„The moon was shining I saw her face
a magic woman all dressed in lace
she gave me a sign and I followed her“
(Bad Boys Blue)
Die Autorin weiß um die erotisierende Wirkung des geschickten Verzögerns. Als Hommage an die Schaulust erscheint ihr Bildband Lingerie in einem Stoffeinband im Stil eines Korsetts. Fast zu schön, um ihn abzulegen und so schmückend, dass man es nach dem Betrachten wieder anlegen muss. Dann aber fehlt der Reiz des Derangierten. Laszive Unordnung der Wäsche kann ebenso verlockend sein wie faltenfrei anliegender Stoff. Seit der Verbreitung des Unterhemdes im Mittelalter ist die Frau in leicht ungeordneter Kleidung ein erotisches Topos. Moralwächter verdammen liederliche Frauenzimmer, die - absichtlich gar - tief blicken lassen, und die blitzende Unterwäsche gleich mit.
Künstler hingegen feiern lose gekleidete Damen. Schriftsteller von Casanova bis Marquis de Sade singen Loblieder auf die historische Wäsche, die der Bildband zeigt. Anders als Zazzos Buch lassen diese Autoren die Körperteile darunter nicht aus. Schon mittelalterliche Maler bilden Hofdamen und Huren mit geöffnetem Mieder ab, aus dem der Hemdstoff fließt. Im Barock sind Gemälde vertraulicher Boudoir-Szenen besonders populär. Wäsche ist so erotisch, dass die Trägerin selbst mitunter aus dem Bild verschwindet. Das Leibchen ist so aufregend wie der Leib. Aus tabuisierter Lust wird die Lust am Tabu.
„I got a Versace couch and pillows I sleep on
With the matchin rob and slippers, I beg to differ
LaPerla lingerie, cause it fits my body.“
(Li´l Kim)
Lingerie ist die pure sexuelle Provokation. Wie das Geschenkpapier etwas zu Vergebendes als solches auszeichnet und den Beschenkten zum Auspacken einlädt, wird Reizwäsche angelegt, um ausgezogen zu werden: vorzugsweise von einer anderen Person. Der Suggestivität der Reizwäsche können sich weder Betrachter noch Trägerin entziehen. So unbezwingbar ist die der Lingerie zugesprochene Verruchtheit, dass im 18. und 19. Jahrhundert den Putzmacherinnen, die Spitzenwäsche und frivole Modeartikel verkaufen, Liederlichkeit nachgesagt wird. Die Kundinnen der Putzmacherinnen gehörten vorrangig zwei Gesellschaftsschichten an. Sie waren vornehme Damen oder Kurtisanen, Schauspielerinnen und Revue-Mädchen. Beide Klassen einte, dass sie die Fantasien von Künstlern und Dandys beflügelten. Die Erotik scheint mit dem Stoff verwebt.