Vittorio Magnago Lampugnani: Die Stadt im 20. Jahrhundert
21.01.2011
Ein Jahrhundertwerk
Vittorio Magnago Lampugnani, einer der bekanntesten und profiliertesten Architekturhistoriker Europas, hat mit seiner zweibändigen Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert ein Kompendium vorgelegt, das für lange Zeit zu einem Standardwerk werden wird. Von CHRISTOPHER FRANZ
50,5 Prozent der derzeitigen Weltbevölkerung lebt in Städten. Diese sind die Heimat für 3,5 Milliarden Menschen, die dort wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Schon immer hatten Architekten und Stadtplaner die Aufgabe, diesen Ort zu gestalten, den Moloch zu regulieren oder einen homogenen Organismus zu erschaffen. Doch kein Jahrhundert war so reich an unterschiedlichen Ideen, Ideologien und Lösungsansätzen für das Gebilde Stadt wie das letzte. Von ihnen handelt Die Stadt im 20. Jahrhundert.
Lampugnani, von 1990-95 Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt und Herausgeber des anerkannten Architekturmagazins domus, seit 1994 Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, um nur einige der Stationen seiner Karriere zu nennen, widmete einen Großteil seiner Forschungen eben jenen Theorien der Stadtplanung.
Niederschlag fanden diese Bemühungen in diversen Ausstellungen und Publikationen wie dem frühen Buch Architektur und Städtebau im 20. Jahrhundert (Hatje, Stuttgart 1980) oder der, zeitlich viel weiter gefassten Buchreihe Anthologie zum Städtebau (zusammen mit Katia Frey und Eliana Perotti, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2005/08), deren zwei bisher erschienene Bände mit Quellentexten zur Geschichte der Stadtplanung, Von der Stadt der Aufklärung zur Metropole des industriellen Zeitalters und Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt, sich wie eine Ergänzung zu dem hier zu besprechenden Opus Magnum Lampugnanis lesen lassen. Getragen wird das Werk von der Erkenntnis, dass sich der Städtebau getrennt hat in die ästhetische Gestaltung der Architektur einerseits und die rein technische Stadtplanung andererseits. Lampugnanis Grundthese ist, dass diese »Spaltung zwischen Poesie und Zahlen« aufgehoben werden muss. Die Stadt im 20. Jahrhundert ist ein beeindruckendes Plädoyer dafür.
Kenzo Tange, Erweiterungsplan der Stadt in die Bucht von Tokio, 1960.
Architektur zum Wohle der Menschheit
Die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert kann nicht fokussiert auf ein Land oder einen Kontinent betrachtet werden. Die weltweite Vernetzung, fachliche wie kommunikative, sorgte und sorgt dafür, dass neue Theorien binnen kürzester Zeit vielerorts rezipiert, angewendet und weiterentwickelt werden. Demzufolge widmen sich die 28 Kapitel dieses Werks nicht nur der Entwicklung der europäischen Stadt, sondern in einer weltumspannenden Sicht auch der anderer Länder.
Lampugnani beginnt mit den Gartenstädten und Fabriksiedlungen, welche von Stadt- und Sozialreformern um 1900 als Reaktion auf die katastrophalen Lebensumstände, vor allem der einfachen Bevölkerung in der industrialisierten Stadt, erdacht wurden. Schon hier geht er auf ein Thema ein, welches üblicherweise bei architekturhistorischen Abhandlungen wenig Beachtung findet: der Macht des Geldes. Gedacht waren die Gartenstädte für die Arbeiterschicht, die ein Vegetieren unter miserablen hygienischen Bedingungen eintauschen sollte gegen ein Leben im Grünen. Gegen die Bauspekulation, das Diktat der Wirtschaftlichkeit und den sich selbst regulierenden (Wohnungs-) Markt konnte diese heroische Idee nur in den seltensten Fällen bestehen.
Die anschließenden Kapitel des ersten Bandes widmen sich den verschiedenen Theorien der ersten Jahrhunderthälfte: von der Stadtbaukunst der Beaux-Arts über die amerikanische Skyscraper City zur Neuen Sachlichkeit und dem Neuen Bauen, z.B. der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Mit dem letzten Kapitel, dem Städtebau der CIAM 1928 – 1959 und den ideologischen Grabenkämpfen der beteiligten Architekten, wird die Jahrhundertmitte überschritten, nur um im zweiten Band mit Beiträgen zum Städtebau des italienischen Faschismus, des deutschen Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus wieder in die Zeit vor 1950 zurückzukehren.
Mit den unterschiedlichen Konzepten zum Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte wird übergeleitet zu den Planungen der europäischen Großsiedlungen und Trabantenstädte der 50er und 60er Jahre, die direkt weiterführen zu den, der Technikeuphorie und der Fortschrittsgläubigkeit verpflichteten Megastrukturen, z.B. die der Metabolisten. Die Einsicht von der schlichten Undurchführbarkeit solcher Lebensentwürfe (z.B.: die »Walking City« von Ron Herron, Gruppe Archigram) führte zu dem, noch heute gültigen Konzept der punktuellen Erweiterung, Umgestaltung und Verbesserung bestehender Stadtformen.
Von Traumtänzern, Realisten und Radikalen
Die einzelnen Kapitel sind größtenteils chronologisch geordnet und können doch dank ihrer inhaltlichen Geschlossenheit jedes für sich gelesen werden. Auch wenn dem aufmerksamen Leser die gegenseitigen Bedingungen und Einflüsse der unterschiedlichen Stadttheorien nicht unerschlossen bleiben, wäre an manchen Stellen ein offensichtlicherer Querverweis auf ein anderes Kapitel wünschenswert gewesen. Besondere Anerkennung hat die verlegerische Arbeit verdient, die bei so einem Mammutprojekt nicht ohne Risiko bleibt. Die Gestaltung der Bände ist was Satzspiegel und damit Lesbarkeit betrifft vorbildlich. Auch die überwältigende Zahl von über 600 Abbildungen – sie sind der ganze Stolz des Autors – sollte erwähnt werden. Zumal sie teilweise bisher unbekannt waren oder extra für dieses Werk vom Original reproduziert wurden. Beeindruckend auch, dass sie obwohl sie nicht nummeriert sind und im Text nicht explizit auf sie verwiesen wird, dennoch stets leicht zu finden sind.
Der Leser begibt sich zusammen mit dem Autor auf eine Reise um die Erde und begegnet dabei vor allem einem immer wieder: Utopien. Das Buch beschreibt die Diskrepanz zwischen den Planungen von idealen Städten und den tatsächlich gebauten Ergebnissen. Man begreift, dass selten Wunschtraum und Wirklichkeit so weit auseinanderlagen wie in der Architektur und dem Städtebau des 20. Jahrhunderts. Der große Nutzen der beiden Bände liegt in der Verdeutlichung des Fakts, dass trotz der Vielzahl der unterschiedlichen Stadtkonzepte die allein seligmachende Stadtgestalt noch nicht gefunden wurde.
Harry Mc E. Pettit, The elevated sidewalk, 1913.
Manche Konzepte wirken auf den heutigen Betrachter ob ihrer Radikalität – und damit sind nicht nur die Gestaltungsgedanken der Faschisten, Nationalsozialisten und Kommunisten sondern auch die, der heute hochgeschätzten Architekten wie Le Corbusier (»Plan Voisin« für die Umgestaltung der Pariser Innenstadt, »Plan Obus« für Algier) gemeint – wie blanker Hohn gegenüber denjenigen, die in so einer Stadt leben sollten. Aber auch ganz offensichtliche Verbesserungen des Lebens in der Stadt scheiterten oft am politischen System, in dem sie geplant wurden. Man denke nur an die, seit annähernd 100 Jahren in den verschiedensten Stadtkonzepten auftauchenden, über dem Straßenniveau liegenden Fußgängersteige, die aufgrund der Besitzverhältnisse und dem Vorrang des Privateigentums gegenüber dem allgemeinen Nutzen unverwirklicht bleiben.
Lampugnanis Buch ist deshalb allen an der Geschichte der Stadt Interessierten nur zu empfehlen. Besonders sollte es Pflichtlektüre für jeden Architekten sein. Allein schon deshalb, um Architektur und Stadtplanung wieder näher zusammen zu bringen.



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