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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 09:33

Peter Cave: Nicht denken ...

25.02.2010

Ach, Philis!

Netten, gebildeten Männern mit Bart, die gerne Wein trinken, sollte man zuhören. Oder? Von CHRISTOPH POLLMANN

 

„Im Dorfe Holo, einem ganz normalen Dorfe am Rande der Welt, lebte Pilis. Einst war sie eine Königin, ihr Rat war der Weisheit letzter Schluss – und alle wollten von ihr beraten werden. Ihr Denken war so universell und gleichzeitig unabhängig, dass, auf ihren Rat zu verzichten, hieß, sich gänzlich dem Vorwurf der Borniertheit preiszugeben.


Philis war einfach unglaublich: Sie war logisch, intuitiv, spekulativ und überraschte die Zuhörer immer wieder aufs Neue mit ihren Analysen, Herleitungen, Ableitungen und tiefgründigen Ratschlägen. Ihr Denken war so überraschend wie streng, so spielerisch wie komplex. Und ihr Körper folgte diesen Denkbewegungen immer auf eigentümliche Weise, ja er ging ganz darin auf, wandelte sich ihnen an, so dass es beizeiten schien, sie sei das Denken selbst, luzide und ätherisch, wie Wetter und Wolkenreich ... Die Bewohner von Holo liebten sie und sie wünschten sich insgeheim eine Welt voll von ihresgleichen, denn alle ahnten: Man wäre dem Himmel dann wohl ein ganzes Stückchen näher ...


Eines Tages erschien ein Mann im Dorf. Er nannte sich Theo, so viel man aus ihm herausbekam. Ferne Kunde trug ihn her, steifbeinig und krummrückig war er und hatte eine Aura, die aus Angst und Hoffnung zusammengebraut schien. Zunächst mietete er sich im Gasthof ein, den erlange nicht verließ. In Holo begann ein großes Munkeln. Dann aber erschien er auf dem Dorfplatz und hörte Philis zu, wie es alle Bewohner gebannt taten, sah sich ihre Verwandlungen an - und schüttelte sich abwendend nur finster den Kopf. Dies wiederholte sich von Woche zu Woche, bis er ihr eines Tages offen widersprach.


Und auch wenn es recht undurchsichtig war, was er sagte, es hatte einen eigentümlichen Sog auf die Zuhörer. Er sprach von Dingen, die Philis noch nie in den Mund genommen hatte: Strafe, Belohnung, Verdammnis und ewiges Leben. Keiner erwiderte etwas darauf. Nur Philis – wie es ihre Art war – ging auf ihn ein, versuchte ihn dabei elegant zu hinterfragen, zu widerlegen und folgte zu diesem Zweck seinen Irrationalitäten in dunkelste Tiefen hinab. Sie wollte sein System von innen her begreifen.


Die Ungebildeteren des Dorfes konnten Philis gedanklich nicht mehr folgen und verstanden auch nicht, wozu sie sich so verkomplizierte. Schließlich wandten sie sich sogar von ihr ab und folgten lieber den Worten von Theo, denn so sehr sie auch schimmerten zwischen Faszination und  Angsttreiberei, sie waren einfacher als Philis´ Konstrukte. 


Mehr und mehr zogen sich auch die gebildeteren Zuhörer von ihr zurück, sie hatten in den letzten Jahren genug gelernt, um wichtige Probleme selbstständig und selbstbewusst anzugehen. Sie gründeten Werkstätten, in denen sie Abend für Abend diskutierten, sie gaben sich gewichtige Namen und nahmen nur bestimmte Bürger auf.


Und wenn Philis dort zu Besuch kam – denn sie interessierte sich weiterhin für das Leben ihrer Mitmenschen in Holo – so ließ man sie allzu oft wissen, dass sie nicht Bescheid wisse bei den speziellen Problemen, denen sich die Werker nun zu stellen hatten und die sie täglich aufs Neue zu lösen versuchten mit Apparaten und Experimenten.


Ging Philis aber zu den einfachen Menschen, so begegneten sie ihr mit seltsamen Wahrheiten, von denen sie aber so inbrünstig überzeugt waren, dass sie keinen Zweifel daran gelten ließen. Zu stolz schienen sie auf das neue Gedankengut. Wollte Philis ihnen dann etwas entgegnen, so bekamen sie schnell schlechte Laune und ließen sie durch kleine Gesten wissen, dass sie als Gast nicht mehr erwünscht war.


So hatte Philis bald nur noch wenige Freunde in Holo und lebte mittlerweile abseits der Stadt. Einige wenige Bewohner besuchen sie aber noch und diskutieren mit ihr wie ehedem, doch der große Zauber war verloren. Jetzt schreibt sie lieber Bücher: Fachbücher für ein paar Gelehrte, Einführungen, für junge Studenten, und Einführungseinführungen für den ganzen Rest. Zuletzt von ihr erschienen: Nicht denken macht auch nicht schön. Dafür hat sie sich – neben einem Bart – auch ein Pseudonym zugelegt: Peter Cave.“    

 

Prä-Propädeutika und andere Krankheiten

Was ihnen der Rezensent dieses Buches mit dieser metaphorisch doch stark überstrapazierten und grausam vereinfachten Geschichte vom Niedergang der Philosophie eigentlich sagen will, ist dies: Genau das ist die Vorgehensweise des Autors. Peter Cave verpackt jedes seiner 33 philosophischen Probleme, die erin diesem Band präsentiert und gerne Paradoxa nennt, in ein nettes Geschichtchen, sodass jeder, vom Erfolgsbanker bis zum Thekenlümmel, und jede, von der Firmenerbin bis zur schlechtbezahlten Friseuse beim nächsten Bier bzw. sojamilchangereicherten Heißgetränk etwas zu erzählen hat - und zwar etwas Philosophisches zu erzählen hat.

 

„Herunterbrechen von Inhalten“ – geschenkt! Das ist das Totschlagargument der BILD. Der einzige Unterschied zu Peter Cave ist nun nicht ein Spekulieren über das Alter von Sophia Loren und die Beschaffenheit ihres Dekolletees, sondern über die Sinnhaftigkeit des Spekulierens über das Alter von Sophia Loren und die Beschaffenheit ihres Dekolletees.

Doch entscheiden Sie selbst: Wem hört man lieber zu? Genau, keinem! (Und es bleibt – alles überstrahlend und unberührt von dem Gewäsch – der Loren lebendige Sinnlichkeit ...)

 

Was ich damit sagen will - außer dass ich mich allem Anschein nach für reife, italienische Vollweiber zu erwärmen vermag - ist dies: Mit Büchern wie „Nicht denken macht auch nicht schön“ ist niemandem wirklich geholfen. Nicht den latent Interessierten, denn die beruhigen sich bald an diesen glasmurmelwertvollen Scheinessenzen und werden sich nicht eingehender mit philosophischen Problemen beschäftigen – werden die doch zu bald zu komplex. Und man hilft auch nicht den wirklich Interessierten, wissen die doch heutzutage, wie man sich schnell handfestere philosophische Informationen besorgt. Da braucht es auch keine nachgereichte Bibliographie, wie sie Peter Cave im Anhang anbietet oder gar ein Verweissystem, das den Leser von einem Problem zu einem verwandten führt.

 

Ja, dieser Anhang erscheint sogar mehr, als wolle man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, mit diesem Büchlein keinen Mehrwert liefern zu können. Doch wenn es nach der Lektüre bei einer Erkenntnis bleibt, dann ist es diese schlichte: Schnell gelesen, schnell vergessen - da hilft es auch nicht, wenn Peter Cave bisweilen richtig ernst wird und dazu mahnt, man solle sich pro Tag nur ein philosophisches Rätsel vornehmen. Oder sogar nur ein Kapitel pro Woche, der Gewichtigkeit wegen. Das ist echte Mimikry! Da will einer gewichtig werden und bläst sich nur die Backen voll – mit abgestandener philosophischer Luft.

 

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