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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 12:11

Roberto Benigni: Mein Dante

05.08.2010

Mit der Unbefangenheit eines Kindes

Man hat fast das Gefühl, Umberto Eco schreibt nur noch Vorworte, kürzlich in der SZ endlich die Ankündigung, er würde tatsächlich wieder an einem neuen Roman schreiben. Und unter uns: Es wäre ja auch eine Schande gewesen, würde einer der letzten großen Universalen zu einem literarischen Ansager verkommen ... Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Und natürlich ist das Vorwort zu Roberto Benignis Mein Dante kultur- und ideengeschichtlich geprägt, weist das typisch ecosche Federn zwischen Allgemeinverständlichkeit und Wissenschaftlichkeit auf – so weit, so bekannt. Doch immer wieder schafft er es auch, ein Leuchtfeuer der Erkenntnis zu zünden, eines, das den Weg weist durch das Dunkel der Vergangenheit. Hier ist es:

 

Es ist ein Fehler der heutigen Zeit zu glauben, Dichtung sei etwas für auserwählte Denker: Sie ist die volkstümlichste aller Künste, und sie entstand, um laut vorgetragen und auswendig gelernt zu werden. Welchen Grund sollte es sonst geben, Gedächtnisstützen wie den Fuß, das Versmaß oder den Reim zu verwenden?

 

Und Roberto Benigni steht dem in nichts nach! Es gibt ja Leute, die ihn regelrecht hassen, für seine ewig aufgesetzt erscheinende Lustigkeit, sein breites, fast ottowaalkisches Lächeln und Herumhüpfen, für diese extravagant sich nach obenschraubende dünne Haartolle über seiner hohen Stirn, überhaupt für seine ganze handpuppenartige Hagerkeit und nicht zuletzt für die Aufdringlickeit seines Humors. Ich frage mich dabei immer: Wie kann man einen Clown nur hassen? Noch dazu einen, der mit „Das Leben ist schön“, wohl eine der waghalsigsten und atemberaubendsten Geschichten der Filmgeschichte geschaffen hat, basierend auf einer geradezu unglaublichen Pointe, einer clownesken Lüge, für deren Konsequenz der Protagonist (natürlich Benigni!) mit dem Leben bezahlen muss. Ein unfassbar menschlicher Film, der Himmel und Hölle unseres Daseins umfasst und in eine kleine einfache Geschichte fügt - ein Geniestreich, der in seiner narrativen Kraft sicher auch einem Dante gefallen hätte.

 

Apropos Dante

Ist der Titel Mein Dante eine Anmaßung oder eher Bescheidenheit? Ich würde sagen, Benigni ist so etwas wie der Auserwählte, um uns den klassischen Dante, den jeder kennt und keiner gelesen hat, nahe zu bringen. Denn er tut das in seiner typischen Schamlosigkeit, in die - das sollte man dabei nie vergessen - sich immer auch Bildung, Intellekt und Feinsinnigkeit mischt. Er weiß also sehr genau wovon er spricht, wenn er z.B. schreibt:

 

Dante hat praktisch alles gesagt, nicht einmal Shakespeare erreicht sein Niveau: Shakespeare erfasst alle Menschen, aber das Göttliche streift er nicht; und Dante hat die Göttliche Komödie nicht nur geschrieben, weil Gott existiert, sondern damit er existiert.

 

Man darf Benigni nicht unterschätzen, weil er aus der Unterhaltungsbranche kommt, denn damit kommt er unmittelbar vom Erzählen, ja, er muss erzählen können, um überhaupt auf der Bühne stehen zu dürfen. Und damit ist er Dante um vieles näher als vielleicht der Literaturprofessor, der ihn sein ganzes Leben analysiert hat, ihn dabei aber nie zum Leben erwecken konnte. 

 

Originalausgabe Originalausgabe

Mit wackelnder Tolle

Benigni nimmt uns nicht nur die Angst vor wahrhaft großer Literatur, er gibt dem Unsicheren auch noch eine praktische Leseanweisung mit auf den Weg:

 

Dantes Meisterwerk ist eine der klarsten und einfachsten Geschichten, die je geschrieben wurden; man sollte ihr mit der Unbefangenheit eines Kindes begegnen, und erst später versuchen, die Allegorien und Metaphern zu verstehen, wenn man das Ganze ein zweites, drittes, viertes Mal usw. liest. Aber am Anfang dürfen wir uns nicht den Spaß nehmen lassen, dieses Buch einfach zu lesen und eine Geschichte zu genießen, die Gesang , Harmonie, Handlung und natürlich Dichtung in sich vereint. Und Dichtung muss bekanntermaßen laut gelesen werden, da sie aus der mündlichen Tradition stammt.

 

Benignis Mein Dante wurde zu einem großartigen Publikumserfolg, er füllte Sportpaläste mit seinen Analysen und Anmerkungen. Das Buch ist nun eine Synthese aus diesen stundenlangen Vorträgen, von denen Benigni sagt, manches sei dabei auch nur so hingeworfen gewesen. Aber genau dieses „Hingeworfene“ macht das Buch so überaus lesbar und lesenswert, denn man vermeint Benigni sprechen zu hören, ja sieht ihn vielleicht sogar mit wackelnder Tolle gestikulieren - und beginnt ihn dafür zu lieben.

 

 

[Anmerkung: Ca. die Hälfte des Bandes sind dem Abdruck der Gesänge eingeräumt, über die Benigni spricht. Sie sind der Ausgabe des Manesse Verlages entnommen, in der Übersetzung von Ida und Walther von Wartburg.]

 

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