Geoffrey Batchens Essay erscheint anlässlich einer Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, bei der sich tatsächlich alles um jenes scheinbar einfache Bild zweier Schuhe dreht. Was also gibt es über diese Schuhe zu sagen – und was hat so gelehrte Köpfe wie den deutschen Philosophen Martin Heidegger und den amerikanischen Kunsthistoriker Meyer Schapiro dazu angetrieben, sich einen durch mehrere Aufsätze dokumentierten Streit über dieses auf den ersten Blick unprätentiöse Bild zweier Schuhe zu liefern, das noch dazu dem flüchtigen Augenschein nach nicht unbedingt zu den spektakulärsten Arbeiten des großen Malers gezählt werden muss?
Batchen zeichnet kenntnisreich den durchaus kuriosen Weg der „Schuhe“ in das Gedächtnis der Kunstgeschichte nach, widmet seine Aufmerksamkeit aber vor allem den grundlegenden Positionen der beiden ungleichen Kombattanten in diesem hoch spannenden ästhetischen Diskurs.
Das Sein des Zeugs
Als Martin Heidegger 1935 beschloss, van Goghs „Schuhe“ zum Thema einer Vorlesung an der Universität Freiburg zu machen, konnte er kaum ahnen, welch gewaltiges Echo seinen Thesen dereinst beschieden sein sollte: „Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerks fragt nach seiner Wesensherkunft.“ Unter dieser Prämisse betrachtet Heidegger das Kunstwerk – er macht es also zum Gegenstand einer ontologischen Kunstbetrachtung. Von der zumindest auf einer ersten Ebene eigentlich semantisch eindeutigen Darstellung zweier Schuhe kommt Heidegger, allerdings ohne Angabe einer bildimmanenten Motivation, zur Beschreibung des harten Schicksals einer Bäuerin auf dem Feld:
„Solange wir uns dagegen nur im Allgemeinen ein Paar Schuhe vergegenwärtigen oder gar im Bilde die bloß dastehenden leeren, ungebrauchten Schuhe ansehen, werden wir nie erfahren, was das Zeugsein des Zeugs in Wahrheit ist. (...) Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. (...) Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das in der Umdrohung des Todes.“
Das sind ohne Zweifel tiefe Gedanken, die noch dazu von einem zwar streitbaren aber doch unbestritten wortmächtigen Interpreten dargebracht werden. Mit dem spezifischen, real existierenden Gemälde Vincent von Goghs haben sie indes relativ zu tun. So zumindest argumentierte Meyer Schapiro, nachdem Heideggers Aufsatz 1950 in deutscher bzw. 1964 erstmals in englischer Sprache vorlag. Schapiro mahnt die „Präsenz des Künstlers in seinem Werk“ an, hebt zu großen ikonographischen und literarischen Vergleichsketten an und endet schließlich bei dem Verdikt, van Goghs Schuhe seien ein tief empfundenes Symbol für die spirituelle Wanderschaft ihres Malers.