»Natur der Geburt« statt »Natur des Orgasmus«
Ohnehin geht es weniger um den Orgasmus und mehr um die natürliche, will heißen ungestörte vaginale Geburt. Dabei legt Odent überzeugend dar, dass die Ausschüttung von Hormonen und Endorphinen während einer Geburt, die durch einen technisierten Geburtsvorgang unterdrückt wenn nicht gar verhindert wird, prinzipiell wichtig für das Kind und die Mutter-Kind-Beziehung ist. Diese natürliche Geburt zu verteidigen, ist das Anliegen des Autors und nicht, dem Höhepunkt der Lust auf den Leib zu rücken. Anhand der Sprachregelungen während des Geburtsvorgangs macht Odent in diesem stärksten Teil des Textes zudem deutlich, wie die werdende Mutter während der Geburt zur passiven Patientin erklärt wird.
Die Frage, um die es in Die Natur des Orgasmus auch gehen könnte, dem Titel zufolge sogar gehen sollte, nämlich wie es dazu kommt, dass der Mensch sich mit großer Lust auch außerhalb der fruchtbaren Tage paart und sich damit von den allermeisten Tieren deutlich abhebt, wird mit nur einem Absatz bedacht. Es sei der vermehrte Hautkontakt, der das Belohnungssystem im Gehirn aktiviere, welches wiederum eine Neigung auslösen würde, nach mehr Hautkontakt zu suchen. Irgendwie plausibel, aber nicht zwingend.
Insgesamt ist das Buch ein bemerkenswert komischer Mix aus guten Beobachtungen und überzogenen Interpretationen, aus Esoterik und Wissenschaft. Aus diesem Grund ist es weder möglich, dem Text voll zuzustimmen, noch ihn grundheraus abzulehnen. Obwohl Michel Odent den menschlichen Orgasmus auf 137 Seiten naturwissenschaftlich entschlüsselt, kulturgeschichtlich er- und mythisch verklärt, kommt er diesem nicht nah. Stets bleibt eine breite Kluft zwischen der Verheißung des Titels und der Befriedigung des Lesers. Letztlich könnte nach dem Titel stehen was will – es muss unbefriedigend bleiben. Ohnehin müsste das Buch ehrlicherweise »Die Natur der Geburt« heißen – davon versteht Odent wirklich etwas.