Thomas Kistner: Fifa-Mafia von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 07:26

Michel Odent: Die Natur des Orgasmus

15.04.2011

Zurück zur natürlichen Geburt

Der englische Titel The Functions of the Orgasms trifft den Inhalt des neuesten, kulturwissenschaftlich angehauchten Buches von Michel Odent ganz gut. Besser zumindest als Die Natur des Orgasmus, wie er auf Deutsch übertragen wurde. Von den Funktionen zur Natur ist es nur ein Wort – aber dieses eine Wort steigert das Marktpotential vermeintlich um ein Vielfaches. Die Natur des Orgasmus zergeht auf der Zunge und wirkt direkt auf das limbische System des Gehirns ein. Allerdings sieht Odent, der Arzt und Geburtshelfer, dies nüchterner. Für ihn ist der Orgasmus Mittel zum Zweck, er erfüllt eine Funktion. Von BASTIAN BUCHTALECK

 

Odent identifiziert den Orgasmus als ein wiederkehrendes Muster, an dem die stetig selben Hormone beteiligt sind: Die Natur des Orgasmus sei nicht nur im Rahmen der genitalen Sexualität, sondern auch beim Stillen und sogar beim Geburtsvorgang zu finden. Er begründet diese Zusammenführung damit, dass sich in allen Vorgängen Raum und Zeit aufzulösen scheinen, sie also eine transzendente Erfahrung darstellen und zudem dieselben Hormone beteiligt seien. Für diese skurril anmutende Parallele hat Odent eigens eine Nomenklatur entwickelt. Er unterscheidet zwischen dem Fötus-Ejektions-Reflex, dem Milch-Ejektions-Reflex und dem Sperma-Ejektions-Reflex. Einzig dem naheliegenden genitalen Orgasmus der Frau hat Odent kein eigenes Wort angedeihen lassen. So richtig dieser strukturell verbindende Gedanke sein mag, so wenig gehört es zu den Stärken des Buchs, tatsächlich ein plausibles Konzept zur Natur des Orgasmus zu präsentieren. 

 

»Natur der Geburt« statt »Natur des Orgasmus«

Ohnehin geht es weniger um den Orgasmus und mehr um die natürliche, will heißen ungestörte vaginale Geburt. Dabei legt Odent überzeugend dar, dass die Ausschüttung von Hormonen und Endorphinen während einer Geburt, die durch einen technisierten Geburtsvorgang unterdrückt wenn nicht gar verhindert wird, prinzipiell wichtig für das Kind und die Mutter-Kind-Beziehung ist. Diese natürliche Geburt zu verteidigen, ist das Anliegen des Autors und nicht, dem Höhepunkt der Lust auf den Leib zu rücken. Anhand der Sprachregelungen während des Geburtsvorgangs macht Odent in diesem stärksten Teil des Textes zudem deutlich, wie die werdende Mutter während der Geburt zur passiven Patientin erklärt wird.

 

Die Frage, um die es in Die Natur des Orgasmus auch gehen könnte, dem Titel zufolge sogar gehen sollte, nämlich wie es dazu kommt, dass der Mensch sich mit großer Lust auch außerhalb der fruchtbaren Tage paart und sich damit von den allermeisten Tieren deutlich abhebt, wird mit nur einem Absatz bedacht. Es sei der vermehrte Hautkontakt, der das Belohnungssystem im Gehirn aktiviere, welches wiederum eine Neigung auslösen würde, nach mehr Hautkontakt zu suchen. Irgendwie plausibel, aber nicht zwingend.

 

Insgesamt ist das Buch ein bemerkenswert komischer Mix aus guten Beobachtungen und überzogenen Interpretationen, aus Esoterik und Wissenschaft. Aus diesem Grund ist es weder möglich, dem Text voll zuzustimmen, noch ihn grundheraus abzulehnen. Obwohl Michel Odent den menschlichen Orgasmus auf 137 Seiten naturwissenschaftlich entschlüsselt, kulturgeschichtlich er- und mythisch verklärt, kommt er diesem nicht nah. Stets bleibt eine breite Kluft zwischen der Verheißung des Titels und der Befriedigung des Lesers. Letztlich könnte nach dem Titel stehen was will – es muss unbefriedigend bleiben. Ohnehin müsste das Buch ehrlicherweise »Die Natur der Geburt« heißen – davon versteht Odent wirklich etwas.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...