Nina Puri: Tischlein leck mich
14.02.2011
Oh, diese verrohten Sitten!
Nina Puris heute erschienenes Buch Tischlein leck mich ist ein Plädoyer für mehr Höflichkeit gegenüber der Unhöflichkeit. Von JAN FISCHER
Ach, dieser Sittenverfall, raunzen ja diejenigen immer, die den Sittenverfall beklagen. Die Jugend von heute. Überhaupt alle Leute, heutzutage. Kein Sinn mehr für dieses ganze komplizierte Netzwerk aus Benimmregeln und Verhaltensregeln, das die grundsätzliche Schrecklichkeit erträglich machen soll. Leider halten sich die Mütter, die mit ihren Kinderwagen das Knickgelenk im Bus blockieren genauso wenig daran wie die Typen, die im Restaurant in ihr Handy schreien oder die alten Frauen, die zu Monatsanfang offenbar ihre ganze Rente in Centmünzen umtauschen und dann damit an der Supermarktkasse vor einem bezahlen wollen, begleitet von einem komplizierten Zählvorgang, der selbst Chaosmathematiker überfordert. Die Hölle, ist klar, das sind immer nur die anderen, nie man selbst. Man selbst ist immer nett, und freundlich, und vor allem wohlerzogen. Und damit im Nachteil: Sich danebenbenehmen, so Nina Puri in ihrem Buch Tischlein, leck mich - Wie man sich anständig danebenbenimmt, verschafft Vorteile im täglichen Kampf um den besten Platz im Bus.
Gewinnen Sie eines von drei Exemplaren Tischlein leck mich. Beantworten Sie einfach folgende Frage: Welche Begrüßung empfiehlt Nina Puri in der Leseprobe unter guten Freundinnen?
(2)Hallöchen, Popöchen! (15)Superschönes Kleid! Woher? (11)Na, Du Arsch! (1)Einen wunderschönen guten Tag!
Rotzige Alltagstauglichkeit
Das Buch ist in dieses schlabbrige Plastik eingeschlagen, und hat dieses weiche, abwaschbare Cover wie ein Reiseführer, als rechnete der Verlag damit, dass man es mit in den Regen nimmt. Und so kommt es auch daher: Ein alltagstauglicher Ratgeber, dessen Aufmachung von einem verlangt, dass man ihn immer hinten in der Jeanstasche stecken hat, um sofort die passenden Unhöflichkeiten zur Hand zu haben, um die Unhöflichkeiten der anderen zu vergelten. Tischlein, leck mich steckt voller nützlicher, alltagstauglicher Ratschläge wie »Überpünktlichkeit ist nur dann empfehlenswert, wenn ein Meeting mit Frühstücksbuffet anberaumt ist und Sie sich die zwei Lachs-mit-Meerrettich-Brötchen sichern wollen«. So ist das ganze Buch geschrieben. Flapsig, rotzig, mit Pointen, die sich nicht wirklich darum scheren, ob sie jetzt zünden oder nicht. Dementsprechend sind sie manchmal lustig, manchmal nicht, aber immer mit diesem Ach-ja-kenn-ich-solche-Leute-Effekt, der sich oft genug umdreht in diesen Oh-Mist-so-einer-bin-ich-auch-Effekt. Das ist die vielleicht bitterste Pointe von Puris Buch: Die Erkenntnis, dass man selbst auch oft genug jemandes Hölle ist.
Entlarvung der eigenen Fehler
Hinten drauf behauptet Tischlein, leck mich, ein Anti-Knigge zu sein. Aber natürlich ist das alles ganz anders: So rotzig das alles auch geschrieben ist, so flapsig der Text vor sich hin fließt: Letztendlich raunzt er im schönen Chor mit den Sittenverfall-Raunzern, nur hinten rum: Denn wenn man denn eine Absicht hinter Puris Buch erkennen möchte, dann ist es die Entlarvung der eigenen Fehler: Hat nicht unser aller Handy schon mal im Kino geklingelt? Haben wir nicht alle schon mal umständlich mit viel zu viel Kleingeld bezahlt? Waren wir nicht alle schon einmal jemandes Hölle?
So ist Puris Ratgeber eigentlich ein Buch für mehr Toleranz, nicht dafür, Unhöflichkeit mit Unhöflichkeit zu vergelten, sondern - und da ist Puri mit dem alten Herrn Knigge einer Meinung – ein Plädoyer für die größte höfliche Geste, die es gibt: Die Fehler der anderen freundlich wegzulächen. Morgen könnten es die eigenen sein.
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