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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:31

Andrea Grill: Auf nach Salzburg

16.09.2011

Zwischen Mozartkugeln und Bosnastandl

Wenn Andrea Grill Auf nach Salzburg ruft, kann man sich ihren begeisternden Lockungen kaum entziehen – vor allem nicht, wenn Verborgenes, Skurriles, Literarisches im Untertitel aufwartet. Von INGEBORG JAISER

 

Wie soll man eine Stadt eigentlich ansprechen? Er, sie, es? Das Deutsche behandelt Städte wie Frauen: vornehme Damen, bürgerliche Mädchen, reizende Bauerntöchter. Salzburg wird uns verschwörerisch und augenzwinkernd einfach als »S.« präsentiert. Eine alte Bekannte in neuem Licht?

 

Beschwingt und voll sprühender Ideen stellt uns die österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin Andrea Grill ihre Lieblingsstadt vor. Grill stammt aus dem 50 km östlich gelegenen Bad Ischl – gerade weit genug entfernt, um Salzburg von Grund auf verlockend und reizvoll zu empfinden, um als Schülerin eine Fahrt zum weltstädtischen Theater als Initialerlebnis zu verbuchen oder als Studentin die eher zwielichtigen Wohnviertel zu erobern. Und sie schafft es, das (immer wiederkehrende) Ankommen in Salzburg unverkennbar klar zu beschreiben. Sei es das Eintreffen in einer »unheimlich stillen« Nacht oder die Ankunft am frühen Morgen mit Einkehr im Café Würfel Zucker und anschließender Bergtour. Überhaupt: die Berge, die Luft! »Hier riecht es anders, nach Höhe, nach Gebirge, nach Schneehasenfell.«

 

Stille Nacht im Elektricitätshotel

Sehr persönlich, sehr lebendig ist Grills Tour durch Geschichte und Kultur, Kulinarik und Natur – kleine Schlenker ins Reich der Skurrilitäten mit eingeschlossen. Was steckt nicht alles an Schätzen, Einblicken und Überraschungen in diesen kaum 150 Seiten. Wissen Sie, dass die Trasse der aufgelassenen Salzkammergutbahn zu einer herrlichen Inlineskatestrecke umfunktioniert wurde? Dass die Auerspergstraße die Quintessenz einer kompletten Stadt – wenn nicht gar aller Städte – in sich trägt (ein Sheraton, ein Kurhaus, ein Hallenbad, den Seiteneingang eines Kongresshauses, die Wirtschaftskammer und das Gasthaus Pitterkeller)? Dass nur ein paar Hundert Meter vom Festspielhaus entfernt eine vom Alpenverein bewirtschaftete Stadtalm steht?

 

Weiter geht's zu musikalischen Exkursionen (zum Texter des Weihnachtsliedes Stille Nacht oder den Erfindern der Festspiele), architektonischen Highlights (zum Elektricitätshotel oder dem größten Universitätsgebäude Österreichs), künstlerischen Ausblicken, literarischen Anregungen und sportlichen Ausflügen (ein ganzes Kapitel ist »S. für Radfahrer« gewidmet). 

 

Kasnockn und Öpföradl

Sympathisch viel Platz wird dem Thema Essen und Trinken eingeräumt. Natürlich verspeist kein Ortsansässiger freiwillig Salzburger Nockerln. Und von den Mozartkugeln schnabulieren die Salzburger nur die mit silberner Alufolie – jene mit goldener Umhüllung erscheinen ihnen zu minderwertig. Offenbar steht den Einheimischen sowieso der Sinn nach Pikantem: nach rezent überbackenen Kasnockn oder scharf gewürzten Bratwürsten, die in Bosnastandl mit so lustigen Namen wie Balkan Walter gereicht werden. Und Biertrinken ist ein absolutes Muss. Passenderweise liegt das stadtbekannte Müllner Bräu gleich vis à vis des Landeskrankenhauses. Wer sich der Stadt kulinarisch nähern will, erhält 20 Rezepte zum Nachkochen obendrauf – aus dem Rezeptbuch der Grill’schen Familie oder gar der »Uroma einer Freundin«.

 

55 Tipps aus 5 Kategorien

Mit der neu lancierten Reihe 55 Reiseverführungen ist dem in Wien und Bozen ansässigen Folio Verlag ein ganz besonderer Coup gelungen. Die spritzige Melange aus Reiseführer und Lesebuch kann gleichermaßen als anregende Lektüre für den realen Reisenden wie für den Armchair-Traveller gelten. Genial ist die Idee, 55 Tipps aus 5 Kategorien mit einem passenden Icon im Text zu verankern. Im Vor- und Nachsatz sind alle Punkte geographisch verortet – so hübsch, dass sich Salzburg als Amöbe darstellt, mit sich kreuzenden Straßen und Bahnlinien wie auf einem Schnittmusterbogen. Register und Rezeptverzeichnis, Glossar und eine kleine Bibliographie runden diesen Band harmonisch ab. Verführerischer kann sich Vorfreude oder Nachbereitung nicht offenbaren!

 

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