Latell, Franziska; Sudendorf, Werner (Hg.): Fritz Langs Metropolis.
18.02.2010
Die Zukunft ist zurück!
Pünktlich zur Premiere von Metropolis erzählt uns ein opulenter Bildband, wie es bei einem 83 Jahre alten Film, den irgendwie schon jeder kennt, noch einmal eine Premiere geben kann. JENS ESSMANN hat ihn gelesen.
Wochenlang werden alle Superlative zu Fritz Langs Ehren erneut abgestaubt, denn nach dem Fund verschollen geglaubter Filmrollen kann man sein Metropolis endlich wieder in einer fast vollständigen Fassung sehen - mit gut 80 Jahren Verspätung. Die Deutsche Kinemathek, verantwortlich für die Restaurierung, Wahrung und Wiederveröffentlichung auch der „neuesten“ Fassung des legendären Films, dokumentiert die 1000 Umwege nach Metropolis in einem prächtigen Bildband, der in diesen Tagen erscheint.
Alles auf Anfang
Nachdem man dem schwitzenden Postboten herzlich gedankt hat, nachdem der Frühstückstisch leergeräumt ist, man sich etwas Sorgen um dessen die letzten Jahre immer lauter ächzende Verschraubung gemacht hat, ist man, einen raschen Schnitt durch die Pakethülle später, doch ziemlich froh, die knapp 50 Euro nicht für einen neuen Tisch zur Seite gelegt zu haben.
Denn „Fritz Langs Metropolis“ ist schon rein äußerlich eine gewichtige Verneigung vor einer Reihe von Legenden, denen auf 400 Seiten gemächlich näher gerückt werden soll. Über den Lettern, die silbern in den Einband geprägt sind, schaut den Leser die Maschinen-Maria an, in einer Pose, die einer der berühmtesten Trickszenen des Films entnommen wurde: Man kann kaum sagen, ob es sich hier eher um einen Thron handelt, auf dem sie sitzt, oder um einen elektrischen Stuhl, ob ihr Körper, auf dem Weg zum Maschinen-Menschen, von elektronischen Heiligenscheinen umhüllt ist, oder ob die in ihren Sitz führenden Drähte sie nur zur Batterie degradieren.
Wo gehts hier nach Metropolis?
Und damit ist schon auf den ersten Blick der Grundton für die folgenden Lesestunden gesetzt. Die gigantomanische Inszenierung, die großen Gesten und schweren Worte stehen oftmals in einem anregenden Spannungsverhältnis zu recht einfachen, ikonischen Bildern.
Wie für den Film, so für dieses Buch: Die hier vertretenen Essays, Einführungen und Interviews strotzen oftmals nur so vor Querverweisen, Anspielungen und wortreichen Verneigungen, denen man etwas hilflos gegenübersteht, will man sie ohne parallele Recherche-Arbeit mit dem Bildteil des Bandes in Verbindung bringen. Jener Bildteil wiederum macht einem eine solche Lust auf Fritz Langs Film, auf die Ideen, Legenden und Reflexionen, die ihn seit seiner Veröffentlichung umschwirren, dass man manche Redundanz oder nicht erklärte Spitzfindigkeit gerne übersieht. Denn abgesehen davon, dass hier und da ein Lektor Not getan hätte, gibt es einiges zu lernen: Wie zum Beispiel der kolossale Film schnell vom Prestige-Projekt der UFA zu ihrem finanziellen Debakel wurde. Wie ein Autor ihn für den amerikanischen Markt inhaltlich verstümmelte, um noch ein paar Mark bzw. Dollar an den Kinokassen zu machen. Wie man dem Film später anhand von Dokumenten der Zensoren und den Partitur-Notizen Gottfried Huppertz' seine Leerstellen zurückgab, und wie man diese nun mit den in Argentinien aufgetauchten Filmrollen wieder auffüllen konnte.
Man bekommt also in Grundzügen die zweimalige Entstehung des Films erzählt: Den Weg der Ideen zu den Dreharbeiten und den Weg der ersten Filmkopien auf die bald erscheinende neue DVD-Fassung.
In aller Pracht und Einfachheit
Doch das wirkliche Schmankerl kriegt man erst nach der Arbeit kredenzt, die es braucht, um sich durch die einführenden Essays zu schlängeln. Den größten Teil des Bandes macht nämlich ein kommentierter Bildteil aus, und der hat's in sich: Neben bisher unveröffentlichten Fotos werden sowohl die Planung als auch die eigentliche Filmarbeit für Metropolis in Skizzen, Set-Fotos und Auszügen aus Drehbüchern sowie den Erinnerungen einiger Beteiligter dokumentiert.
Das Ganze ist nach der Architektur und Stadtplanung der Metropolis geordnet, angefangen bei der „großen Metropolis“ über die „Stadt der Arbeiter“ bis zum „Dom“, und wird von einleuchtend kurzen Essays zu jedem der Kapitel begleitet. Allein die simple Idee, dass man die etwas gewollt wirkenden lyrischen Passagen aus Thea von Harbous Drehbuch neben die Fotos und Zeichnungen aus der Drehzeit setzt, hat viel Effekt und legt dem brüchig hohen Ton der Metropolis-Autorin den dringend notwendigen Bass unter. Und die Passagen, die aus den Erinnerungen des Architekten Erich Kettelhut zitiert werden, geben dem Ganzen schließlich die nötige Dimension, um eine schon hoch interessante Dokumentationsarbeit zu einer glänzenden zu machen.
„Fritz Langs Metropolis“ ist sicherlich ein Band für Filmfans, und wer sich schon eingehend mit der Geschichte des Films befasst hat, wird auch über die kleinen Schwächen des einführenden Teils hinwegzwinkern können. Denn allein um des Bildteils Willen ist dieser in jedem optischen Detail vom Schriftsatz bis zur Seitenaufteilung wunderbar gestaltete Band höchst empfehlenswert.
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