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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:53

Nessun Saprà: Lexikon der deutschen SF und Fantasy

15.07.2007

Große Vielfalt

Für Literaturliebhaber ist das Lexikon eine wichtige Hilfe, um die Sammlung zu vervollständigen, für Forschungsinstitute ist es ein unentbehrliches Nachschlagewerk, weil die phantastische Literatur neben ihrer Unterhaltungsfunktion sowohl den Zeitgeist widerspiegelt als auch Kritik an diesem übt. Von ULRICH BLODE

 

Das Lexikon der deutschen Science Fiction & Fantasy 1919–1932 setzt die Lexikareihe des Utopica Verlags fort, die sich der deutschen Phantastik widmet. Das erste Lexikon beschäftigte sich mit den Jahren 1870–1918 und entsprach damit ungefähr der Zeit des Deutschen Reiches bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. In der Fortsetzung werden an die vierhundert Autoren und achthundert Werke der Weimarer Zeit vorgestellt, biografisch und bibliografisch erfasst. Die wichtigsten Romane und Erzählungen werden knapp beschrieben, eine dreißigseitige Bibliografie zur Sekundärliteratur rundet das Bild eines sehr informativen Lexikons ab.

Erstaunlich ist die Vielfalt der Themen und die Unterschiedlichkeit der Autoren, die sich mit der Phantastik beschäftigten. Unterhaltungsautoren, ernsthafte Utopisten, Satiriker und impressionistische Erzähler sind anzutreffen. So werden große Erzähler, zum Beispiel Alfred Döblin, ebenso vorgestellt wie der Vielschreiber Hans Dominik. Georg Kaiser oder Kurt Siodmak schrieben zwar sehr unterschiedlich, ihre Science Fiction brauchte sich im internationalen Vergleich aber nicht zu verstecken. Oft sind die Grenzen zur realistischen Literatur verwischt, und innerhalb der Phantastik selbst sind die Genres fließend. Science Fiction, die sich an das angloamerikanische Vorbild anlehnt, ist schwer auszumachen, erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte nämlich die englischsprachige Science Fiction in Deutschland dominant werden.

Die thematische Bandbreite der damaligen Zeit war sehr hoch. Wiederholt finden sich Geschichten, die sich mit den Kriegsfolgen und dem Machtstreben auseinander setzen oder von zukünftigen Konflikten handeln, so Der Bacillenkrieg (1922). Auch von einer Revision der Nachkriegsverhältnisse, besonders des Versailler Vertrags, wird geträumt, oftmals aber auf eine verherrlichende Art. Kritische Stimmen zum Krieg stehen so gegen seine Fürsprecher. Dabei finden sich auch immer wieder treffende Aussagen über Entwicklungen, die erst später eintreten sollten. Hugo Bettauers Die Stadt ohne Juden (1925) sollte sich später auf traurige und entsetzliche Weise bewahrheiten. Max Picards Der letzte Mensch ist ein impressionistischer Roman über die zukünftige Entwicklung der Menschheit, die sich am Ende in kugelförmige Wesen verwandelt.
Nessun Saprà bewertet die vorgestellten Publikationen nur in geringem Maße, seine Kritiken sind wenige Sätze lang. Für eine Herausstellung der historischen Bedeutung wären längere Kommentare aber besser gewesen. Auch fehlt eine ausführlichere Darstellung der Besonderheiten der Weimarer Zeit, weil in dieser besonders viele phantastische Erzählungen zur Science Fiction und anderer Phantastik erschienen, als jemals zuvor, wie im Vorwort bemerkt wird.

Die Bedeutung des Lexikons der deutschen Science Fiction & Fantasy 1919–1932 liegt in der sorgfältigen Aufarbeitung umfangreicher Primärliteratur, die in öffentlichen Sammlungen kaum archiviert und damit weitgehend unzugänglich war. Gezeigt wird, dass die deutsche Phantastik vor 1945 interessante und eigenständige Ideen und Motive entwickelte, bevor die angloamerikanische Phantastik in Deutschland nach 1945 populär wurde. Wie Saprà ausführt wurden sogar Erzählungen in amerikanische Magazine übernommen, was heutzutage schwer vorstellbar ist. Nicht nur dass in Deutschland soziale und technische Utopien erdacht wurden, die unter anderem durch die Erfahrungen der damaligen Zeit geprägt waren, sie griffen auch mit ihrer Kritik und ihren Alternativen wesentlich darüber hinaus. Andere Werke waren sehr zeitbezogen, ein Umstand den Literaturwissenschaftler und Historiker interessieren dürfte. Für Literaturliebhaber ist das Lexikon eine wichtige Hilfe, um die Sammlung zu vervollständigen, für Forschungsinstitute ist es ein unentbehrliches Nachschlagewerk, weil die phantastische Literatur neben ihrer Unterhaltungsfunktion sowohl den Zeitgeist widerspiegelt als auch Kritik an diesem übt.

 

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