Sven Ingmar Thies: Japanese Rooms
16.09.2010
Schöner Wohnen
Wie haben sich im Ausland lebende Japaner eingerichtet? Was ist der Lieblingsort in ihrer Wohnung? Was erinnert sie an Zuhause? Wieviel Miete zahlen sie? Was ist in ihrem Kühlschrank zu finden? Ein bemerkenswertes Fotoprojekt beleuchtet die Wohn- und Lebenssituation von (Exil-)Japanern. Von INGEBORG JAISER
Wie wohnen moderne Japaner, in ihrer Heimat und im Ausland? Mit Reisstrohmatten auf dem Boden? Mit Ikebana-Gestecken in den Bildnischen? Mit Plastikpantoffeln vor der Toilette? Mit einem Zen-Garten am Haus?
Als der Hamburger Graphik-Designer und Fotograf Sven Ingmar Thies zweieinhalb Jahre als DAAD-Stipendiat in Tokio lebte, entstand die Idee, japanische Wohnräume zu fotografieren. Ein einfach und geradlinig wirkendes Projekt, doch zugleich voller Hürden, wenn man bedenkt, dass Japaner eher ungern Gäste zu sich nach Hause einladen. Zu intim und privat sind die eigenen vier Wände – oftmals auch einfach zu beengt.
Der Reiz der analogen Fotografie
Über den Zeitraum von fast einer Dekade hat Thies seine stets mit Canon Eos Kameras analog fotografierte Serie auf weitere Großstädte ausgedehnt. Hat japanische Schüler und Studenten, Musiker und Manager, Architekten und Designer, Kaufleute und Köche abgelichtet. Im Exil in Berlin, New York, Shanghai und Wien. Jeweils im Lieblingsraum ihrer Wohnung, bei einer bevorzugten Tätigkeit. Nichts sollte verändert, gestellt, arrangiert werden. Im Vordergrund der Fotoserie stand klar der dokumentarische Charakter. Und die Frage: wie leben Japaner im Ausland, wie pflegen sie ihre kulturelle Identität, wie passen sie sich ihrer neuen Umgebung an?
Entstanden ist ein Konvolut herausragender Schwarzweiß-Aufnahmen, von denen 82 Fotografien in den Bildband Japanese Rooms Eingang gefunden haben. Außergewöhnlich verpackt kommt diese Publikation daher: Ein stabiler, rot akzentuierter Schuber birgt den eigentlichen Buchblock mit offenliegender Fadenheftung. Der präsentiert auf der ersten Seite ein kaleidoskopartiges Tableau von 5x5 Fotografien, die bereits einen Vorgeschmack auf den Inhalt bieten. Jede Doppelseite im Inneren zeigt eine besonderes Szenario: rechts die Schwarzweiß-Fotografie eines individuellen Wohnraums, links einige rudimentäre Informationen zu den dort abgelichteten Personen. Dabei stehen Unschärfe und Verschwommenheit der sich bewegenden Menschen in pulsierendem Kontrast zur statisch eingefrorenen Ruhe der Räume.
Ikea-Möbel und Laptops
Spannend, aufschlussreich und erhellend ist das Blättern durch dieses interkulturelle Fotoalbum, das durch gelegentliche Kurzinterviews mit den Bewohnern ergänzt wird. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob man typisch japanische Fundstücke entdeckt. Oder eher von seiner Voreingenommenheit abkommt. Während zwei in Berlin lebende japanische Künstler in einem spartanischen, lichten, überaus reduzierten Zimmer wohnen, hockt ein 18jähriger Computer-Nerd in einem zugemüllten 10-Quadratmeter-Raum in Tokio. Während in traditionellen japanischen Häusern oft die Fenster verhängt werden, schwärmt ein Exilanten-Paar in Shanghai vom anregenden Ausblick durch raumhohe Glastüren. Und doch lassen sich kulturübergreifende, allgemeingültige Accessoires herausfiltern: Laptops und Fernseher, Ikea-Möbel und Design-Klassiker, Wasserspender und Ventilatoren.
Awards und Ausstellungen
Thies muss mit enormem Feingefühl vorgegangen sein, um in die intime Privatsphäre der Bewohner vordringen zu können und ihr Vertrauen zu gewinnen. Vielleicht liegt ihm selbst, als in Wien lebender Hanseate, der interkulturelle Dialog im Blut? Auf der letzten Doppelseite seines Bildbandes sieht man ihn in einem karg möblierten Zimmer, an einem langen, weißen Tisch vor einem Notebook sitzend. Wer würde bezweifeln, dass durch diesen Raum japanischer Geist weht?
Übrigens: Japanese Rooms wurde mit dem iF communications award 2008 prämiert und ist für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2010 nominiert. Nach Ausstellungen in Düsseldorf, Wien und Berlin wird diese herausragende Fotoserie im Frühsommer 2011 im Übersee Museum in Bremen zu sehen sein. Unbedingt vormerken!


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