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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:55

Manfred Loimeier: J. M. Coetzee

24.07.2008

Leben und Zeit des J. M. Coetzee

Wer die Fotografie auf dem Umschlag lange genug betrachtet, wird glauben, es ließe sich der Anflug eines gelassenen Lächelns auf dem Gesicht des Mannes erkennen, der da in gestreiftem Hemd und mit Brille und einigen Bögen Papier in der linken Hand vor einer nüchternen Steinwand steht.
Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Auf einigen der Fotos und Zeichnungen im Inneren dieses Buches lässt sich dieser Gesichtsausdruck wieder finden. Der Literaturwissenschaftler und Journalist Manfred Loimeier, Spezialist für die Literaturen des afrikanischen Kontinents und ein profunder Kenner J. M. Coetzees, wird sie nicht grundlos ausgewählt haben, um die erste umfassende Monographie zu Leben und Werk des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers zu bebildern, die er jetzt vorgelegt hat.
Coetzee gilt gemeinhin als dunkel, pessimistisch und öffentlichkeitsscheu, doch dass dieses Image dem Autor nicht gerecht wird, zeigen diese Fotos ebenso wie Loimeiers Einführung in sein Werk. Beginnnend mit Coetzees ersten, antikisierenden Gedichten während des Studiums verfolgt Loimeier dessen literarische Karriere und biographische Stationen: Die Jahre als Programmierer in London während der frühen 1960er Jahre, seine Promotion über Samuel Beckett in Texas, die Rückkehr nach Südafrika in den 1970er Jahren, Coetzees Laufbahn als Hochschullehrer, schließlich den Literaturnobelpreis und den Umzug nach Australien.
Seinen biographischen Abriss Coetzees entwickelt Loimeier entlang von Coetzees autobiographischen Romanen „Der Junge“ und „Die jungen Jahre“ sowie anhand verschiedener Essays. Dabei wird deutlich, wie stark Coetzee darauf bedacht ist, seine Selbstdarstellungen von Beginn an zu steuern, etwa indem er Interviews stets nur in schriftlicher Form gibt.
Entsprechend behutsam verfährt Loimeier bei seiner Quellenauswertung. Diese sachliche Annäherung an Biographie und Schreiben Coetzees gestattet es auch, Leben und Werk bei der Darstellung zu verknüpfen, ohne der Gefahr der Verwechslung zu erliegen.

Loimeiers Monographie ist dem deutschen Markt insofern voraus, als sie auch Texte Coetzees berücksichtigt, die bislang nicht übersetzt sind, insbesondere dessen ersten Roman „Dusklands“ (1974). Am Beispiel von „Dusklands“ zeigt Loimeier, wie die Themen und Motive, die Coetzees Werk bestimmen, schon in diesem ersten Roman angelegt sind, wie sie ausgreifen und noch in seinen jüngsten Werken aufgenommen und variiert werden: Kolonialismus und Imperialismus, gesellschaftliche Außenseiter, Konstruktionen des Eigenen und des Fremden.
Loimeier erklärt Coetzees Romane nicht nur aus ihren Themen und Anliegen, sondern auch aus ihren Bezugstexten. Dass dies zu mehr führen kann als zu akademisch-selbstverliebter Namenreihung, erklärt sich aus dem Schreiben Coetzees, das Loimeier als eine Art sich fortsetzenden, intertextuellen Dialogs des Autors mit seinen Vorläufern, Vorbildern und Kollegen charakterisiert – als eine „Methode der Bezugnahme auf Referenzautoren, des Re-Writing, des Neuschreibens von literarischen Stoffen, die sich Coetzee gleichsam als Matrix nahm.
Coetzees Romane sind dergestalt als Kommentare zur Literaturgeschichte zu lesen, wobei sie selbst in Form von Literatur vorgetragen werden.“ So weist Loimeier nach, wie Coetzee in „Im Herzen des Landes“ den südafrikanischen Farmroman gegen den Strich bürstet, wie er in „Warten auf die Barbaren“ die Handlung an Dino Buzzattis „Die Tartarenwüste“ anlehnt und wie in „Leben und Zeiten des Michael K.“ Kafkas Romane und Erzählungen die Folie abgeben, vor der Coetzee erzählt.
Hier erhellt die Gegenüberstellung von Passagen aus Coetzees und Kafkas Werken das Verfahren des Autors, sich während des Schreibprozesses sowohl essayistisch als auch fiktional dem Schaffen eines anderen anzunähern. In „Mr. Cruso, Mrs, Barton und Mr. Foe“ sind es schließlich Daniel Defoe und dessen Robinson Crusoe, die aufgegriffen werden: „Coetzee erzählt den Robinson-Crusoe-Stoff dergestalt, dass zu Robinson und Freitag eine Frau stößt, Susan Barton, die von meuternden Matrosen ausgesetzt worden war.“
Loimeiers Darstellung endet auf Augenhöhe mit der Gegenwart, mit Coetzees jüngstem Roman „Tagebuch eines schlimmen Jahres“ (2007), in dem sich beide Formen seines Schreibens, Essay und fiktionale Erzählung verbinden.

Da sich das Buch vor allem an deutschsprachige Leser richtet, zitiert Loimeier in den meisten Fällen aus den Übersetzungen und widmet sich auch der Aufnahme von Coetzees Büchern in Deutschland. Ein abschließendes Kapitel setzt sich mit der Rezeption Coetzees im deutschsprachigen Raum, in der wissenschaftlichen Diskussion und auf dem Buchmarkt auseinander, und fördert im Zuge dessen unter anderem die bemerkenswerte Tatsache zu Tage, dass die erste deutsche Übersetzung eines Coetzee-Romans, „Warten auf die Barbaren“, 1984 in der DDR erschien. Ergänzt wird der Band durch die eingangs schon erwähnten Fotografien und Abbildungen sowie durch eine Bibliographie der Werke und Texte Coetzees, die auch dessen Arbeit als Herausgeber berücksichtigt. Auf Fußnoten verzichtet Loimeier, an ihrer Stelle enthält das Buch zahlreiche abgesetzte Textfelder mit Hintergrundinformationen, vornehmlich zur Geschichte, Kultur und Literatur Südafrikas. Damit gelingt ihm über knapp 300 Seiten der schwierige Spagat zwischen hoher Informationsdichte und Lesbarkeit und diese Leistung macht seine Studie nicht nur für Wissenschaftler sondern auch für ein breiteres, interessiertes Publikum empfehlenswert.

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