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Der Neandertaler wird 150 und sein Image wird jünger

09.03.2006


Keulenschwingender Superstar?

Wer heute bei Mettmann durch das Neandertal wandert, kann sich nur schwer vorstellen, wie es vor Hunderttausenden von Jahren dort aussah: das Tal ein "Gesteins" und enge Kalkfelsen ragten bis an die Düssel.

 

Die hatte sich durch den Kalk gefressen und unter anderem zahlreiche Höhlen hinterlassen. 1856, vor 150 Jahren dann, hatten Bauarbeiter beim Kalkabbruch in der Feldhofer Grotte Knochenreste entdeckt, die sie für außergewöhnlich hielten. Ein Wuppertaler Lehrer namens Johann Carl Fuhlrott nahm sich der Sache an. Er ahnte, dass diese Funde in die Geschichte eingehen würden, denn es musste sich um die Überreste einer vorzeitlichen Menschenart handeln: den "Neanderthaler". Der wurde nach und nach zum Mythos: nicht nur als unser vor 30 000 Jahren ausgestorbener Verwandter, sondern als keulenschwingender Kraftprotz, behaarte Kreatur, eine Art Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Dieses Bild hat die Forscher seither nicht mehr hat ruhen lassen. Und rund um diese Knochen entstand 1996 ein Neanderthal-Museum, das in der grünen Landschaft durch seine markante spiralförmige Architektur besticht.

Dort können Besucher die Entwicklungsgeschichte der Menschheit von den ersten Frühmenschen und ihren angenommenen Anfängen in den afrikanischen Savannen vor vier Millionen Jahren bis heute erleben. Die verschiedenen Bereiche wie Leben und Überleben, Werkzeug und Wissen, Mythos und Religion, Umwelt und Ernährung, Kommunikation und Medien werden dort anschaulich und spannend präsentiert.

Wer sich nun auch ortsunabhängig mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem seien zwei interessante Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt empfohlen, die beide den selben Titel tragen: „Die Neandertaler“. Archäologen und Steinzeitforscher haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten erneut mit dem Neandertaler und seinem Mythos auseinandergesetzt und das Bild vom undifferenzierten Kraftprotz zurechtgerückt – und das nicht nur im Hinblick auf das „Jubiläumsjahr“ 2006. Befunde zeigen, dass der Neandertaler wesentlich entwickelter war als bisher angenommen, dass er durchaus ein ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag legte und sich hochentwickelter Werkzeuge und Jagdtechniken bediente, dass er sowohl sprachlich als auch religiös entwickelt war. In den beiden hier erwähnten Büchern haben sich vier ausgewiesene Kenner der Materie dieses Themas angenommen. Den Weg zum modernen Menschen zeigt eindrücklich die stellvertretende Leiterin des Neanderthalmuseums, Bärbel Auffermann auf, die gemeinsam mit dem kompetenten Spezialisten der internationalen Neandertal-Forschung, Jörg Orschiedt, ein reich bebildertes Buch aus dem Theiss Verlag erarbeitete. Nicht minder kompetent sind die Schreiber des übersichtlich aufgemachten Beck’schen Taschenbuches: Friedemann Schrenk und Stephanie Müller. Prof. Schrenk, der die paläoanthropologische Abteilung des renommierten Frankfurter Senckenberg-Museums leitet, wo auch Stephanie Müller arbeitet, lehrt zudem an der J.W. Goethe-Universität in Frankfurt, Paläobiologie.

Glücklicherweise hat die wissenschaftliche Beschäftigung der Autoren mit dem Thema eine klare Ausdrucksweise nicht verhindert. Insofern ist die Lektüre auch ein Gewinn für Nicht-Wissenschaftler.

Petra Kammann


Lesetipps


Friedemann Schrenk, Stephanie Müller:Die Neandertaler,
C.H. Beck Wissen .
EUR 7, 90 (ist bereits erschienen)







Bärbel Auffermann/ Jörg Orschiedt, Die Neandertaler. Auf dem Weg zum modernen Menschen, Theiss, 160 Seiten mit ca. 120 farbigen Abbildungen, Einführungspreis bis zum 31.12.2006, 29,80, danach EUR 36,-- (erscheint im Laufe des April)

BU: Unsere Vorfahren: Jäger und Sammler, Blick ins Neanderthal-Museum, Foto: Petra Kammann

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