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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:20

Peter Ackroyd: The English Ghost

24.12.2010

Gespenstersonaten

Ein Gespenst geht um in England. Es erscheint nicht an einem Ort oder einer Person. Der Spuk entsteigt der Heimaterde selbst. »Wraith-like is this native stone« zitierte Peter Ackroyd aus dem  altenglischen Gedicht The Ruin. »Wraith« beschreibt die Manifestation eines Toten oder dessen Umgehen. Wraiths, spooks, spirits, hauntings, revenants begleiten The English Ghost in Ackroyds Anthologie angelsächsischer Geistersichtungen. Von LIDA BACH

 

In sieben Kapiteln versammelt der englische Schriftsteller und Essayist in seiner literarischer Séance Spectres through Time. Sie tuscheln als »Phantom im Hause«, wandeln über alte Treppen, und lassen sich in ungenutzten Zimmern spüren. »Wandernde Geister« harren nachts am Wegesrand oder verhallen als grausiger Schrei aus dem Nichts, der stets zur gleichen Stunde am gleichen Ort ertönt. In der Neuzeit reisen rastlose Seelen komfortabler als gespenstische Zugpassagiere. Heute zeigen sich die Wanderer aus dem Totenreich in urbanen Legenden als unheimliche Anhalter oder Geisterzüge, die auf lange stillgelegten Gleisen fahren.

 

Blutgetränktes Leinen ist die Farbe des mit abgewetzten Kupferstichen verzierten Einbandes. Doch es ist seit Jahrhunderten oder Jahrzehnten getrocknetes Blut. Von 1611 bis in die 70er Jahre der Moderne offenbart sich das Jenseitige den Diesseitigen. Am ruhelosesten  aber waren die Toten des 18. und 19. Jahrhunderts. An der Schwelle zur Gegenwart hält Ackroyds Recherche inne. Amityville, der Mottenmann und die Gremlins gehören einer anderen Ära des Spuks an. In den in umfangreicher Recherche gefundenen Zeitungsartikeln, Augenzeugenberichten und Niederschriften geht die Inspiration von M. R. James, Sheridan LeFanu und Anne Radcliff um. Das Übersinnliche ist real als Teil der Alltagskultur und populären Vorstellung. Ob der Leser an sie glaubt, sei ihm überlassen, schreibt Ackroyd in der Einleitung. Doch wer würde zweifeln an den »Erinnerungen von Edward Lenthal Swifte, Wächter der Kronjuwelen« oder dem »verständigen, nüchternen, gläubigen Mann«, der um 1691 einen Bruder hatte, dessen Frau … ?

 

Unfreiwillig komödiantisch lesen sich manche der Anekdoten, wie ein im Jahr 1846 erschienener Bericht der Bristol Times: »Der Kammerzofe jedoch wurde die ungeneidete Ehre zuteil, den ruhelosen Nachtbesucher zu sehen.« Selbiger »schnauzbärtige Gentleman« schüttelte ihr Bett und hätte sie nach ihrer Überzeugung auch geschüttelt, wäre sie nicht unter die Bettdecke gekrochen. Die kindliche Schutzmaßnahme gegen bedrohliche Zimmerschatten ist in England offenbar bewährte Spuk-Abwehr. Nicht nur Dackel und andere Vierbeiner spuken so häufig, dass Ackroyd ihnen ein eigenes Kapitel widmet. »Die Nonne von Barking« ist nur eine der geistlichen Geister. 

 

Kein Horror, aber unheimlich

Die (über)sinnliche Geisterstunde ist eine Hommage an die Affinität der Engländer zu ihren Gespenstern. Hamlet erscheint der Geist seines Vaters, Ebenezer Scrooge die drei Geister der Weihnacht und der Geist seines einstigen Kollegen, der monströse »Geist eines Flohs« erschrickt auf einer Zeichnung William Blakes vor seinem Spiegelbild. Im Parlament drängeln sich Dutzende Geister. Die Spectres through Time gehen nicht Klassikern, sonder im kollektiven (Unter)Bewusstsein einer Nation um. Der Titel ist einer der Gespenster. Das englische Gespenst ist ebenso Der Geist Englands. Wie von Geisterhand dokumentiert das gedruckte Gruselkabinett ein Stück angelsächsischer Kulturgeschichte.

 

Die knappen, prosaisch aneinander gereihten Zeugnisse sind keine Horrorlektüre. Sie sind unheimlich, im freudschen Sinne. Geister führen uns den Schrecken des Verlusts vor Augen, in dem sie sich entziehen. Sie können berühren, aber nicht berührt werden, schreibt Ackroyd. Nicht ihre Nähe, ihre Entfernung macht sie beängstigend. Das Grauen ist beiderseitig. Die Geister fürchten sich, stöhnen vor Qual, Trauer oder Einsamkeit. Sie wecken händeringend Schlafende, wie »Das kleine Mädchen« oder wünschen wie eine »Mrs. M.«, dass eine Nachricht an ihre Liebsten gesandt wird. Düster-zärtlich ist der schaurige Grundton des schillernden Kleinods. Wie der letzte English Ghost, der John Donne erschien. Donnes Worte scheinen aus einer jenseitigen Welt statt des fehlenden Epilogs zu tönen: »I run to death and death meets me halfway …«

 

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