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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:13

Alain de Botton: Airport

17.06.2010

Nur Fliegen ist schöner

Flughäfen sind Zentren der modernen Lebenswelt: Wartehallen und Duty-Free-Shops, Landebahnen und Check-In-Schalter, Passagiere und Bodenpersonal. INGEBORG JAISER ist fasziniert von dieser Mischung aus Schönheit und Horror.

 

Heathrow: Nachdem das architektonische Wunderwerk des neu erbauten Terminal 5 durch Negativ-Schlagzeilen Furore machte (gleich nach der Eröffnung waren über 40.000 aufgegebene Gepäckstücke verschütt gegangen), besann sich die Betreiberfirma Grupo Ferrovial auf einen ganz besonderen Marketing-Gag: Ein neu berufener Flughafenschreiber sollte für eine Woche in Heathrow leben und arbeiten, wobei ihm alle sonst verschlossenen Bereiche des Airports offen stehen würden. Eine geschickt lancierte Auftragsarbeit mit geplantem Blick hinter die Kulissen!

 

Eine Woche in Heathrow

Es kursieren mehrere Legenden, wie gerade der Philosoph Alain de Botton zu diesem Posten kam. In seinem Essay Airport gibt er vor, in einem Akt der spontanen Qualifikation einfach vom Flughafenbetreiber benannt worden zu sein. Gegenüber der Frankfurter Rundschau punktet er mit dem Hinweis, mit einem „ungeheuer überzeugenden Bewerbungsbrief“ gewonnen zu haben. Egal: Kaum einer könnte als Flughafenschreiber geeigneter sein als der Sohn eines Schweizer Bankiers, der nach seinem Geschichts- und Philosophiestudium solch brillanten Werke wie Kunst des Reisens oder Glück und Architektur publizierte. Schon als achtjähriger Internatsschüler pendelte er regelmäßig zwischen Zürich-Kloten und London-Heathrow – das sorgt für lebenslange Prägung!

 

Romantisierung des Reisens

So bezieht Alain de Botton Ende September 2009 seine neue Wirkungsstätte im gewaltigsten Gebäude Englands, einer zu Gestalt gewordenen, in Glas und Stahl gegossenen Verheißung der Moderne. Welcher Ort könnte treffender die unsere Zivilisation prägenden Themen widerspiegeln – „von unserem Glauben an den technischen Fortschritt bis zur Zerstörung der Natur, von globaler Vernetzung bis zur Romantisierung des Reisens“? Eine Woche lang nächtigt der frischgebackene Writer-in-Residence im luxuriösen, flughafennahen Sofitel, tippt an einem lärmumtosten Schreibtisch inmitten der Abflugshalle, interviewt Sicherheits-Chefinnen und Studenten, Putzfrauen und Passagiere, Vorstandsvorsitzende und Vorarbeiter. Dass er sich zuweilen in der Rolle eines Beichtvaters wiederfindet und ihm Biographien aufgedrängt werden, die er lieber nicht so genau kennen möchte, erträgt er mit weltmännischer Nonchalance.

 

Miami oder Maskat?

Im geballten Mikrokosmos eines Flughafens kulminieren die Dramen und Konflikte des modernen Lebens wie an kaum einem anderen Ort. Hier kreuzen sich die verworrenen Linien multikultureller Beziehungen, hier geben sich in Urlaub reisende Familien der gefährlichen Illusion hin, „das Glück im Anderswo zu erhoffen: zwei Zimmer mit Blick auf einen Hafen, ein von Palmen umstandener Bungalow, das abendliche Büffet inklusive.“ Die auf Anzeigetafeln ausgewiesenen Destinationen suggerieren nur allzu gern diffuse Szenarien voll exotischer Nostalgie und Sehnsucht: Tel Aviv und Tripolis, Abu Dhabi und Algier, Miami und Maskat.

 

Alain de Botton gelingt mit dem Essay Airport ein erstaunlich frischer, ungewohnter und doch zugleich elaborierter Blick auf das Phänomen „Flughafen“. Poetisch beschreibt er die Magie der Abflugshallen, dekliniert die Mechanismen des modernen Arbeitslebens, beleuchtet die Konsumkultur der Duty-Free-Shops. Zahlreiche fantastische Fotografien von Richard Baker verleihen diesem schmalen Band besonderes Format und pushen ihn auf über 120 Seiten hoch. Ein besondere Erwähnung gilt den Umschlaggestaltern: Selten vermag ein stimmiges Cover eine derartige Sogwirkung zu vermitteln ...

 

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