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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:29

Schmitz: Die spinnen, die Finnen / Schatz: Gebrauchsanweisung für Finnland

24.06.2011

Tango, Elche, Erbsensuppe

Am heutigen Freitagabend feiern die Finnen Juhannus (Johannis / Mittsommer) und in fünf Wochen beginnt dort schon der Herbst. Höchste Zeit also, ein Sommerhäuschen im Land der tausend Seen zu buchen und Reiselektüre einzupacken. Ob Die spinnen, die Finnen von Dieter Hermann Schmitz oder Gebrauchsanweisung für Finnland von Roman Schatz gute Begleiter sind, wollte JOHANNES BROERMANN wissen.

 

An der nordeuropäischen Peripherie gelegen, scheint Finnland fern und ist doch sehr nah. Schon seit Jahrhunderten betreiben finnische und deutsche Kaufleute intensiv Handel und fast hätte Finnland sogar einen Hessen zum König gekrönt. Nun sind zwei Bücher angetreten, uns die kulturellen Unterschiede zu vermitteln – und keines spart an gut gemeinten Ratschlägen.

 

Genaue Alltagsbeobachtungen

Dieter Hermann Schmitz verfasste mit Die Spinnen, die Finnen eine regelrechte Liebeserklärung an sein neues Heimatland. Er lässt einen ganzen Jahresreigen in und um die Stadt Tampere Revue passieren, währenddessen er beschließt, die finnische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Zusätzlich zu den amtlichen Vorgaben legt sich der gebürtige Rheinländer eigene Prüfungen seines Finnischseins als Hürde in den Weg und erklärt daran die kulturellen Besonderheiten eines ganzen Landes. So erzählt er heiter und lustig vom Tango-Tanzkurs, einer High-Tech-Elchjagd, einer Ostsee-Karaoke-Kreuzfahrt, der donnerstags obligatorischen Erbsensuppe und einem einsamen Freitagabend-Besäufnis. Auch viele Feiertage und ihre typisch finnischen Rituale werden erwähnt.

 

Trotz einem häufig mehr fiktionalen denn dokumentarischen Ton gelingen Schmitz dabei genaue Alltagsbeobachtungen. Nah an seiner Familie und entlang der eigenen Lebenswirklichkeit treten sowohl schweigsame Finnen wie auch verwunderte Ausländer auf. Als erklärendes Korrektiv fungiert hin und wieder seine finnische Frau. Die Spinnen, die Finnen liest sich unterhaltsam und lädt häufig zum Schmunzeln ein.

 

Flache Witzchen

Sehr viel ernsthafter kommt Roman Schatz mit seiner Gebrauchsanweisung für Finnland daher. Reisebücher so zu nennen, ist sicher originell. Was Schatz liefert, ist aber eher eine Reisewarnung: in Finnland werde viel gesoffen und im Suff viel gemordet – und wer durchs Land reise, sei durch lebensbedrohliche Unfälle mit bis zu 800 kg schweren Elchen gefährdet. Wer hinter solchen Warnungen Ironie des Autors vermutet, liegt leider völlig falsch (wie sich Autofahrer beim plötzlichen Auftauchen eines Elches richtig verhalten, beschreibt jedoch nur Schmitz: beim Bremsen möglichst auf die Hinterläufe zielen).

 

Die eingestreuten Witzchen und Zitate kommen eher flach daher, die Gebrauchsanweisung soll witzig sein, ist es aber nicht. Eigene Anekdoten, die typisches Leben in Finnland illustrieren würden, fehlen fast gänzlich. Immerhin erwähnt Schatz nicht nur einmal, schon seit 1986 im Land zu leben und Arte hält ihn für den berühmtesten Deutschen in Finnland.

 

Finnische Schätze liegen woanders

Allerdings verfügt die Gebrauchsanweisung auch über interessant geschriebene Kapitel. Jene zur (deutsch-finnischen) Geschichte oder zur neueren Kulturgeschichte sind knappe, aber gut lesbare Zusammenfassungen. Angaben zu entsprechenden Reisezielen wiederum gibt es nicht. Nur ganz wenige Touristenziele werden kurz erwähnt. Auf der noch vor dem Vorwort abgedruckten Karte findet sich ein besonders markierter Ort: Gut Marlebäck. Dorthin war Bert Brecht einige Monate vor den Nazis geflohen – ob sich heute ein Besuch lohnt, lässt Schatz offen.

 

Einen echten Reiseführer zu den Schätzen der finnischen Natur und Kultur können beide nicht ersetzen, aber wer nach einer schnell lesbaren Einführung in die gesellschaftlichen Gepflogenheiten sucht, muss sich nur zwischen U- und E-Tonlagen entscheiden. Und bevor jemand zum Doppelpack greift: das finnische Lebensgefühl der jungen finnischen Republik in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vermittelt Kjell Westö wunderbar in Wo wir einst gingen, einen Einblick in die finnische Seele der Gegenwart bietet Johanna Sinisalo mit Troll. Als echte Sommerlektüre sei aber Fegefeuer von Sofia Oksanen empfohlen (spielt zwar in Estland, ist aber die mit Preisen überhäufte neueste Entdeckung der finnischen Literatur und wird sogar in der Gebrauchsanweisung für Finnland erwähnt).

 

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