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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:09

Paul Celan/Klaus und Nani Demus: Briefwechsel

08.02.2010

Unter Brüdern

In dem jungen Wiener Dichter und Kunsthistoriker Klaus Demus fand der noch unbekannte Paul Celan einen Freund und Bewunderer, zu dem er ein besonderes Vertrauen fasste. Ihr Briefwechsel dokumentiert den Dialog zweier Außenseiter der deutschsprachigen Nachkriegslyrik und die erschütternde Ohnmacht der Freundschaft gegenüber Celans seelischer Erkrankung. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Der im vergangenen Jahr erschienene Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, jenen beiden herausragenden Gestalten der deutschsprachigen Lyrik nach 1945, erreichte eine so beachtliche Auflage, dass der nun vorliegende Band mit der Korrespondenz zwischen Celan und Paul Demus frühzeitig als Fortsetzung angekündigt worden ist – eine Reklame, wie man sie eigentlich nur für Bücher vom Bestsellerstapel und für Hollywoodfilme erwartet. Lässt man den Einwand beiseite, dass ein Briefwechsel als nicht geplantes literarisches Unternehmen anders als ein Blockbuster auch keinen zweiten Teil haben kann, und akzeptiert diese Form des Austauschs als eigenes Genre, hat dieser hier das Zeug zum Sequel: Der Leser trifft die gleichen Figuren wieder wie im ersten Teil, die Schauplätze, Themen und Konflikte sind ähnlich, wo nicht identisch, und der Plot folgt einem schon bekannten Muster von Annäherung, Vertrauen/Vertrauensbruch und Funkstille.

 

Wien - Paris

Was Paul Celan und Ingeborg Bachmann verband, war, neben ihrer Suche nach einer der Zeit angemessenen und ihr gleichzeitig entgegenstehenden Sprache im Gedicht, das Fehlen einer schützenden Haut über der Seele. Ihre Beziehung zerbrach daran. Etwa gleichzeitig mit Ingeborg Bachmann lernte Celan, der 1947 über Rumänien und Ungarn mit einigen Empfehlungsschreiben versehen nach Wien kam, den damals 21-jährigen Paul Demus kennen. Am Rande, als Überbringer von Briefen, Büchern und Grüßen, taucht er schon in Herzzeit auf. Demus hatte in der Zeitschrift Plan Gedichte von Celan gelesen, seine spätere Frau Nani ließ durch Vermittlung ihrer Freundin Ingeborg Bachmann ein erstes Treffen der beiden vereinbaren. So war Demus bald in ihrem Bunde der Dritte, der von Celan schließlich als Bruder angeredet und wohl auch als solcher empfunden wurde.

 

„Vielleicht verstehst Du mich nicht ganz, vielleicht, nein gewiß verstehe auch ich mich überhaupt nicht, aber Du bist der Bruder, das weiß ich, Du bleibst, wenn ich alles verloren habe“, schreibt Celan im Oktober 1950. Der hier dokumentierte Dialog zwischen ihnen, der nach Celans Abreise nach Paris 1948 vor allem auf dem Postweg stattfand, setzt mit einem langen Gedicht ein, das Demus an Celan schickt. Nachdem dieser seine Antwort mit dem Satz schließt „Dies, um Ihnen zu zeigen, daß ich Grund habe mich zu freuen, wenn Sie mir schreiben“, bekennt Demus am Schluss seines nächsten Briefes: „Ich hab Sie sehr gern, Sie Paul Celan.“ Dazwischen deutet sich schon die inhaltliche Linie der kommenden Jahre an, in denen eine Verständigung über Kunst – Demus studierte Kunstgeschichte und beschäftigte sich besonders mit der Malerei der Moderne –, Musik und Dichtung, eigene und fremde, stattfindet.

 

Freundschaft und Freundschaftsdienst

Gegründet ist die Freundschaft auf eine von beiden wiederholt bekannte Verbundenheit in ihrem Außenseiterdasein, auf dem gemeinsamen Interesse am sprachlichen Ausdruck und auf der Bewunderung und Verehrung, die Demus Celan entgegenbrachte und die er durch seine langen Briefe und seine Bemühungen in verschiedensten Belangen für Celan einzutreten, unter Beweis stellt. Er ermuntert und drängt, durchzuhalten, bis endlich dessen erstes Buch erscheinen kann.

 

Bis Ende der 1950er-Jahre lobt er alles, was Celan schreibt, nennt sowohl seine eigenen Gedichte als auch seine Übersetzungen und die Nachdichtung von Rimbauds Das trunkene Schiff, die Celan anfertigt, herrlich, klar und rein. Celan selbst kommentiert die Lyrik des Jüngeren selten, fühlt sich aber von dessen Entgegnungen auf seine Texte verstanden. Auch Privates findet Platz: Demus berichtet von seinen Reisen durch Europa, die er beruflich und zusammen mit seiner Frau unternimmt, von der Geburt des Sohnes Jakob, und als Celan selbst Vater wird, schreibt er: „und Claude heißt er nach dem Freund, dem einzigsten, seines Vaters.“

 

Antisemitismus und Paranoia

Zu einem Bruch kommt es infolge der sogenannten Goll-Affäre. Über mehrere Jahre versuchte Claire Goll, die Witwe von Yvan Goll, Paul Celan des Plagiats an den Werken ihres verstorbenen Mannes zu bezichtigen, und Celan bot schließlich nahezu all seine Zeit und Kraft auf, um gegen die aus seiner Sicht permanent im Raum stehenden Vorwürfe öffentlich Einspruch zu erheben. Hierzu suchte er so viele Größen des Kulturlebens wie möglich dazu zu bewegen, für ihn einzutreten, und verfuhr dabei immer rigoroser nach dem Grundsatz, dass wer nicht für ihn sei, gegen ihn sein müsse. Verraten fühlt er sich von Ingeborg Bachmann, die er der Schamlosigkeit beschuldigt, von Max Frisch und auch gegenüber Demus tritt er unnachgiebig auf. Die in den Briefen sonst fast nie berührte Erfahrung der Shoa – Celans Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet – beförderte, wie es scheint, die nervliche Veranlagung zum Verfolgungswahn mit katastrophalen Folgen. Gänzlich unbegründet ist seine Wahrnehmung nicht. Die höhnischen und verhöhnenden Reaktionen, die Celan bei seiner Lesung der Todesfuge beim Treffen der Gruppe 47 1952 in Niendorf erlebte, mussten Spuren hinterlassen, auch eine negative Rezension durch Günter Blöcker, die Celan als antisemitisch empfand.

 

In seinem Umgang mit den Unterstellungen Claire Golls jedoch, daran erlauben Celans Briefe an Demus leider kaum einen Zweifel, wird sein Entgegnungsdrang pathologisch. Am 17. Juni 1962 ringt sich Demus durch, dem Bruder „das Äußerste, das Allerletzte zu sagen“. In dem Wissen, ihre Freundschaft dadurch zu zerstören, schreibt er: „Paul, ich habe den entsetzlichen ganz gewissen Verdacht, daß Du an Paranoia erkrankt bist.“ In der destruktiven Logik der Erkrankung lag es, dass Celan hierin nichts anderes erkennen konnte, als einen weiteren Treuebruch und eine gegen ihn gerichtete Verschwörung. Er bricht den Kontakt ab. Erst Ende 1968, kurz vor seinem Tod also, geht er auf die an ihn gerichtete Bitte um Verzeihung ein.

 

Ungleichgewicht, Schwere und Leichtigkeit

Auch ohne es moralisch bewerten zu wollen, lässt sich ein Ungleichgewicht zwischen den Anteilen an dieser Korrespondenz feststellen. Demus’ Briefe überwiegen nicht nur an Zahl und Seiten, sondern auch was das Maß an Entgegenkommen betrifft. Celan selbst bekennt 1954: „Daß Ihr mir immer wieder schreibt und mich beschenkt, ungeachtet meines so beharrlichen Schweigens mir Worte und Grüße ins Haus schickt: es ist wohltuend […] und so furchtbar beschämend!“

 

Die Schwere und der hohe Ton der Briefe wirken in Anbetracht des Ernstes und der Absolutheit, mit der die beiden ihre Lyrik schufen, geradezu selbstverständlich. Umso überraschender daher, dass es durchaus, wenn auch selten, leichtere Momente gibt. Im Mai 1960 schickt Celan dem Freund zum Geburtstag eine gereimte Grußbotschaft, in der es heißt: „Lieber Klaus und Jakobsvater! Du bist wohl, das hatt ich vergessen/in Essen./Und feierst Geburtstag, ei,/in Bre-, in Bredeney.“ Vielleicht ist mehr als die vielen Zärtlichkeitsbekundungen, die bald auch von Nani Demus an Celan ergehen und umgekehrt, die Tatsache, dass Celan gegenüber Klaus Demus zu solchen Spielereien im Stande war, ein Beleg für das besondere Vertrauensverhältnis. Und nach Erscheinen dieser Briefe tut Celan Unrecht, wer ihn dessen nicht für fähig hält.

 

Verständlicherweise überwiegen auch in der gründlichen Kommentierung durch den Herausgeber Joachim Seng die Erläuterungen zu den Vorgängen, die mittlerweile Literaturgeschichte sind. Als unverstellter Teil derselben lassen sich deshalb auch diese Briefe lesen, und es passt dazu die Ergänzung der Texte durch Fotografien und Reproduktionen von handschriftlichen Originalen in einem Bildteil – abgesehen davon, dass der Leser auf diesen Seiten auf angenehme Weise auch einmal nur zum Betrachter werden darf, wie es sich auch im Blockbusterkino gehört.

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