Diesem Umstand wollten zwei Engländer abhelfen und zerrten aus Wolkenkuckucksheim acht große Philosophen in die Entengrütze namens Alltag herunter. Aber Moment mal, das kennt man doch? Richtig! Wilhelm Weischedels „Die philosophische Hintertreppe“, erschienen 1966. Ein Geschenk, dass Philosophiestudenten in den ersten Semestern gerne zum Geburtstag überreicht bekommen haben. (Hoppla, da hat sich der Autor dieses Beitrags wohl etwas entblößt...) Bei Professor Weischedel wurden auf genau 300 Seiten 32 Philosophen über die Hintertür ausspioniert. Sechs von ihnen finden sich auch bei Rodgers und Thompsons wieder, einzig Foucault und Sartre hatte der Professor, der bereits 1970 verstarb, nicht bearbeitet, was aber nicht weiter verwundert, da bis 1970 noch nicht recht abzusehen war, zu welcher Größe sich Foucault im Denkbetrieb noch auswachsen würde. Dass Sartre fehlt ist schon eher verwunderlich. Vielleicht findet dies seinen Grund aber darin, dass Weischedel neben Philosophie auch Theologie studiert hat, evangelische – und da ist so ein französischer Lotter-Existenzialist nicht gerade eine geistige Gallionsfigur.
Die Lust an der Erniedrigung
Doch was unterscheidet unseren Berliner Professor Doktor Weischedel von den beiden englischen Windbeuteln? Ganz einfach: Weischedel kommt zwar durch die kalte Küche gerauscht, er begibt sich aber alsbald in die philosophische gute Stube. Rodgers und Thompson hingegen kommen gar nicht mehr raus aus Schlafzimmer und Toilette.
„Philosophen wie wir“ (Originaltitel: „Philosophers Behaving Badly“, angelehnt an die überaus erfolgreiche Sitcom „Men Behaving Badly“) ist natürlich nichts für Philosophen, da mögen die beiden Schmieren-Insulaner noch so wild mit klugen Aufsatztiteln wedeln oder mit Termini um sich werfen - jeder Zweitsemester durchschaut dieses Manöver sofort: Es ist das übliche Pfauengebaren.
Aber alle, denen Philosophen schon immer irgendwie suspekt waren, bekommen auch das verabreicht, was sie sich erhofften: Genies präsentiert als Drecksschweine. Es ist nichts anderes als simpelster Voyeurismus, was Rodgers und Thompson da abgeliefert haben, komisch nur für den, der mit Philosophie nichts am Hut hat. Für alle anderen stecken da zwei Reporternasen so tief in exklusiven Exkrementen, dass es seine Peinlichkeit hat. Man braucht wirklich keine 20 ¤ auszugeben und zwei, drei Stunden zu vergeuden, um darauf zu kommen, dass auch Genies menschlichen Leidenschaften und Eitelkeiten unterworfen sind.
Präzision contra Tratsch
Weischedel ist strukturiert, er ergeht sich nicht im Zotigen, sondern berührt die menschliche, zumeist schwache Seite eines jeden, um damit die Quelle seiner Schöpfungskraft zu öffnen, dann deutet er auf das Grunddilemma hin, ordnet dies in den zeitlichen Kontext ein, zeigt den Arbeitsweg des Philosophen auf und wohin er gelangt ist damit, seine geistesgeschichtliche Bedeutung. Rodgers und Thompson bleiben stets in der denkerischen Unterhose stecken und finden – obzwar dies ein recht luftiges Ding – gar nicht mehr dort hinaus. Und wenn, dann durch den Pipischlitz. Weischedels Stil ist elegant knapp, präzise. Rodgers und Thompson sind verquatscht, spekulativ, tratschig. Und Weischedel braucht immer nur ein Drittel der Seiten! Was die Lektüre aber vollends unerträglich macht, ist das ununterbrochene Moralisieren, und das in einer Anmaßung, die kaum entschuldbar ist. Solcherart wird jeglicher Blick auf die Philosophie völlig verkleistert.
Es sind übrigens erstaunlich wenig Suchmaschinenergebnisse für „Philosophen wie wir“ zu verzeichnen, und das gilt auch für die Autoren. Gut so. Wer aber noch weniger Privates als bei Weischedel und noch mehr Gedachtes will, und das trotzdem noch auf dem Niveau einer gut verständlichen Einführung, dem sei hier als Aufbaulektüre Karl Jaspers „Die großen Philosophen“ ans Herz, äh... Hirn gelegt.