Lee Faber: Was Oma noch wusste. Von Fleckenteufeln, Fliederblüten und anderen Wundermitteln
20.05.2011
Roadmap für Demenzkranke
Ach ja, die gute alte Zeit! Heutzutage wissen wir ja nichts mehr, unsere Kinder werden übergewichtig (wenn wir sie überhaupt noch kriegen), kochen können wir auch nicht mehr und im Alltag kommen wir nur zurecht, wenn wir uns auf die Produkte im Markendschungel verlassen. Wie schön, wenn jemand mit direkter Verbindung zur guten, alten Zeit nun endlich sein Wissen teilt und wir alle ein Stück weit erdiger und klüger werden. Das dachte sich auch VIOLA STOCKER, als sie Was Oma noch wusste von Lee Faber zur Hand nahm.
Nicht, dass so ein Buch nicht dringend notwendig wäre. Es klingt so verführerisch. Lee Faber, fünffache Großmutter (eine Qualifikation an sich) und Autorin, gibt gerne ihre besten Tipps an uns ahnungslose Generation weiter. Das Ansinnen ist gut gemeint, doch schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt ahnen, dass Faber mit ihrem Projekt scheitern muss. Sie klappert alles ab: Haushaltstipps, Hausmittel, Grundlagen des Kochens, Rezepte, Pflanzen, Haustiere, Kindererziehung, Familie, Alltag. Ein beachtliches Programm, vermeintlich umfassend wie ein Brockhaus des Alltags. All das allerdings auf nur 192 Seiten zusammengepresst. Kann so etwas funktionieren?
Vielleicht, wenn man ein Buch nur in Stichpunkten schreibt. Ist das Leben aber wirklich so einfach? Für jeden einzelnen Punkt, zu dem Faber etwas zu sagen hat, gäbe es an sich schon massenweise Fachliteratur. Umso besser, denkt man, wenn man in seiner knappen Lebenszeit das alles nicht lesen muss und sich auf Faber beschränken kann. Vielleicht war das ihr Plan?
Geballte Halbherzigkeiten
Was Oma noch wusste beginnt mit einer ganz netten, halbherzigen Anekdote, weshalb Omas so toll sind - und geht dann in die Vollen: Haushaltstipps. Schon da beginnt es zu holpern. Man hat das Gefühl, jeden einzelnen dieser Sätze bereits gehört oder gelesen zu haben (»... haltet die Küche so sauber wie möglich mit wenig chemischen Reinigungsmitteln ...« etc.) und ständige kleine Anekdoten aus dem Leben von Lee Faber (nach dem Motto: »als ich einmal einen Tomatenfleck auf meinem Schneidebrett hatte«) ziehen das Lesen in die Länge. Tatsächliche Haushaltstipps halten sich in überschaubaren Grenzen, wenn auch die Möglichkeit, Scheuerpulver umweltverträglich selbst herzustellen, nicht zu verachten ist. Ansonsten befasst sich der Küchenteil mit Beschreibungen, wie man welche Töpfe am besten reinigt und dass man sich die Hände immer waschen soll.
Ein Favorit im Plattheitsranking dieses Buches ist die Anleitung zum Badezimmerputzen. An und für sich ist man ja stets dankbar für Insidertipps. Was aber Lee Faber hier abliefert, ist letzten Endes ein Merkzettel für schwer Demenzkranke, den man sich vielleicht an die Badezimmertür heften sollte. Weil’s so schön ist, hier ein kleiner Auszug: 1. Alle Deko-Objekte von Regalen (…) räumen. 2. Boden wischen oder saugen. (…) 4. Spiegel putzen.
Spätestens hier ist man sich nicht mehr sicher, ob man Fabers Buch ratlos aus der Hand legen soll, oder vielleicht doch einfach vor Lachen zusammenbrechen möchte. Es ist nicht so, dass nur Schlechtes geschrieben würde. Wussten Sie, dass Flieder und Basilikum Fliegen verscheuchen? Kaum aber freut man sich über solch kleine Anregungen, kommen neue Plattheitskeulen: »Niemals Lebensmittel einkaufen, wenn man hungrig ist!« (S.66).
Das Schlimmste kommt zum Schluss
Faber steigert sich gewissermaßen: Zum Thema Gartenbau empfiehlt sie, Unkraut zu jäten, sofern man keines im Garten haben möchte und sich beim Gärtner zu informieren, was überhaupt als Unkraut gelten kann. Im Umgang mit Haustieren ist ihr zudem aufgefallen, dass selbige eventuell ungehalten reagieren, wenn sie von Kindern an den Ohren gezogen werden. Auch sollte man Hunden die Finger nicht unbedingt ins Maul stecken.
Schön auch ihre konstruktiven Vorschläge zur Kindererziehung: »Kindern wird leicht langweilig« (S. 129). Aha! Oder als Strafe: »die Stufe für unartige Kinder« (S.131), auf der ein Kind für jedes Lebensjahr fünf Minuten sitzen muss – eine Sechsjährige also immerhin eine halbe Stunde. Sicher kein Kandidat für das Prädikat »pädagogisch wertvoll«!
Lee Fabers Universalwissen macht auch vor der Typberatung nicht halt. Ganz abgesehen davon, dass sich männliche Leser schon etwas seltsam fühlen könnten, wenn Faber empfiehlt, mit zunehmenden Alter auf tiefe Dekolletés und ärmellose Kleider zu verzichten, fragt man sich doch wirklich, woher sie hier ihre Urteilskraft eigentlich nimmt.
Ein bisschen Wehmut
Ach, es wird kaum besser und man ist fast erleichtert, wenn man am Schluss lesen darf, wie sehr sie manchen Leuten zu danken hat. Das angefügte Register ist dieses Mal Gold wert, weil es einem die Komplettlektüre erspart und man die wenigen interessanten Dinge direkt einsehen kann.
Dennoch – es hätte so schön sein können. Es gibt tatsächlich zahlreiche antiquarische Literatur zum Thema und auch jüngere Autorinnen und Autoren haben sich zum Teil weitaus kreativer mit unserem Alltag auseinandergesetzt. Es ist so schade, dass es nun wieder keinen Almanach aus Großmutters Zeit gibt und man an Fabers Werk nicht viel mehr als ihr redliches Bemühen gut finden kann.


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