José Saramago: Die portugiesische Reise
14.03.2004
Hinter den Bergen
Kein Begleitbuch für den Portugaltouristen, sondern eine subjektive Reise abseits der ausgetretenen Reisepfade liegt mit der nun publizierten Portugiesischen Reise des Literaturnobelpreisträgers José Saramago vor. „Nimm dieses Buch als Beispiel und nicht als Vorlage“, empfiehlt Saramago dem Leser und: „folge Deinem eigenen Plan“. Denn „das Glück hat viele Gesichter. Das Reisen ist wahrscheinlich eines davon“. Reisebücher wie dieses aber auch.
Von Galicien kommend, also vom äußersten spanischen Norden aus, betritt José Saramago seine portugiesische Heimat, in deren geografischer Mitte, in der Provinz Ribatejo, er geboren ist. Der Schriftsteller, der da anfangs der neunziger Jahre allein mit einem Auto Portugal vom Norden bis zum Süden durchquert, erklärt nicht, was ihn zu dieser einsamen Abenteuerreise motiviert hat: war es persönliche Flucht oder ein Auftrag, eine schriftstellerische Krise oder Selbstvergewisserung? „Der Reisende reist durch sein eigenes Land. Das bedeutet, er reist durch sich selbst, durch die Kultur, die ihn prägte und immer noch prägt, es bedeutet, daß er über viele Wochen ein Spiegel für von außen auf ihn einströmende Bilder war, ein durchsichtiges Fenster, durch das Lichter und Schatten zogen (...)“, schreibt er in seiner Einführung.
Roman einer Reise
Und so ist es. Die Welt, passiert durch ein Temperament, war das nicht eine Definition des Romans; und sah Stendhal nicht den Roman als einen Spiegel, der durch die Gesellschaft und Landschaft transportiert werde? Der Roman einer Reise – nichts anders ist José Saramagos Buch. Mit der Kunstfigur des „Reisenden“ objektiviert er sich, was ihm zum einen erlaubt, dessen subjektiven Launen nachzugeben, zum anderen aber, einen (manchmal auch mürrischen) „Helden“ für eine pikareske Abenteuerreise gefunden zu haben, die es dem Autor gestattet, sich selbst zu kommentieren. Das schafft Raum in der Bewegung, Erzählraum für Aus- und Abschweifungen, auf die der spätere Literaturnobelpreisträger seine Leser mitnimmt: kreuz und quer durch die portugiesische Gegenwart und Vergangenheit, durch die Kulturgeschichte und was von ihr an Monumenten, Ruinen übrig geblieben ist oder was lange schon war: Landschaften, Dörfer, Kleinstädte.
Eben diese (auch humoristische, auch selbstdarstellerische) Darstellungsdialektik unterscheidet Die portugiesische Reise von jenem anderen Buch, das einem selbstverständlich einfällt, wenn von der iberischen Halbinsel die Rede ist – nämlich Cees Nootebooms Spanien-Buch Der Umweg nach Santiago, das der Wahl-Menorkiner aus den Niederlanden über sein Lieblingsland aus seinen zahlreichen Reisen auf dem Festland zusammengestellt hat. Portugal hat Nooteboom gemieden, das ganze Land am äußersten Rand Europas kam ihm „vergilbt“ wie ein altes Buch vor, das schon vergilbt gewesen sei, als man es zum ersten Mal in die Hand genommen habe.
Aneignung der Heimat
Erstaunlich, dass der niederländische Weltreisende, der seine Andere Geschichte, mit der er bei uns bekannt wurde, in Belem, einem Vorort Lissabons, beginnen und in dessen gleichnamigem brasilianischem Ableger ankommen lässt, diesen anderen, kleineren Teil Iberiens, derart missachtet. Liegt es nur an der anderen Sprache, wie Nooteboom andeutet, oder vielleicht auch daran, dass Portugal, die andere Weltmacht des 17. und 18. Jahrhunderts (und die länger währende Diktatur im 20.Jahrhundert), mit keiner seiner künstlerischen Hervorbringungen in Literatur, Musik, Malerei, Architektur zum Kernbestand europäischer Kunst gezählt wird? Trotz Camoes’ Lusiaden und Pessoas Nachruhm, gewiss, gibt es dort weder einen Cervantes noch einen Velasquez, weder einen Lope de Vega noch einen Goya; auch keinen Gaudi. Aber was macht das?
José Saramago muss sich sein Heimatland auch erst reisend aneignen. Wer kennt schon von uns Deutschen (oder gar unter unseren Autoren) ganz Deutschland? Mir fällt augenblicklich noch Roger Willemsen mit seiner Deutschlandreise ein. Die Qualität und Schönheit von Saramagos portugiesischer Aneignung beruht auf seiner subversiven Liebe zu Land und Menschen, zu den Verlorenheiten und Vergeblichkeiten der Geschichte, die er in abgelegenen Landstädten und Dörfern, auf Friedhöfen, in Kirchen und Klöstern ausgräbt, betrachtet und reflektiert. Der kommunistische Agnostiker wendet sich mit Ironie und Augenzwinkern, auch gelegentlich mit Zorn der „unaufgeklärten“ Armut, der resignierten Duldsamkeit und der melancholischen Versponnenheit des ländlichen Portugal mit seinen Heiligenlegenden und Mythen zu.
Imaginationen und unvergleichliche Schönheit
Man wandert, als Fremder, der meist über Lissabon, Porto, Coimbra oder die Strände der Algarve nicht hinaus gekommen ist, mit Saramago durch eine Geografie, die – wie eine der noch heute abgelegensten Provinzen Portugals – einem fast in toto ein „Tras-os-montes“ ist: „Hinter den Bergen“, und lägen die Provinzen auch an der Küste, wären flach und ohne verlorene Wildheit und Abgeschiedenheit, nur eben nicht (glücklicherweise) „touristisch erschlossen“, obwohl in den zehn Jahren, die seit Saramagos Reiseeindrücken ins Land gegangen sind – vor allem seit Portugals lukrativem Beitritt zu EG –, das Straßennetz erheblich vergrößert wurde und der Jahrhunderte währende Tiefschlaf der portugiesischen Provinz mancherorts aufgestört wurde. Das augenblickliche Vordringen portugiesischer Rotweine auf den europäischen Weinmärkten, also auch bei uns – über den bekannten Porto und den dünnen Vinho Verde hinaus –, zeigt an, dass das Land beginnt, zumindest auf diesem Gebiet beim europäischen Konzert mitzuspielen. Das alles hat jedoch mit José Saramagos Portugiesischer ReiseLeser, auch, wenn nicht sogar erst recht für alle, die daheim geblieben sind oder es bleiben werden. Denn: vor Ort kann es kaum schöner sein; anders schon und auch schön; aber die literarische Schönheit von Saramagos Reise ist mit nichts zu vergleichen. Sie ruht in sich und ist das Werk ihres Autors. Es ist Karin und Nicolai von Schweder-Schreiner zu verdanken, die Saramago übersetzt haben, dass wir das hier sagen können.
Wolfram Schütte
José Saramago: Die portugiesische Reise. Deutsch von Karin & Nicolai Schweder-Schreiner, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg. 2003, 606 Seiten, 24.90 ¤.
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