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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:08

Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt

25.01.2010

Zur Genealogie der Globalisierung

Es ist eines der dicksten Bücher des letzten Jahres (1568 Seiten!), aber in Jürgen Osterhammels Geschichte des 19. Jahrhunderts ist keine zu viel, um die "Verwandlung der Welt“ en gros et en détail zu beschreiben. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Die Fachwelt staunt und der lesende Laie ist enthusiasmiert. Angesichts des monumentalen Umfangs und des darin eingebackenen Stoffs einer ebenso umfangreichen wie weitreichenden Bibliothek dürften nur wenige in der Lage sein, dem Autor Jürgen Osterhammel auf gleicher Augenhöhe, d.h. mit vergleichbar umfänglichem Wissen, zu begegnen. Die dazu in der Lage sind – Historiker und Soziologen vornehmlich –, haben dem 1952 geborenen Konstanzer Ordinarius für Neueste und Neuere Geschichte für sein 1568 Seiten umfassendes Buch Die Verwandlung der Welt – ebenso bescheiden wie bewusst Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von ihm genannt – nicht nur den üblichen Respekt, sondern auch Bewunderung gezollt.

 

Damit ist die Erkenntnis sicher, dass wir einem literarischen Ereignis beiwohnen, das der Schlacht von Valmy in den Augen Goethes gleicht, der damals befand: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus“, so dass wir sagen können, es geht von Osterhammels Geschichte des 19. Jahrhunderts eine neue Epoche der Welt-Geschichts-Schreibung aus, welche diese prekäre „Königsdisziplin“ der Historiografie glücklich aufs & ins Neue verwandelt hat.

 

Warum? Weil der Autor, der sich bereits als Kenner der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert nicht nur, sondern auch der asiatischen mehrfach durch im gleichen Verlag erschienene Darstellungen ausgewiesen hat, nun hier aufs Ganze geht. Aber nicht – wie üblich & naheliegend –, indem er chronologisch oder geografisch die Stoffmassen anordnet oder situiert, sondern dadurch, dass er den eurozentrischen Ansatz durch eine Mehrzahl von Blickwinkeln relativiert & konterkariert, wenngleich außer Frage steht, dass der europäische Kontinent nie zuvor und nicht danach eine zentralere Rolle bei der weltgeschichtlichen Entwicklung gespielt hat.

 

Anfang und Ende des 19. Jahrhunderts (das bisher etwa zwischen 1780 und dem Ende des Ersten Weltkriegs historisch fixiert wurde) lässt Osterhammel offen, um durch seinen Blick auf die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Bloch) den welthistorischen Prozess ins Auge fassen zu können, wobei partielle Entwicklungen mit den Signaturen des 19. Jahrhunderts zeitverschoben diesen Rahmen (nicht nur im außer-, sondern auch im innereuropäischen Raum) überschreiten oder tiefer zurückreichen.

 

Seinen darstellenden Zugriff auf den gewaltigen Stoff assoziiert Osterhammel (erstaunlich genug ist dieser von ihm gewählte Vergleich!) mit „fragmentiert aufgeschriebenen Hölderlingedichten“, denen er als Interpret und Philologe ebenso pragmatisch wie tastend zu einer „Lesefassung“ verhilft. Zu einer, sprich seiner Lektüre im Buch der Weltgeschichte.

 

Kinematografisch beschworenes 19. Jahrhundert

Der alles entscheidende, neue Ansatz Jürgen Osterhammels besteht aber darin, dass er, nach einer Folge von „Annäherungen“, sowohl horizontal in „Panoramen“ als auch vertikal in „Themen“ sein 19. Jahrhundert gewissermaßen „kinematografisch“ aufblättert, zerlegt & zusammenfügt: als ein kaleidoskopisches Ensemble von Weitwinkel-Überblicken und thematisch zentrierten Tiefen- & Großaufnahmen.

 

Seine Panoramaschwenks nehmen zum Beispiel „Sesshafte und Mobile“, „Lebensstandards“, „Städte“ oder unter dem Rubrum „Frontiers“ die „Unterwerfung des Raums und den Angriff auf das nomadische Leben“ in den Fokus seiner Darstellung. Nach solcher achtfachen synthetischen Evokation folgen sieben Kapitel, in denen er sein analytisches Besteck etwa an „Energie und Industrie“, „Arbeit“, „Wissen“, „Hierarchien“ oder „Netze“ erprobt, wobei unter letzteren „Verkehr und Kommunikation, Handel, Geld und Finanzen“ auf ihre „Reichweite, Dichte“ oder ihre „Löcher“ untersucht werden.

 

Das 19. Jahrhundert sieht Osterhammel durch fünf spezifische Charaktereigenschaften von aller ihm vorausgehenden Weltgeschichte bestimmt: Durch „asymmetrische Effizienzsteigerung“, „Mobilität und Zirkulation“, „asymmetrische Referenzverdichtung“, die gesellschaftlich explosive Spannung von Gleichheit versus Hierarchie und daraus folgend die noch nicht abgeschlossene „Emanzipation“ aus „geistiger, rechtlicher, sozialer oder politischer Bevormundung, Benachteiligung oder als Unrecht empfundener Herrschaft“.

 

Osterhammels Verwandlung der Welt legt also die Genealogie jener unumkehrbaren multiplen Vernetzung aller mit allen auf den Erdball offen, die uns heute als Ausrede wie als Begründung, als Menetekel wie als Verheißung unter dem Totum (oder Totem?) „Globalisierung“ täglich beschäftigt, herausfordert oder beunruhigt. Wobei – und das ist der zuerst und auch immer wieder irritierende Blick, den Osterhammel uns eröffnet und anempfiehlt – uns nicht allein oder bestimmend unsere deutsche, europäisch-transatlantische Wahrnehmung meint, sondern den stetigen Blickwechsel mit uns allen, sprich: der Weltgemeinschaft der Menschen auf allen Kontinenten, zu dem einen das große Buch durchgängig anhält.

 

Ein Riese auf Schultern von Riesen

Diese Perspektiverweiterung oder sogar Schubumkehr beim Landeanflug auf eine moderne Weltgeschichte oder Weltgeschichte der Moderne, als deren Nachfolger, Nutznießer oder Betroffene wir uns sehen (müssen), ist nicht allein das Außerordentliche & Grandiose von Jürgen Osterhammels umfassender Ausspähung des 19. Jahrhunderts in Asien, Afrika, Amerika und Europa. Auch nicht, dass er – ein Riese der Konzentration, der auf vielen Schultern von Riesen steht, deren Erkenntnisse und Entdeckungen er sich einverleibt hat – die intellektuelle, wissenschaftliche Fähigkeit besitzt, den immensen Stoff in allen seinen Ausfaltungen vor uns auszubreiten; sondern dass er, wie die alten Großen seines Faches, die erzählerische Verve und die spannende Dramaturgie der Darstellung sowie einen jargonfreien, uneitlen, sinnlichen, fesselnden Stil besitzt, der die Lektüre, wo immer sie in diesem erzählerischen Mobile aus thematisch kristallisierten Essays ansetzt oder verweilt, zum reinen Vergnügen macht.

 

Die Horazische Poetik, wonach die Dichterentweder nützen oder erfreuen sollen“, hat dieser Wissenschaftler glanzvoll und ohne erkennbare Anstrengung als Schriftsteller überboten: Seine Verwandlung der Welt verwandelt das Nützliche seiner Erkenntnisse ins Erfreuliche seiner Darstellung. Zu Recht staunt deshalb die Fachwelt, und beglückt ist der lesende Laie von Jürgen Osterhammels bewundernswertem Buch, das nun schon in der vierten Auflage erscheint. Kaum zu glauben, aber wahr: Die Verwandlung der Welt hat Schmöker-Qualitäten wie Victor Hugos gleich umfänglicher Monumental-Roman Die Elenden.

 

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