Dieser dem Zeitgeist geschuldete Stakkato-Stil („ein schneller Streifzug“) ist nach ein paar Seiten schon unerträglich. Da hat sich einer wohl zu sehr anstecken lassen von der hemmungslos-genialischen Subjektivität Klabunds, die sich in „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ so wunderbar Bahn tritt. Hier aber wird man nur allzu deutlich an den Spruch erinnert: „Quod licet Iovi, non licet bovi.“ Und wer hier Jupiter und wer das Rindviech ist, scheint allzu offensichtlich.
Für mächtiges Rauschen hat Weidermann im deutschen Blätterwald gesorgt, Schimpfonaden gegen ehrenwerte Männer ausgelöst, Diskussionsforen zersprengt und die Literaturkritik in Emphatiker und Gnostiker gespalten. Dabei ist dieses Büchlein kaum ein laues Lüftchen. Ein schwüles Lüftchen vielleicht, ein stickiges sogar. Und dennoch scheint es eine Gefahr zu bergen. Es folgt allzu deutlich einer sich ausbreitenden Mode: das heidenreichsche Larifariloben, das der öffentlich-rechtlichen Seele so seltsam wohltut. Hier bekommt diese nette Oberflächlichkeit von einem gewichtigen Verlag einen gewichtigen weidmannsgrünen Umschlag verpasst. Und das mit sci-fi-glitzerndem Titel. Eine wahre Missgeburt.
Aber Weidermann gefällt sich wohl im Gestus der Gewichtigkeit. Denn er stattet sein an sich lächerliches Buch mit so langen Dankeshymnen aus, als sei hier Wort um Wort in die Ewigkeit gemeißelt worden. Dabei tropfte doch nur ein wenig Redaktionsstubenschweiß von einer völlig überhitzten Stirn. Wenn Weidermann sein Werk meinetwegen „Meine kleinen, einfältigen Notizen zu einzelnen Bücher aus der Nachkriegszeit, die zu verlegen tatsächlich jemand gewagt hat“ genannt hätte, dann... Ja, dann. Aber nein, sogar Biermann hat jetzt KIWI verlassen wegen diesem skribbelnden Windbeutel. Ob das klug war, Wolf?
Kopflose Kunstlosigkeit
Zum Konzept: 300 Seiten, 130 Autoren. Schergewichte und Fliegengewichte. Gert Ledig etwa bekommt bei Weidermann mehr Seiten zugesprochen als Mann, Brecht oder Benn. Und da die Wortinflation bei dem Prosa-Drama-Lyrik-Triumvirat beachtlich ist, muss man dem Verfasser zu solchen Entscheidungen natürlich grundsätzlich gratulieren. (Auf der anderen Seite lässt sich hier auch so trefflich blamieren, dass man klugerweise besser den Mund hält...) Das Wondratschek-Interview ist dann jedoch der Höhepunkt der Notpeinlichkeit – und das sechs sülzige, selbstgefällige Seiten lang. Der Gipfel aller Verstiegenheit dagegen: „Mit seinem (Elias Canetti) angeblichen Meisterwerk Masse und Macht kann ich nicht so viel anfangen.“ Punkt. Das ist amateurhafte Kritik wie sie kein Mensch braucht, unergiebiger als aller von Löffler unlängst so gescholtene Internetrezensionsstil.
Weidermann versucht einen Nachkriegskanon zu erstellen, versehen mit kleinen Rechtfertigungstextchen. So etwas hat der Frankfurter Hausgeist Reich-Ranicki nicht mehr nötig, der Feuilleton-Chef der Sonntagszeitung aus gleichem Hause scheinbar schon. Aber mal ehrlich: Was soll das Ganze? Für wen ist es gedacht? Kurze Buchempfehlungen für Bestsellermüde? Ein flotter Einstieg in die Hochliteratur? Oder musste Weidermann dem Übervater Ranicki mit diesem Machwerk seine Kompetenz in Sachen Literatur nachreichen? Kleine sonntägliche Hausaufgabe für den Nachwuchs?
Lichtjahre! Das geht weit, zu weit für diese flachgebohrte Anekdotensammlung mit angehängtem Lesetipp. Damit das Buch überhaupt ernst genommen wird, durfte Ranicki es mit seinen gewichtigen Kritikerworten adeln: „Das ist ein erfreuliches und erstaunliches Buch, mit Tempo und Temperament und doch gründlich und solide. Seine Qualität verdankt es einer Fülle von Informationen und klaren, entschiedenen Urteilen, seine Originalität einer Fülle von Pointen und Anekdoten. Es ist belehrend und amüsant zugleich.“ Das enthüllt schon einiges über die Schwächen. Gleich zweimal spricht er von „Fülle“. Und mehr ist es dann auch nicht, eine bloße Anhäufung, der gänzlich Struktur fehlt. Ein knochenloses Etwas. Nur vordergründig versammelt Weidermann bis zu acht Schriftsteller und titelt ihnen dann etwas zu, z.B.: Schreiben statt kämpfen. Untertitel: Bernward Vesper, kurz vor dem Wahnsinn. Hermann Burger, Ferrari und Verzweiflung. Rolf Dieter Brinkmann, unterwegs in ein anderes Blau. Wolf Wondratschek, einsamer Boxer, große Show. Was gelernt?
Weidermanns liebstes Negativurteil übrigens lautet: kitschig, süßlich, blumig. Wenn es (einem) hochkommt, wird es dann sogar legendensüßlich und überblumig. Und sogar komisch kann der Frankfurter Sonntagsschreiber werden: Und noch ein Selbstmörder! heißt zum Beispiel der Eingangssatz zum Autor Hermann Burger. Genau dieser verfehlt joviale Ton ist es, der innerlich kochen und Ranickis positives Urteil so völlig unverständlich macht. Aber er hat seinem jüngeren Hausgenossen wohl einen Dienst erweisen wollen. Im Nachhinein wird er sich vielleicht darüber ärgern. Aber gelesen hat er „Lichtjahre“ ohnehin nicht. Und darin ist er wahrhaft vorbildlich.
Christoph Pollmann
Volker Weidermann: Lichtjahre
Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute
Erschienen bei: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 3-462-03693-9
Preis: 19,90 ¤