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Milan Kundera: Der Vorhang

01.09.2005

 
Werkstatt der Verstorbenen

In seinem Großessay „Der Vorhang“ verführt Milan Kundera geistreich zum Lesen von Romanen. Leider lamentiert er auch.

 

Natürlich erkennen alle Freunde Beethovens Neunte. Nur der Orchestermusiker zögert, ehe er sagt, das höre sich an wie der späte Beethoven. „»Woher weißt Du, dass es der späte ist?« Worauf mein Vater sie auf eine bestimmte Harmoniefolge aufmerksam macht, die der jüngere Beethoven nie hätte benutzen können.“ Dann behauptet Milan Kundera, schon als Junge die Reihenfolge von Apollinaires Werk auswendig gekannt zu haben. So zeige sich „das Bewusstsein für historische Kontinuität“. Ganz schön eitel, dieser Auftakt. Milan Kundera kann ihn sich leisten. Der Vorhang ist, nach Die Kunst des Romans (1986) und Verratene Vermächtnisse (1994), bereits sein dritter Großessay. Und wieder wird er treue Leser finden.

Das Erfolgsgeheimnis Kunderas gründet im Anschein des Intimen. Seine Theorie des Romans verzichtet auf eine strenge Systematik. Kundera entwickelt sie anhand von Skizzen, Miniaturen, Fragmenten. „Plötzlich“ erinnert er sich da an „das Böhmen meiner Jugend“, an Gespräche, an erotische Phantasien. In seinen stärksten Momenten argumentiert er dabei „analytisch, luzide, witzig“ - und erfüllt damit, was Kundera auch von einem guten Roman fordert. Zugleich verströmen seine Überlegungen ein behagliches Gefühl. Wer den Vorhang öffnet, findet auch diesmal alte Bekannte: vom Urvater Rabelais über Kafka und Dostojewski hin zu Broch und Gombrowicz.

Weil Kundera in seinem Werkstattgespräch mit den (vorrangig) Toten genau hinschaut, gewinnt er vielen Werken ein neues Detail ab: Dass etwa Stifter ein halbes Jahrhundert vor Max Weber die existenzielle Bedeutung der Bürokratie entdeckt habe, hat man so, vor allem so elegant noch nicht gelesen.

Hinter dem Vorhang verbergen sich auch die vertrauten Denkfiguren, allen voran die simple, aber verführerische These, dass die Ironie des Romans eine Ethik des Möglichkeitssinns begründe. „Ein aus Legenden gewebter magischer Vorhang hing vor der Welt. Cervantes schickte Don Quichote auf die Reise und zerriß den Vorhang. Die Welt tat sich in der ganzen komischen Nacktheit ihrer Prosa vor dem fahrenden Ritter auf.“ Das wird durch Wiederholung nicht schlechter, nur ein wenig langweilig. Auch die These, dass es keine Geschichten der Gattung Roman gibt, sondern nur eine, um Epochen- und Sprachgrenzen unbekümmerte Geschichte, die an Länder- und Sprachgrenzen nicht halt macht, dürfte allen, denen am Eigensinn der Literatur liegt, gefallen – wenn Kundera sie nicht wehmütig als Einbahnstraße schildern würde.

Diese Wehmut aber liegt drückend über den 224 Seiten. Zwar wird Kundera nicht müde, den Roman als genuin europäische Erfindung zu feiern, andererseits variiert er die sattsam bekannte Klage, dessen Leben spiele seit geraumer Zeit nur mehr in Lateinamerika und den postkolonialen Staaten. Und Europa? „Europa hat es nicht geschafft, seine Literatur als historische Einheit zu denken, und ich werde nicht aufhöre zu wiederholen, daß darin sein irreparables intellektuelles Scheitern liegt.“ Abgesehen davon, dass Kundera sich mit solch ironiefreien Bemerkungen bei jedem Thekengespräch mit seinen Lieblingsfeinden, den Professoren und Literaturkritikern, unverhoffte Freunde machen würde - durch welche Argumente ist dieser denunziatorische Gestus gegenüber der Gegenwart gedeckt, wenn nicht durch ein romantisches Klischee? Dass in Europa keine aufregenden Romane mehr geschrieben werden, kann Kunderas Ernst ja wohl nicht sein.

Mit der Biografie des Autors behilft sich, wer es besser nicht weiß. Anderseits gilt hier ein Satz des Autors. „Keiner wird den anderen verstehen, ohne zuerst einmal sein Alter zu verstehen“, schreibt Kundera, ehe er - als ob er plötzlich an den Vater denke - über die folgenlose Größe des späten Beethoven meditiert: „ohne Schüler, ohne Nachfolger, ist das Werk seiner abendlichen Freiheit ein Wunder, eine Insel.“ Die Elegie des 76-Jährigen ist eben auch ein autobiografisches Alterswerk. Der Grundton des Alters aber, sagt das Klischee, ist die Melancholie.
Nur keine Sorge um den Roman! Sein Leben ist anderswo – und hier.           

Jens Poggenpohl


Milan Kundera: Der Vorhang.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller.
Carl Hanser Verlag. München/Wien 2005.
Gebunden, 224 Seiten.
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 3-446-20659-0

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