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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:03

 

Werner Morlang: So schön beiseit

23.02.2004




Abseits des Mainstreams
 

 

Ein subjektives Findebuch von Sonderlingen und Sonderfällen der Weltliteratur.



 

Der literarische „Kenner & Liebhaber“ ist eine ehrwürdige Figur des Lesers, der im Verborgenen sein Zuhause hat. Abseits des aktuellen Mainstreams geht er seinen höchst subjektiven Passionen nach, die sich dem Fernliegenden oder Abgetanen, Übersehenen oder Missachteten widmen. Ihm wendet er seine ganze Liebe zu – und sie auf, um meist in Antiquariaten und Bibliotheken bei der Suche nach seinen Liebesobjekten fündig zu werden..

Der 1949 geborene Werner Morlang ist so ein Kenner & Liebhaber. Er war Leiter des Zürcher Robert Walser Archivs und Mitherausgeber von Walsers mikrographischem Nachlass, der erst in den letzten Jahrzehnten entziffert werden konnte. Von 1996 bis 2000 hat er in der herausragenden Schweizer Literatur- & Kulturzeitschrift „Du“ regelmäßig eine Kolumne betreut, mit der er seiner literarischen Kenner- & Liebhaberschaft öffentlich nachgehen und „Sonderlinge und Sonderfälle der Weltliteratur“ aus dem Abseits hervorziehen und in knappen biographisch-literarischen Porträts vorstellen konnte.

Der Verlag Nagel & Kimche hat nun die Grabungen von 51 „Niederauffahrten“ (Giorgio Manganelli) in einem Buch versammelt, das – nach einem kurzen Gedicht von Morlangs Hausheiligem Robert Walser – „So schön beiseit“ heißt. Es ist ein tieftrauriges Gedicht, dieses „Beiseit“, und es geht so: „Ich mache meinen Gang; / der führt ein Stückchen weit / und heim; dann ohne Klang / und Wort bin ich beiseit“. Walsers „beiseit“ war ein Gang ins Schweigen.

Morlang will sich aber auf die Walsersche moll-Gestimmtheit nicht festlegen. Manche von denen, die er nun in sein Licht stellt, haben mitnichten geschwiegen, sie sind nur manchmal nicht mehr gehört worden. Es geht ihm bei seinen Kreuz- & Querzügen durch die Literatur, die ihn nicht immer auf die Höhen der Welt-, sondern auch in die Niederungen der (schweizer) Regionalliteratur führen, nicht um ein schlüssiges Auswahlprinzip, also etwa nur jene Autoren zu besichtigen, die von ihrer Zeitgenossenschaft durch Desinteresse gestraft wurden, oder die es zu nicht mehr als bloß einem Buch gebracht hätten. Seine Außenseiter und Sonderlinge sind „ausnahmslos persönliche Favoriten“, denen er in „hemmungslos kulinarischer Weise“ seine „Liebesschuld“ abträgt, im Sinne jenes Satzes von George Steiner, der jedem Kritiker im Stammbuch stehen sollte: „ Literary criticism should arise out of a debt of love“.

Diesem Subjektivismus verdanken z.B. Autoren wie Jean Paul, Yasushi Inoue, Juan Rulfo, Italo Svevo oder Anna Seghers ihre Anwesenheit in Morlangs Kalender der Heiligen der sonderbaren Tagewerke, wenngleich man ja nicht sagen kann, dass sie - wie vielleicht etwa Xavier der Maistre, John Cowper Powys, Emmanuel Bove oder Peter Altenberg - zu den Vernachlässigten oder gar wie z.B. Charles-Albert Cingria, David Goddis, Robert Lax, Arthur Machen oder Alfonsina Storni zu den Non-Names gehören.

Vielleicht hat man bei „Du“ den Kolumnisten gebeten, nicht nur ganz ins Abseits zu geraten und zwischendurch auch mal sein Steckenpferd auf näher liegenden literarischen Feldern zu reiten – als in toto nur in der Weite & Tiefe der Vergessenen zu grasen. Eine Sammlung von Sonderlingen, die selbst dem besonderen literarischen Kenner besonders fern sind, wäre womöglich denn auch zu absonderlich einerseits und andererseits für uns Ignoranten, die auch mal denken möchten: „Aha, kenne ich“, zu deprimierend gewesen.

Wenngleich, wenngleich... der Reiz dieser literarischen Archäologie ja – wie bei der bodenständigen Ausgraberei – im unverhofft Abenteuerlichen des Gefundenen liegt. Man muss ja gar nicht unbedingt Morlangers Enthusiasmus aufs Wort und ihm zu den jeweils kurz & charakteristisch aufgeschlagenen Büchern folgen; er reicht oft auch nur die jeweilige Lebens- & Buch-Anzeige, die er uns in seinem Findebuch gibt, um von den im „ So schön beiseit“ annoncierten Schönheiten und den dort versprochenen erstaunlichen Entdeckungen generell Fingerzeige für eine Leselust zu bekommen, die „den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) wagt, nämlich sich sklavisch die potentielle Lektüre von Besten- oder gar Bestsellerlisten vorschreiben und vom Tam-Tam des saisonalen Marktes betäuben zu lassen. Stattdessen lieber einmal (öfters als einmal!) seine eigenen Wege zu gehen und im Abseitigen, Abgelegenen, Historischen & Antiquarischen zu stöbern. Dabei könnte dann Morlangs enthusiasmierte Kabinettsammlung von literarischen Porträts als Appetizer auch ganz hilfreich sein.

 

Wolfram Schütte



Werner Morlang: So schön beiseit. Sonderlinge und Sonderfälle der Weltliteratur. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2001, 232 Seiten, 39.80 DM.

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