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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:15

Anne Zazzo: Lingerie

09.09.2010

Die Kunst der Verpackung

Sachte lösen die Finger das schwarze Samtband, bis die seidige Hülle fällt. Nur die hauchdünne Spitze verbirgt noch die Augenweide: Lingerie. In ihrem Bildband spürt Anne Zazzo anhand zahlreicher Kunstdrucke, Abbildungen von Originalmodellen und Fotografien der Passion für ein wenig Stoff nach. Denn merke: Die Keuschheit der verhüllten Schönheit ist verkappte Koketterie. Von LIDA BACH

 

„The moon was shining I saw her face

a magic woman all dressed in lace

she gave me a sign and I followed her“

                                        (Bad Boys Blue)

 

 

Die Autorin weiß um die erotisierende Wirkung des geschickten Verzögerns. Als Hommage an die Schaulust erscheint ihr Bildband Lingerie in einem Stoffeinband im Stil eines Korsetts. Fast zu schön, um ihn abzulegen und so schmückend, dass man es nach dem Betrachten wieder anlegen muss. Dann aber fehlt der Reiz des Derangierten. Laszive Unordnung der Wäsche kann ebenso verlockend sein wie faltenfrei anliegender Stoff. Seit der Verbreitung des Unterhemdes im Mittelalter ist die Frau in leicht ungeordneter Kleidung ein erotisches Topos. Moralwächter verdammen liederliche Frauenzimmer, die - absichtlich gar - tief blicken lassen, und die blitzende Unterwäsche gleich mit.

 

Künstler hingegen feiern lose gekleidete Damen. Schriftsteller von Casanova bis Marquis de Sade singen Loblieder auf die historische Wäsche, die der Bildband zeigt. Anders als Zazzos Buch lassen diese Autoren die Körperteile darunter nicht aus. Schon mittelalterliche Maler bilden Hofdamen und Huren mit geöffnetem Mieder ab, aus dem der Hemdstoff fließt. Im Barock sind Gemälde vertraulicher Boudoir-Szenen besonders populär. Wäsche ist so erotisch, dass die Trägerin selbst mitunter aus dem Bild verschwindet. Das Leibchen ist so aufregend wie der Leib. Aus tabuisierter Lust wird die Lust am Tabu.

 

„I got a Versace couch and pillows I sleep on

With the matchin rob and slippers, I beg to differ

LaPerla lingerie, cause it fits my body.“

                                                      (Li´l Kim)

 

Lingerie ist die pure sexuelle Provokation. Wie das Geschenkpapier etwas zu Vergebendes als solches auszeichnet und den Beschenkten zum Auspacken einlädt, wird Reizwäsche angelegt, um ausgezogen zu werden: vorzugsweise von einer anderen Person. Der Suggestivität der Reizwäsche können sich weder Betrachter noch Trägerin entziehen. So unbezwingbar ist die der Lingerie zugesprochene Verruchtheit, dass im 18. und 19. Jahrhundert den Putzmacherinnen, die Spitzenwäsche und frivole Modeartikel verkaufen, Liederlichkeit nachgesagt wird. Die Kundinnen der Putzmacherinnen gehörten vorrangig zwei Gesellschaftsschichten an. Sie waren vornehme Damen oder Kurtisanen, Schauspielerinnen und Revue-Mädchen. Beide Klassen einte, dass sie die Fantasien von Künstlern und Dandys beflügelten. Die Erotik scheint mit dem Stoff verwebt.

 

Nights in white Satin

Den Kennern der Damenwäsche, Troubadouren und Libertins, ist die Beschreibung der Reizwäsche zu verdanken. Um diese „Anfänge des Voyeurismus“ und um die Herausbildung der Terminologie in Sprache und Vorstellung kreist das erste der vier Kapitel. Im zweiten erforscht Lingerie die „Herausbildung des Erotischen“. Auf Gemälden, alten Werbedrucken, schlüpfrigen Postkarten und Karikaturen stöbert Zazzo der Lingerie nach. Die Reizwäsche findet ihren Weg aus Boudoirs, bürgerlichen Bädern und Varieté-Bühnen in die Kaufhäuser und deren Schaufenster. Voyeurismus ist nun öffentlich, Sexualität weiterhin tabu.

 

Paradoxerweise werden gerade die Kleidungsstücke, die weibliche Reize mit Bändern, Drahtgestellen und schließlich Metall verstärkten Kegel-BHs bändigen sollen, zu Fetisch-Objekten. Diesem Prinzip unter umgekehrten Vorsätzen gehorcht die heutige Gesellschaft. Der in den Medien alltägliche nackte weibliche Körper wird durch Wäsche wieder geheimnisvoll. Die großen Wäsche-Designer der Moderne betreiben das Spiel mit dem Fetisch offen.

 

Lingerie frönt in seinen zahlreichen Detailaufnahmen dem lustvollen Exhibitionismus. Der Blick klettert an Strumpfnähten entlang, folgt den Kurven von Körbchen und verfängt sich in Netzmustern. Trotz der radikalen Veränderungen in Gesellschaft und Mode zeigen die Dessous ästhetische Gemeinsamkeiten. Weiß, schwarz, rot und die von fleischfarben bis rosa schwankenden nude-Töne sind bis heute die beliebtesten Farben. Strapse gehören zur Untergarderobe wie das Strumpfband zu Betty Boop. Der BH trotzt Flower Power und feministischen Feuerzeugen. Den Blick auf die gesellschaftlichen Hintergründe gibt Zazzo trotz ihrer Freude am Enthüllen nicht frei. Die Qualitäten der illustrierten Geschichte vom Mittelalter bis heute sind vor allem visueller Art. Analytisch ließ sich Anne Zazzo mehr von der Leichtigkeit als der Transparenz der Lingerie inspirieren. Dem Reiz der Bilder aus dem Bourdoir tut es keinen Abbruch. Ein Hauch von Geheimnis ist Teil des Vergnügens.


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