Nummern von der Abreißrolle
Liebeskummer also ist es, der Thilo Mischke in seinen Berliner Stammclub treibt. Trostsuche mit seinen Freunden - deprimiert, gelangweilt und müde. Und schon auf Seite 13 bekommt der so platt klingende Buchtitel Tiefgang: »Ich habe keine Angst vor fremden Ländern, aber ich habe das Gefühl, ich habe Angst vor Frauen. Und ich reise wegen fremder Frauen. Schwierig.« Da reist also einer, um sich einer Herausforderung zu stellen. Und die besteht nicht, wie man annehmen könnte, im Reisen, sondern in der Annäherung an das andere Geschlecht.
Über 270 Seiten spannt sich der Bogen um die Welt, Thilo Mischke reist von Berlin über Polen und die Ukraine, Israel, Dubai, über Indien nach Thailand und Hongkong. Er reist durch Japan und Australien, Fidschi, durch Neuseeland, Brasilien und Island, und er beschreibt die Frauen, die er trifft: Cannelle, Patrycia, Joana, Neema, Rosa. Er verteilt Nummern von einer Abreißrolle, die er in Berlin eingesteckt hat. Da trifft er Laura – und der Erzählmodus ändert sich. Sie »ist warm und ich will diese Wärme, weil ich das Gefühl habe, schon seit Monaten zu frieren. Ich zweifle an mir selbst, muss aber zugeben, dass Laura wohl die bedeutendste Frau ist, die ich auf meiner bisherigen Reise kennengelernt habe. Weil sie die erste ist, die mir ein Gefühl gibt.« Der Autor wird sie wiedertreffen, die Frau mit dem Gefühl, und die Abreißnummern werden irgendwann unwichtig werden.
Bis dahin reist der Autor weiter, er lernt das Spiel zwischen Mann und Frau aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennen und beobachtet detailfein die länderspezifischen Spielregeln. Und er beobachtet sich selbst – und bemerkt in Hongkong, dass das Reisepflaster, das er sich auf die Berliner Ex-Freundinnen-Wunde geklebt hat, Wirkung zeigt: »Ich habe die Schnauze voll von Clubs, von der Oberflächlichkeit, die nicht nur in Berlin Hindernis für ernsthafte Verhältnisse ist, sondern auch im Rest der Welt. Für die meisten Frauen ist auch die flüchtigste Begegnung emotional aufgeladen. Und im selben Augenblick stelle ich fest: auch für mich. Keine der Frauen war ein harmloser Fick. Niemand.«