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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:48

 

Jean Améry: Werke. Über das Altern. Hand an sich legen.

07.07.2005

Ist ein Schnitter, der heißt Tod


Nur selten sind Leben und Werk eines Schriftstellers so eng verknüpft gewesen wie bei Jean Améry. Das Wissen um die körperlichen und seelischen Gefährdungen seiner Person hat er in etlichen intelligenten Essays versucht auszudrücken. Der bei Klett-Cotta auf neun Bücher angelegten Werkausgabe Amérys wurde nun der dritte Band mit den beiden Essaysammlungen „Über das Altern“ und „Hand an sich legen“ hinzugefügt.

 

Eigentlich möchte man sich gar nicht darüber äußern, dass Améry sich nicht nur literarisch dem Thema des „Freitods“ widmete und in diesen Aufsätzen aus der Perspektive dessen spricht, der freiwillig den Ausgang aus dem Leben sucht. Dieses schwierige Sujet wollte der ehemalige KZ-Häftling, der 1978 selbst „Hand an sich legte“ (um hier bereits in seinen Worten zu sprechen) und den Tod starb, um den er sich vorher so viele Gedanken machte, mit „Empathie und Introspektion“ handhaben. Soll man sagen, Améry sei nur konsequent gewesen und habe seine Theorie bis in die Praxis überführt? Waren seine Arbeiten vielleicht weniger Strategien zur Bewältigung als vielmehr Ausdruck von Hilflosigkeit? Man möchte sich nicht über diesen schwierigen Zusammenhang zwischen dem Lebens- und Leidensgeschäft des Autors auf der einen und den theoretischen Überlegungen auf der anderen Seite auslassen, weil alles in den blauen Dunst gesprochen wäre und so spekulativ daherkäme, dass sich schließlich jede Behauptung wie von selbst wieder einschränken würde.

Schwebende Raffinesse

Amérys Sprache ist jedenfalls von einer leicht altmodischen Eleganz und schwebender Raffinesse geprägt, die in keinerlei Weise auf Hilflosigkeit, auf einen bedrückenden Appell an die Leser schließen ließe. Schriftsteller behaupten im Übrigen häufig, dass auch den ganz ernsten Themen ein Schuss spielerisches Flair mitgegeben werden muss, damit die Arbeit nicht wie eine Bleikugel auf dem Grund des literarischen Meeres landet. Jean Améry schien das gewusst zu haben, denn es sind ja nicht nur die bloßen Gedanken, die die beiden Essaysammlungen „Über das Altern“ und „Hand an sich legen“ lesenswert machen, sondern vor allem auch die Sprache, mit der er fast schon genüsslich (so prekär sich das bei diesem Sujet auch anhören mag) seine Themen ausbreitet.

Wie können seine Methoden beschrieben werden? Améry arbeitet enorm präzise, es geht ihm um Klarheit und Verstehbarkeit. Wir haben es hier mit erklärenden Texten zu tun, was bedeuten soll, dass die einzelnen Aufsätze in ihrem semantischen Gehäuse zunehmend eindeutig und umsichtig erläuterbar sind. Auch bemüht er sich, seinen Standpunkt so zu präsentieren, dass einem schnell deutlich wird, hier spricht jemand aus einer ganz individuellen Tonlage heraus. Die Essays nützen Leerstellen aus, sie haben die Funktion von „missing links“, denn Améry sitzt quasi zwischen den Stühlen. Er schreibt nicht als Fachvertreter, als Arzt, Philosoph oder Theologe, aber er nimmt sich aus diesen Bereichen die Begriffe und Überlegungen, die in sein theoretisches Muster passen, und er mischt daraus seinen eigenen Teig zusammen.

Es ist die Schärfe der Gedanken, wenn er zum Beispiel Wittgenstein als Vertrauensmann heranzieht, um über die Differenz der Kategorien Leben und Tod zu reflektieren, die der Sammlung „Hand an sich legen“ die notwendige Seriösität verleiht. Améry war klar, dass ein Sprechen über den Tod häufig in esoterische Gefilde abgleiten kann, da dieser Bereich der Erfahrung unzugänglich ist und somit einen Freiraum für Spekulationen jeglicher Art bieten kann. Gerade die enorm abstrakten und objektivierenden Überlegungen, die der Autor anstellt, vermitteln den Eindruck, als sei hier ein kühler Kopf am Werk, der aus souveräner Distanz und eigener biographischer Teilnahmslosigkeit gekonnt den Rahm abschöpft. Wenn Améry nun aber in einen kurzen Abschnitt die von ihm so empfundene Schmach schildert, bei seinem Versuch der „Selbstabschaffung“ wieder ins Leben zurückgeholt zu werden, dann spielt sich eine subjektive Stimme in den Chor der wie objektiv wirkenden Überlegungen.

Versuch der "Selbstabschaffung"


Der Autor selbst hat die Sammlung „Hand an sich legen“ als Fortsetzung von „Über das Altern“ gesehen, und es ist natürlich bereits ohne Kenntnis der Texte ein Zusammenhang oberflächlich zu erkennen. In der ersten Reihe der Aufsätze finden sich ein stärkeres Aufrufen fremder Positionen und deren Diskussion wieder. Natürlich ist es auch der Standpunkt des alternden Intellektuellen, der in „Über das Altern“ beschrieben wird. Dass hier jemand innerhalb des Kulturbetriebes, dessen Geist so flexibel und aufnahmefähig ist, nicht mehr mit den Umschwüngen in Literatur, Musik, Kunst und Philosophie mitkommt, sie nicht mehr nachvollziehen kann, weil er einer anderen Zeit entstammt, das ist ein Thema dieser Sammlung.

Mit diesem dritten Band wird die wunderbare Werkausgabe von Jean Améry also fortgesetzt. Neben der formidablen Buchgestaltung, die von der Drucktype bis zum bedruckten Hardcover reicht, muss auch der knapp 200 Seiten lange Anhang noch erwähnt werden. Gründlichkeit scheint hier keine Grenzen zu kennen. Améry hat für seine Arbeiten auf etliche Vorbilder zurückgegriffen, die im Abspann nicht nur bibliographisch aufgeführt, sondern auch durch längere Textstellen zitiert werden, was vielleicht etwas zuviel des Guten ist. Die beiden informativen Nachworte stellen den Zusammenhang zwischen den aufgeführten Quellen dann aber sinnvoll her.

Thomas Combrink



Jean Améry: Werke. Über das Altern. Hand an sich legen.
Band 3.
Klett-Cotta, Stuttgart, 2005.
Gebunden, 537 S., EUR 34,00.
ISBN 3-608-93563-0.

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