Interdisziplinarität ist das wissenschaftliche Hochwertwort des Jahrzehnts. Kein Forscher, der einen Antrag schreibt oder ein Buch einleitet, kommt mehr darum herum, die interdisziplinäre Relevanz und/oder Herangehensweise seiner Arbeit hervorzuheben. Wirkliche Kriterien dafür, wie und woran dieser Anspruch zu messen ist, gibt es eigentlich nicht, doch wenn, wie im Fall von Kurven, Karten, Stammbäume, eine literaturwissenschaftliche Studie von einem Biogenetiker ein kompetentes Nachwort erhält, wird klar, was gemeint sein kann. „Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte“, der Untertitel des Bandes, weist darauf hin, worum es geht: Franco Moretti, der in Stanford als Professor Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft unterrichtet, möchte ein Kompendium unzähliger, individueller Texte in generelle Muster überführen. Sein Weg führt „fort von den einzelnen Werken und hin zu Modellen, mit denen die Literaturwissenschaft bislang gar keinen Umgang pflegt: den Graphenkurven der quantitativ orientierten Geschichtswissenschaft, den Karten der Geographie und den Stammbäumen der Evolutionstheorie“, wie er einleitend schreibt. Es ist auch ein Weg weg von der Höhenkammlinie der Literatur zur Basis, zu den 99 Prozent, die der Vergessenheit anheimfallen und doch der größte Teil dessen sind, was Literatur ausmacht – Morettis Interesse gilt der Regel, nicht der Ausnahme.
Der erste von drei aufeinander bezogenen Essays widmet sich den Bedingungen, unter denen literarische Formen entstehen und wieder verschwinden. Dabei bindet Moretti seine Überlegungen zur Herausbildung spezifischer Genres wie des Brief- oder Schauerromans in verschiedenen Ländern und Epochen an politische und soziokulturelle Entwicklungen an, die er mit Hilfe quantitativer Erhebungen stützt, und gelangt so zum Modell der Zyklen. Den Nachweis erbringen Kurven mit Zahlen veröffentlichter Bücher, ihre Interpretation jedoch ist es, die die eigentliche Einsicht enthält: Moretti schlägt vor, „temporäre Strukturen“ zur „Definitionsgrundlage für Genres“ zu machen, da, wie die Graphen ebenfalls zeigen, die „Normalliteratur ihren Platz jeweils für die Dauer einer Generation“ behauptet. Anders ausgedrückt, ein Genre überlebt nicht sein Publikum. Somit wäre der Zyklus die „heimliche Grundstruktur der Literaturgeschichte“.
Dass sich literarische Formen mit dem Lebensraum des Menschen verändern, führt das zweite Kapitel am Beispiel der Dorfgeschichte vor, deren Schauplätze Moretti kartografiert und anschließend in Bezug setzt zur Umgestaltung des tatsächlichen physischen Raumes. Hier ist das an die Oberfläche tretende Muster die Dezentrierung des Lebens in ländlichen Gemeinschaften, die sich in einer Metamorphose des Genres spiegelt. Der Übergang von der kreisförmigen Bewegung zur linearen, die die Figuren im Verlauf weniger Jahrzehnte vollziehen, wird buchstäblich lesbar. Weit davon entfernt, seine Instrumente als Selbstzweck zu betrachten, setzt Moretti sie ein, um Perspektiven zu eröffnen, aus denen Verbindendes zwischen literarischen Texten sichtbar wird.
Perspektiven werden eröffnet, Verbindendes wird sichtbar
„Wenn Sprachen sich entwickeln, indem sie voneinander abweichen: Warum sollte das nicht auch für Literatur gelten?“ – diese Frage ist die Ausgangsüberlegung für das dritte Kapitel über Stammbäume. Moretti überträgt darin Darwins Theorie vom „survival of the fittest“ auf literarische Genres und erprobt sie an der Detektivgeschichte. Der Artenstammbaum ist dabei freilich mindestens so sehr Metapher wie Modell, doch auch er fördert eine Einsicht zu Tage. Durch den Vergleich verschiedener Varianten der Kriminalerzählung, die vor und gleichzeitig mit Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten existierten, zeigt Moretti, wie eine ganz bestimmte Merkmalsverteilung, die bei Conan Doyle sich findet und bei vielen Zeitgenossen nicht, sich als überlebenstüchtig erwies und die anderen Arten verdrängte. Konkret bedeutet dies, der Kriminalroman, der dem Leser Anhaltspunkte zur Lösung des Falles an die Hand gab, wurde vom Publikum dem vorgezogen, der es nicht tat, oder unvollkommen oder nur scheinbar. Moretti zeigt Literatur als eine Spezies, die den Prinzipien natürlicher Selektion unterworfen ist, weshalb sich viele Genres letztlich als Zufallsprodukte erweisen. „Zufällig sind sie genau in dem Sinn, in dem der Begriff innerhalb der Evolutionstheorie verwendet wird: Sie sind frei von jedem Vorwissen darüber, welches eingesetzte Mittel funktional für das literarische Überleben sein könnten. Der Markt bringt die Autoren dazu, Zweige in jeder Richtung des Genre-Stammbaums austreiben zu lassen, und schickt sie damit auch in alle möglichen Sackgassen.“
Was sich auf den ersten Blick recht nüchtern ausnimmt, beinhaltet nichts anderes als die Forderung, die Geschichte der Literatur neu zu schreiben – denn „die Literatur bewegt sich nicht nur vorwärts, sondern auch seitwärts – oft sogar mehr zur Seite als nach vorne“. Die Faszination, die von Morettis Thesen ausgeht, liegt jedoch nicht in der Provokation, sondern in der Art und Weise, wie sie vorgebracht werden. Moretti schreibt argumentativ gewandt, stilistisch schnell und elegant – er benötigt weniger als 150 Seiten – und kenntnisreich (wie auch nicht?), ohne beim Leser viel mehr vorauszusetzen als die Begeisterung und das Interesse für Literatur und deren Leben.