Edwin Oliver James: Der Kult der großen Göttin
04.05.2006
Die Rückkehr der Göttinen
«Der Kult der Grossen Göttin» liegt nun erstmals in einer deutschen Ausgabe vor. Edwin Oliver James führt sein Lesepublikum in die Welt der längst vergessenen Göttinen, menschlicher Kulturen.
Er bewegt sich dabei an den Originalschauplätzen matriachaler Kultstätten. Altsteinzeit und Neolithikum - Orient und Ägypten - Die Heilige Hochzeit - Isis, Neith, Hathor - Palästina und Anatolien - Anat, Baal, Asherah - West- und Nordeuropa - Iran und Indien - Lakshami, Sarasvati, Prithivi - Göttinnen des Dorfes, Waldmütter - Kreta und Griechenland - Schlangen- und Erdgöttinnen - Göttin der Berge und der Tiere - Rhea, Artemis, Hekate, Demeter - Attis und Kybele - Antike und Hellenismus - Mutter Ecclesia und die Madonna - Die Feste der Maria -.
James ist das Beispiel eines kompetenten Forschers, der durch seine seriöse Arbeit Anerkennung nicht nur in der Frauenbewegung erworben hat; denn gute Sachforschung führt früher oder später zu wissenschafrtlicher Spurensuche. Diese Spurensuche unternahm James auf einem Gebiet, für dass er sich nicht zu schade fühlt, denn er spürte, dass hier ein grosses Erbe der menschlichen Zivilisation liegt. Interessanterweise wurden die Bücher von James bisher kaum ins Deutsche übersetzt, und schon gar nicht „The Cult of the Mother Goddess“. War hier die Konkurrenz der Tiefenpsychologie zu gross? Auf jeden Fall wirkte James in England und Nordamerika wegbereitend für die begabte Archäologin Marija Gimbutas mit ihren anschaulichen Büchern „Die Sprache der Göttin“ (1989) und „Die Zivilisation der Göttin“ (1991), die trotz aller Kritik ein interessantes Werk hinterlässt.
Ebenso steht die Symbolforschung, wie sie zum Beispiel von Carola Meier-Seethaler vertreten wird, in seiner Tradition. Nicht zuletzt ist es die elaborierte Darstellung einer Göttin und ihres männlichen Herospartners, das sein Buch faszinierend macht und zum Klassiker werden lässt. Hier findet er archaische Schichten und Spuren einer matriarchalen Mythologie, in der ein Vegetationsheros zu den Aspekten einer Göttin-Ahnin in mannigfachen Beziehungen steht. In diesem Sinn beschreibt er schon früh Mythenstrukturen, die von der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch „Die Göttin und ihr Heros“ (1980) glänzend beschrieben und in einen kulturgeschichtlichen Kontext gestellt wurden, durch den eine strukturelle Betrachtung überhaupt Tiefe erhält. Auch dieses Buch ist zum Klassiker der modernen Mythenforschung geworden, gerade weil es archaische Muster einer vorpatriarchalen Zeit aufdeckt.
Rüdiger Heins
Edwin Oliver James: Der Kult der großen Göttin
340 Seiten, 90 Abbildungen
Edition Amalia, Bern 2003
Deutsche Erstausgabe