Sebastian Kiefer: Was kann Literatur?
25.07.2006
Was kann Literatur?
Sebastian Kiefer reitet in seinem Großessay eine kämpferische Attacke gegen die Beliebigkeit von Behauptungen in der Literaturkritik, und: vergaloppiert sich.
Was kann Literatur? Unterhalten, amüsieren, traurig machen, oder den Leser hineintauchen lassen in unbekannte Welten, zumal in die des Bewusstseins? Neue Perspektiven auf und in die real existierende Welt aufzeigen, oder einfach nur auf gehobenem und/oder innovativem Niveau spannend sein? Ein Ort gar, in dem es gewaltig bumst und kracht, wie mir neulich ein belesener Freund antwortete, als ich ihm diese Frage stellte? Mit all dem hat Sebastian Kiefer buchstäblich nichts am Hut, vielmehr propagiert er eine „Wortkunst mit universalisierbarem Erkenntnisanspruch.“ Steht uns also „eine zweite Alphabetisierung“ ins Haus, wie er uns am Ende ankündigt?
Ausgangspunkt für Kiefers Bemühungen ist die Behauptung, die Literatur sei in gewisser Hinsicht die unreformierbare Gattung der Künste. „Genauer gesagt: Man muss wissen, in welcher Hinsicht sie unreformierbar ist, um sie als Ganzes revolutionieren zu können.“ Die Erkenntnisaufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten der Literatur seien nicht gelöst. „Die gesamte Gattung ist daher prädestiniert, wertend geordnet zu werden: Inventur steht an.“ Dabei ist für ihn der Satz unhintergehbar, Poesie daher „Kompositionslehre der Erscheinungsformen des Satzes“, der fortan das Maß aller (literarischen) Dinge sein müsse: "Das Zentrum der Literatur ist demnach die Frage: Durch welche kompositorischen Mittel erscheint der Satz als ein solcher oder ein solcher - erscheint also die Konstellation Bewusstsein ("Ich") - Welt - Sprache - als eine solche oder eine solche." Literaturerzeugung findet ergo nur statt, wo „sich Geschriebenes zur Gattung Literatur insgesamt verhält, und das wiederum heißt: sich dem Kern, dem satzartigen Bezugnehmen, komponierend zu stellen.“ Eifrig und sichtlich erregt führt Kiefer dem Leser vor, dass Literatur ohne satzartige Bezugnahme gar nicht möglich sei. Konkrete Poesie, Lautpoesie, Sprachspielereien, etc., all dieses funktioniere nur, weil der Sinn ohne den vorauseilenden Satz gar undenkbar erscheine.
So weit so gut, könnte man meinen. Nun aber zieht Kiefer, der gelernte Musikwissenschaftler, seine revolutionären Konsequenzen, indem er der Literatur und der „abgetakelten Dame Poesie“, wie er an anderer Stelle sagt, im Ton-Satz-Unterricht Nachhilfe dediziert: Der „Dichterzögling“ müsse endlich Ton-Satz-Modelle lernen. Und er stellt fest: „die letzte elaborierte, ganz auf die»Ton-Satz«-Praxis bezogene Poetologie war diejenige Klopstocks“. Also zurück ins 18. Jahrhundert und die Literatur neu erfinden? Nicht ganz: „Modelle, an denen sich die Mit- und Nachwelt zu schulen hätte: Es führt ein direkter Weg von Brentano und Hölderlin zu Priessnitz, von Kuhlmann zu Gertrude Stein und Ulf Stolterfoht, von Gryphius und Goethe zu Czernin – aber keiner zum Gebrauchsartikel »Roman«.“ Und: „Der »Roman« scheidet in seiner gewohnten Form daher als mögliche Leitgattung der Moderne aus: Er erklärt begründungslos eine Satz-Erscheinungsform unter vielen, die zielgerichtet lineare und illusionistische, zur »natürlichen« und kennt keine poetischen Maximen, wie dieser Modus zu den anderen Modi komponierend ins Verhältnis gesetzt werden könnte.“
Waren wir bisher noch darauf gespannt, endlich zu erfahren, was Literatur als Kunst meint und was sie kann, fallen wir nun ins Bodenlose. Denn mit der Ablehnung der Romanform als solche (und mit der Form des Erzählens schlechthin!), wird deutlich, mit welch engem und elitären Kunstbegriff Kiefer hier operiert; in welch abgehobenen Regionen uns der Kiefersche Ton-Satz-Unterricht führen möchte. Und wir reiben uns die Augen: War da nicht eben noch von der Revolution der Literatur die Rede? Ohne den Roman? Aber mit dem angeblich „epochal begabten Reinhard Priessnitz“ an der Seite, bei dem laut Kiefer fast jedes seiner Gedichte „Überlegungen von Buchlänge“ fordert, den Traum „einer (künftigen) »totalen« Poesie zu träumen?
Allein ein Traum wird es wohl bleiben. Denn Kritik an der allgemeinen Präferenz, die durch die „Romanindustrie“ befriedigt wird, zu üben, ist eine Sache, Romane aber pauschal als gemeines „Schmökerbedürfnis“ der Masse abzutun, grenzt schon – auch wenn die Kritik hier so erfrischend radikal und funkelnd vorgetragen wird – an Hybris. Damit wir klar sehen: Selbst die großen epochemachenden Romane eines Thomas Mann, Robert Musil, oder die glasklaren Sätze eines Franz Kafka werden hier nicht mehr als Literatur im eigentlichen Sinne verstanden, bestenfalls als (gescheiterte) Versuche außerhalb der Romanform (wie etwa bei Joyce) abgetan. Der Roman also ein einziger Irrtum und zu lesen als ein Zeichen für das allgemein degenerierte literarische Kunstverständnis der Moderne?
Vollends vergaloppiert sich Kiefer, wenn er seinen elitären Kunstanspruch im letzten Kapitel der Literaturkritik selber als „conditio sine qua non“ aufoktroyiert, alles andere hingegen „(bestenfalls) in die Sparte der Kulturkritik“ verbannt sehen möchte, und, sich ausgerechnet auf die Demokratie berufend, sagt: „wer nicht demonstrieren kann, weshalb seine eigene Weise des »Ton-Satzes« epistemisch originär, alltagsübersteigend ist, scheidet aus dem literarischen Diskurs aus“. Sebastian Kiefer, der große künftige Diskursrichter?
Erinnert sei daran, dass es selbstverständlich Aufgabe der Kunst ist, nach Wert und Ranghöhe zu streben. Und zweifellos schlägt dieses Großessay einen neuen furiosen Ton im germanistischen Einerlei an, jenseits der üblichen Trampelpfade – dafür verdient Kiefer Anerkennung und Respekt. Wer aber im gleichen Atemzug den Massengeschmack und das Lesebedürfnis vieler, und das betrifft Höhenlagen, die für Kenner als Inbegriff für gute ja sehr gute Literatur gelten, geißelt und vom hohen Ross Attacken reitet, mit allerhöchstem (Kunst)Anspruch, offenbart seine ausgeprägt vertikalen Wertvorstellungen. Die explizit zur Schau gestellte Ranghöhe, mit ihrem explizit wie implizit vorgetragenen Sollen stellt dabei eine fordernde Autorität dar, die elitär und massenfeindlich auftritt. Und die ist alles andere als demokratisch – sie ist das genaue Gegenteil.
Frank Kaufmann
Sebastian Kiefer: Was kann Literatur? Graz/Wien: Literaturverlag Droschl 2006. 178 Seiten. 15,50 Eur. ISBN 9-783854-206989.
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