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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:48

 

S. Arend/A. Martin (Hgg.): Irmgard Keun 1905/2005

14.07.2005

 
Schreibende Frau

Der vorliegende Band aus dem kleinen Aisthesis Verlag ergänzt die vorhandenen Aufsätze und Monographien durch Beiträge zu verschiedenen Aspekten von Keuns Werk und liefert so Material für eine gründliche Diskussion ihres Schaffens.

 

Wenn von schreibenden Frauen die Rede ist, fällt ihr Name: Irmgard Keun. In der Regel wird ein Titel genannt, „Das kunstseidene Mädchen“. Irmgard Keuns zweiter Roman gilt als Musterbeispiel für die Literatur der Neuen Sachlichkeit. Aber Irmgard Keun ist nicht nur die Autorin eines einzigen Romans, und sie ist nicht als weibliches Kuriosum bemerkenswert, sondern als eine der herausragenden Figuren der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn sie immer noch nicht jene Bekanntheit für sich in Anspruch nehmen kann, die ihr von der Qualität ihres Werks her zustünde, so liegt das wohl auch weniger, wie einige Feministinnen behaupten, an der Geringschätzung von Frauen, als an der Zerstörung des literarischen Kanons durch den Nationalsozialismus, der Irmgard Keun zusammen mit Männern ihrer Generation zum Opfer fiel.

In den vergangenen Jahren haben sich Schriftstellerinnen und Literaturwissenschaftler verschiedentlich, fast durchweg lobend, zu Irmgard Keun geäußert. Der vorliegende Band aus dem kleinen Aisthesis Verlag ergänzt die vorhandenen Aufsätze und Monographien durch Beiträge zu verschiedenen Aspekten von Keuns Werk und liefert so Material für eine gründliche Diskussion ihres Schaffens. Dabei ist unübersehbar, dass die Keun-Forschung das Stadium der kämpferischen Anprangerung einer patriarchalischen Literaturgeschichtsschreibung hinter sich gelassen hat und nunmehr durch die präzise
Untersuchung von Einzelfragen die Kenntnisse über Irmgard Keun vermehrt, statt ihr Fehlen lediglich zu bedauern. Indem sie das Spektrum der Fragestellungen erweitert, überwindet sie auch die eigene Befangenheit in dem angeblich beklagten Zustand, in dem schreibende Frauen auf andere Weise gewürdigt – oder eben nicht gewürdigt – werden als schreibende Männer.

Urte Helduser zum Beispiel weist den hohen Stellenwert der Populärkultur in den ersten beiden Romanen Irmgard Keuns nach und meint, diese Romane seien selbst der Trivialität verdächtigt und deshalb unterschätzt worden. Aus heutiger Sicht könnte die Beschäftigung mit Formen der Populärkultur umgekehrt als geradezu avantgardistisch bewertet werden.
Erhellend ist auch Dirk Niefangers Vergleich von Keuns Debüt „Gilgi - eine von uns“ (der Titel wird im Band in unterschiedlicher Schreibweise zitiert) mit Siegfried Kracauers Roman „Ginster“, der im Übrigen nicht weniger und nicht weniger zu Unrecht vergessen ist als Irmgard Keuns Werk.

Was für Niefanger Kracauer, liefert für Stephanie Waldow Walter Benjamin: Kategorien zur Profilierung von Irmgard Keuns Themen und Schreibweisen. Beide, Kracauer wie Benjamin, machen erkennbar, wie sehr die Keun als Protagonistin ihrer Zeit gelesen werden muss, aber auch, worin ihre Besonderheiten bestehen.

Die Aufsätze zu fast allen Werken der Keun aus der Weimarer Republik, aus dem Exil und aus der Nachkriegszeit werden ergänzt durch ausführliche Dokumentationen zur zeitgenössischen Rezeption von Irmgard Keuns Büchern, durch Briefwechsel mit Kurt Tucholsky, Robert Neumann, Hermann Kesten und Heinrich Mann, sowie ein Feuilleton Irmgard Keuns aus dem Jahre 1932.

Thomas Rothschild


Stefanie Arend/Ariane Martin (Hgg.): Irmgard Keun 1905/2005.
Deutungen und Dokumente.
Aisthesis Verlag, 2005.
Broschur. 322 S. ¤ 24.80.
ISBN 3-89528-478-5.

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