Sammlungen von Essays, die Anspruch auf literarische Qualität erheben können, sind rar geworden in den letzten Jahren. Allzu oft wurden ohne weitere Durchsicht sämtliche Ergüsse eines Autors oder einer Autorin, meist ohne nachvollziehbare Ordnung, zusammengestellt und in Buchform gebracht.
Nicht so im Falle von Dirk von Petersdorffs erstem Essayband „Verlorene Kämpfe“. Bereits der gestalterisch äußerst gelungene Schutzumschlag gibt einen Vorgeschmack dessen, was den Leser erwartet: Eine große Fleischgabel nebst Messer lassen nicht unbedingt eine friedliche oder gar entspannende Lektüre erwarten. Blut scheint noch nicht geflossen zu sein, die beiden Besteckteile sind blitzsauber – bereit zum Angriff?!
Was da angegriffen wird, stellt von Petersdorff gleich zu Beginn dar: Seit der zweiten Hälfte des eben vergangenen Jahrhunderts leide die Moderne an Ermüdungserscheinungen – ein Zustand, der die Entwicklung von Neuem in der Kunst behindere; taugliche Antworten auf die Gegenwart könnten kaum gefunden werden. Das Jahr 1989 stelle insofern einen wesentlichen Einschnitt dar, als es „für den Untergang der letzten politischen Religion steht“, die ästhetische Moderne werde gezwungen, ihre Grundlagen zu überdenken. Der 1966 in Kiel geborene und jetzt in Saarbrücken lebende Literaturwissenschaftler und Lyriker („Wie es weitergeht“, 1992; „Zeitlösung“, 1995; „Bekenntnisse und Postkarten“, 1999) vermisst eine „ästhetische Theorie, die von der offenen Gesellschaft ausgeht“. Dieser Mangel wiegt um so schwerer, „weil die offene Gesellschaft die Gesellschaft der nächsten Zeit sein wird.“ Zunehmend habe sich eine negative Ästhetik entwickelt. Auf der Suche nach einer neuen Ästhetik scheint es ihm nahe liegend „sich zurückzuziehen, um in der Vergangenheit Hilfe und Anstoß zu finden.“ Dabei konzentriert er sich auf das 19. und das 20. Jahrhundert – nicht zuletzt übrigens, um dort die Form wieder zu entdecken. Insofern ergänzen sich die vorliegenden Essays durchaus mit von Petersdorffs Lyrik.
Auf seiner Reise durch „200 Jahre deutsche Kunstreligion!“ zeigt er unter anderem, dass Intellektuelle ordnungsliebende Wesen sind. Sie „wollen überschaubare Verhältnisse, im Raum und in der Zeit.“ Insofern könne man sich nur wundern, dass man sie mitunter für „Veränderungsexperten“ gehalten habe. Auch der Text „Was die Achtundsechziger mit dem ‚Tod der Literatur‘ eigentlich gemeint haben“, gerät stellenweise zur Abrechnung mit den Intellektuellen. Von Petersdorff schont in seinen Attacken auch die „politischen Romantiker“ nicht, die „Gesinnung und Institution, Religion und Politik“ verwechselten. Ihnen entgehe, „dass Gesinnungen wie ‚Glauben und Liebe‘, gerade weil sie nicht verstandesabhängig sind und nicht offen erörterbaren Zwecken folgen, für eine versteckte, emotional kaschierte Autorität und für Zwangsmechanismen jeder Art sehr viel anfälliger sind als der ‚papierne Kitt von Verfassungen‘.“ – eine zweifellos richtige Feststellung.
Weitere Essays beschäftigen sich mit den Aspekten von Zeit, Rhythmus, Naturformen und Reim in der Lyrik, dem „neuen und dem alten Menschen bei Wieland, Henscheid, Enzensberger“ oder gehen am Beispiel Gottfried Benns der Frage nach: „Wie modern ist die ästhetische Moderne?“ Unter dem griffigen Titel „Woher hat Adorno den Zaubertrank?“ serviert von Petersdorff „Postmoderne Häppchen“. Unter anderem kann man da erfahren, dass der „Ironiker“ Kirsch-Bananen-Saft trinkt, „weil er sich wieder nicht entscheiden kann.“ Und dem Schriftsteller wird „bang ums Herz“ bei der Vorstellung, „statt Adenauer hätte uns ein runder Tisch aus Autoren der Gruppe 47 regiert.“ „Verlorene Kämpfe“ enthält auch von Petersdorffs Rede zur Verleihung des Kleist-Preises 1998. Unter dem Titel „Kann man denn Trauben lesen von den Dornen?“ erörtert er die Frage, die viele von uns sich wohl in der Tat schon mehrfach gestellt haben: „Wann haben Sie das letzte Mal vor einem Kunstwerk der Gegenwart das Gefühl gehabt, es sei groß, interessant, wahr, sodass ein Schauder Sie ergriff, Sie es festhalten wollten in den Sinnen, bannen? Und Sie nannten es schön, und dabei sprach eine Stimme: Ja, das bin ich, das sind wir, das ist die Welt, heute – und Sie waren glücklich, vor einem Werk unserer Zeit?“
Dirk von Petersdorff hat einen glänzend geschriebenen Essayband vorgelegt. In sprachlicher Hinsicht scheint eindrucksvoll der mehrfach preisgekrönte Lyriker durch. Sein Medium ist vor allem die Frage: Fragen stellt er häufig und genau an den entscheidenden Stellen. Die Auswahl aus der Vielzahl seiner Essays ist bestens gelungen, das Buch somit eine „runde Sache“, denn von Petersdorff konzentriert sich auf einen einzigen Themenkomplex und hebt sich damit wohltuend von den zahlreichen bunt gemischten und ohne inneren Zusammenhang dastehenden Essaysammlungen ab, die in den vergangenen Jahren immer häufiger auf den in diesem Bereich besonders kurzlebigen Markt geworfen worden sind. Die Texte wurden teilweise für den Druck überarbeitet und eigens mit einer Einleitung versehen – hier hat jemand eine selten gewordene Sorgfalt an den Tag gelegt.
Stoff für Auseinandersetzungen bietet das Buch allemal. Doch trotz aller Direktheit, mit der der Autor seine Angriffe führt, sind die „Verlorenen Kämpfe“ keineswegs einseitig: Mögliche Gegenargumente werden oft bereits mitgedacht und in die differenzierte Argumentation eingebaut. Schade nur, dass der gerade einmal 190 Seiten umfassende Band so teuer ausgefallen ist.
Textauszug:
„Das Jahr 1989, das für den Untergang der letzten politischen Religion steht, zwingt die ästhetische Moderne zum Überdenken ihrer Grundlagen. Seitdem ist offenkundig, was man schon vorher hätte sehen können: Eine ästhetische Theorie, die von der offenen Gesellschaft ausgeht, von ihrem Wahrheitsbegriff, ihrem Zeitverständnis, ihrem Begriff von Individualität, existiert nicht. Das ist die Situation, mit der sich die folgenden Essays beschäftigen.“
Frank Thomas Grub
Dirk von Petersdorff: Verlorene Kämpfe. Essays. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2001; 190 Seiten, 39,90 DM, ISBN 3-10-061004-0.