Mit welchem Wort sollte man ihn näher charakterisieren? Ihn, den begnadeten Trompeter, den gefürchteten und verehrten Leader, der, um dem Image des ewig lächelnden Farbigen zu entkommen, dem Publikum auch schon mal den Rücken zudrehte? Cool? Ja, das könnte hinhauen. So oder so ähnlich dürfte Tobias Lehmkuhl auf das Thema seines jüngst veröffentlichten Essays gekommen sein. „The Birth of Cool“ mal ganz wörtlich genommen.
Und in der Tat: Cool war dieser Miles Davis sicherlich. Göttlich, begnadet natürlich auch – aber vor allem cool. Als ihm die renommierte – aber weiße – Time eine Titelstory anbietet, legt er mit den Worten „Ist da bei euch Neger-Woche oder was?“ brüsk den Hörer auf. Gefallen wollte er durchaus, aber gefällig sein, war nicht seine Sache. Cool sein heißt, folgt man Lehmkuhl, „im Zweifelsfall (...): Mach auf dem Absatz kehrt und wende dem Publikum, wende allen Erwartungen den Rücken zu“.
Lehmkuhl ist ein Kenner und – in diesem Fall fast wichtiger – ein Liebhaber der Materie. Er beherrscht seinen frühen und mittleren Miles Davis aus dem Effeff. Mit kurzem – coolem? –, zumeist parataktischem Satzbau folgt er lakonisch dem Lebensweg des Meisters, lässt Höhe- und Tiefpunkte der Karriere Revue passieren, wobei er sich lieber auf den einsamen Gipfeln der Jazzmusik aufhält als in den vermeintlichen Niederungen des Fusion-Pops der 80er-Jahre. Präzise und stets nachvollziehbar schafft es Lehmkuhl, auch den weniger musikbewanderten Leser etwas von der Faszination dieser Musik spüren zu lassen: von der kalten Melancholie der epochalen Einspielung „Kind of Blue“, von der intellektuellen Verve des zweiten Quintetts und der elektrifizierten Raserei des Fusion-Klassikers „Bitches Brew“.
Entweder zu manieriert oder zu kurz
Doch trotz all der Vorzüge, all der Verdienste dieses gut lesbaren, unterhaltsamen Essays bleiben nach der Lektüre einige Fragen offen. Lehmkuhls sprunghafte Gliederung in kurze Kapitel, die er stichworthaft mit charakteristischen – coolen? – Verben belegt, führt zu einiger Verwirrung, zumal die Binnenstruktur dann doch einer relativ stringenten chronologischen Ordnung folgt. Für den Versuch eines literarischen, mosaikartigen Porträts jedenfalls ist Lehmkuhls Essay zu manieriert, für eine faktenreiche Biografie schlichtweg zu kurz.
Dass sich Lehmkuhl im Jahr des 50-jährigen Jubiläums von „Kind of Blue“ vor allem diesem Meilenstein zuwendet, ist durchaus verständlich. Die inzwischen kanonische Einspielung dient als neuralgischer Punkt des Essays, alle narrativen Linien scheinen auf sie zuzulaufen. Zumindest die ebenfalls musikhistorisch gar nicht zu unterschätzenden Alben des zweiten Quintetts – mit den Protagonisten Wayne Shorter und Herbie Hancock – sowie Davis’ erster ausgereifter Versuch, im Feld der elektrifizierten Rockmusik zu wildern, „Bitches Brew“, werden noch angemessen gewürdigt.
Lehmkuhls geradewegs kategorische Ablehnung des späten Miles Davis hingegen führt zu merkwürdigen Leerstellen: So finden weder der renommierte Fusion-Gitarrist Mike Stern noch Marcus Miller eine Erwähnung. Gerade der Letzte prägte mit seinem technisch versierten Bassspiel eine ganze Generation von Musikern. Wie auch immer man zu den letzten Einspielungen des Trompeters stehen mag, zumindest das Genre-Highlight „Tutu“ hätte einen Platz in diesem Essay verdient gehabt.
Nomen est omen
So ist Tobias Lehmkuhls Essay sicherlich als faktenreiche Einführung in das Leben und Werk des großen Miles Davis eher ungeeignet. Die einschlägigen Biografien leisten hier bessere Dienste. Wie man aus der vielleicht wichtigsten Jazz-Einspielung des Jahrhunderts literarische Funken schlagen kann, zeigt schon Ashley Kahns Kind of Blue. Die Entstehung eines Meisterwerks.
Für Lehmkuhl bleibt also eine andere Rolle übrig: Als anregender Stichwortgeber und Liebhaber macht er Lust auf das Werk des Meisters. Warum er allerdings unbedingt die etwas schwammige Kategorie der Coolness, die er noch dazu im Vorbeigehen definiert, zur Leitlinie dieses schmalen Bändchens erhoben hat, das weiß wohl nur der Autor selbst. Vielleicht – so viel Kalauer muss sein – ist ja in diesem Fall tatsächlich nomen gleich omen.