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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:27

Thilo Mischke: In 80 Frauen um die Welt

13.05.2011

Beflügelndes Balzverhalten

Ja, zugegeben: In 80 Frauen um die Welt klingt wie ein gut abgehangenes Filetstückchen aus der Chauvinistenküche. Frauen à la carte, appetitlich präsentiert und in achtzig mehr oder weniger klischeehaften Geschmacksvarianten von gutbürgerlich über feurig bis exotisch mundgerecht serviert. Muss man das goutieren? Geschmackssache. ANNETTE CHRISTINE HOCH hat den Erstling von Thilo Mischke vernascht.

 

Wer hat den Mann eigentlich bei der Titelauswahl beraten? Wer sein Debut freiwillig so nennt, muss entweder völlig abgebrüht, komplett naiv oder ein großer Fan von Jules Verne sein. Klar ist nur eines: Der Titel provoziert. Zum Lesen oder zum Mit-Verachtung-Strafen, je nach Gusto.

 

Bei mir hat die Neugier gesiegt. Ich habe gelesen – und ein erstaunlich zartes Buch entdeckt, in dem der Autor einmal um die Welt reist und seinen Rucksack voller Erfahrungen vor dem Leser – vielleicht auch vor der Leserin – ausbreitet. »Ich habe mich getrennt, zumindest erzähle ich das meinen Freunden, denn es kommt immer besser, wenn der Mann sich getrennt hat. Eigentlich hat sie sich von mir getrennt. Aber andersherum ist es eben besser für das Ego.«

 

Nummern von der Abreißrolle

Liebeskummer also ist es, der Thilo Mischke in seinen Berliner Stammclub treibt. Trostsuche mit seinen Freunden - deprimiert, gelangweilt und müde. Und schon auf Seite 13 bekommt der so platt klingende Buchtitel Tiefgang: »Ich habe keine Angst vor fremden Ländern, aber ich habe das Gefühl, ich habe Angst vor Frauen. Und ich reise wegen fremder Frauen. Schwierig.« Da reist also einer, um sich einer Herausforderung zu stellen. Und die besteht nicht, wie man annehmen könnte, im Reisen, sondern in der Annäherung an das andere Geschlecht.

 

Über 270 Seiten spannt sich der Bogen um die Welt, Thilo Mischke reist von Berlin über Polen und die Ukraine, Israel, Dubai, über Indien nach Thailand und Hongkong. Er reist durch Japan und Australien, Fidschi, durch Neuseeland, Brasilien und Island, und er beschreibt die Frauen, die er trifft: Cannelle, Patrycia, Joana, Neema, Rosa. Er verteilt Nummern von einer Abreißrolle, die er in Berlin eingesteckt hat. Da trifft er Laura – und der Erzählmodus ändert sich. Sie »ist warm und ich will diese Wärme, weil ich das Gefühl habe, schon seit Monaten zu frieren. Ich zweifle an mir selbst, muss aber zugeben, dass Laura wohl die bedeutendste Frau ist, die ich auf meiner bisherigen Reise kennengelernt habe. Weil sie die erste ist, die mir ein Gefühl gibt.« Der Autor wird sie wiedertreffen, die Frau mit dem Gefühl, und die Abreißnummern werden irgendwann unwichtig werden.

 

Bis dahin reist der Autor weiter, er lernt das Spiel zwischen Mann und Frau aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennen und beobachtet detailfein die länderspezifischen Spielregeln. Und er beobachtet sich selbst – und bemerkt in Hongkong, dass das Reisepflaster, das er sich auf die Berliner Ex-Freundinnen-Wunde geklebt hat, Wirkung zeigt: »Ich habe die Schnauze voll von Clubs, von der Oberflächlichkeit, die nicht nur in Berlin Hindernis für ernsthafte Verhältnisse ist, sondern auch im Rest der Welt. Für die meisten Frauen ist auch die flüchtigste Begegnung emotional aufgeladen. Und im selben Augenblick stelle ich fest: auch für mich. Keine der Frauen war ein harmloser Fick. Niemand.« 

 

80 Frauen: eine Bereicherung

Der Neon-Autor hat eine unterhaltsame, manchmal naive, zeitweise derbe, zugleich oft erstaunlich zarte Reportage geschrieben, die immer dann besonders fesselt, wenn er nicht über Frauen schreibt. Etwa in Dubai, als ihn der arabische Polizist wegen seines »hebräischen Tattoos« (der Stempel aus Israel) über mehrere Stunden verhört. Oder in Buenos Aires, als ihn ein Urologe wegen eines schmerzhaften Mitbringsels kurzfristig aus dem Verkehr zieht. »Während ich zu Hause, in Berlin, ein Kind, eine Frau, Ruhe und Langeweile wollte, habe ich auf dieser Reise gelernt, nichts mehr zu wollen, sondern nur noch zu suchen. Wo schlafe ich heute Nacht, wie viel ist die Abhebegebühr, was kostet ein Essen. Essenzielle Sorgen auf einer Reise, die immer ruhiger wird. Und etwas Neues ist dazugekommen. Aber es fühlt sich an wie eine Bereicherung.«

 

Auch das Buch ist eine Bereicherung. Das weltweite Balzverhalten studieren zu können, ohne den 80-Frauen-Trip selbst unternehmen zu müssen – das ist beflügelnd. Auch für den Autor. Der scheint so auf den Geschmack gekommen zu sein, dass er vor kurzem das Folgebuch vorgelegt hat. Da geht er noch ein bisschen tiefer – das Buch heißt: Wir, intim. Das Sexbuch.


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