chojnickis Ausführungen im „Radetzkymarsch“ oder an die durchaus dichterischen Essays über „Juden auf Wanderschaft“ –, zweitens gibt es jede Menge großer Dichter, die das Denken im Dichten ablehnen.

Und dass Reich-Ranicki ihn schätzt – dafür kann man Joseph Roth wirklich nicht verantwortlich machen. Gerne hingegen folge ich Reichensperger in der Beurteilung Hermann Hesses als „verblichenen Einzelfall“ für eine unsystematische Hochschulgermanistik. In diesem Kontext fragt Reichensperger auch rhetorisch nach, warum das Vorlesungsverzeichnis der Wiener Universität immer noch mit der Theologie beginnt. Ja warum wohl? Vielleicht, weil die Verfasser das Denken in der Wissenschaft ablehnen…

Eins freilich irritiert auch bei einem Meister seines Faches wie Reichensperger: der medienbedingte Zwang zur Kürze. Manchmal reichen ja die paar Zeilen. Häufiger aber spürt man, dass Reichensperger mehr zu sagen hätte, als das Format zulässt. Da bricht ein Gedankengang vorzeitig ab, da fehlen Begründungen, die der Autor, das ist erkennbar, kennt, da bleibt Fragment, was ein Essay hätte werden können. Die Misere des Journalismus ist nicht nur die Misere des journalistischen Nachwuchses, sondern auch die Misere von Medien, die über anderthalb Minuten oder 40 Zeilen hinauszudenken kaum mehr bereit sind.

Zu den wenigen längeren Texten gehört einer über Karl Ignaz Hennetmair, nicht etwa über Thomas Bernhard – der dann eben doch auch ein Text über Thomas Bernhard ist. Der taucht, ebenso wie die Jelinek, bei Reichensperger immer wieder auf. Er ist, wie diese, einer seiner Bezugspunkte für das Verständnis der (österreichischen) Literatur.

Was dieses Buch auch dokumentiert, ist der zunehmende Trend zum Anlassjournalismus. Ein großer Teil der Würdigungen gehört der Gattung des Nachrufs oder des Jubiläumsartikels an. Als wären Künstler just dann (nur) der Beachtung wert, wenn sie gerade gestorben sind, als wären ihre Werke gerade dann besonders bedeutend, wenn die seit der Geburt oder dem Tod ihres Schöpfers verflossene Zeit eine runde Zahl zulässt. Nicht der Rede wert? Aber doch. Es ist ein Symptom für eine Kultur, die sich immer mehr an belanglosen Äußerlichkeiten orientiert. Orientiert? Die ohne solche Anlassfurze offenbar orientierungslos ist.

Ich habe Reichensperger zu Lebzeiten nicht gekannt. Ich habe nie mit ihm zu tun gehabt. Ich darf ihn also ungeniert und unverdächtig preisen. Mein Beifall ist kein Freundschaftsdienst. Er gilt ausschließlich den Texten, die ihren Autor überlebt haben. Zwischen Buchdeckeln, auf denen ein Namenskürzel steht, das, wie es die französische Sprache will, ein Programm formuliert. rire – Lachen. Aus dem Grab heraus.
                                             
Thomas Rothschild


Richard Reichensperger: (rire). Literaturkritik | Kulturkritik.
Herausgegeben von Claus Philipp und Christiane Zintzen.
Springer, 2005.
Karton. 246 S., EUR 15,00.
ISBN 3-211-22260-X.

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...