Der Ungar Antal Szerb (1901 geboren, 1945 von KZ-Wächtern totgeschlagen) war ein gelehrter Mann. Eine Literaturgeschichte seines Landes, später eine der ganzen Welt hat er verfasst, in Bibliotheken fühlte er sich zu Hause, gedichtet hat er obendrein. Seinen Roman
Die Pendragon-Legende könnte man – befänden wir uns in einem anderen, schreienderen Medium – mit der Schlagzeile „Literaturprofessor lässt die Genresau raus!“ ankündigen, denn genau das tut er. Mehr nicht?
János Bátky, den ungarischen Helden des Romans, hat es nach London verschlagen, wo er als Sekretär sein Auskommen hat und sich mit der Mystik des 17. Jahrhunderts beschäftigt. Auf einer Party lernt er den Earl of Gwynned, Owen Pendragon, kennen, ein unerhörter Glücksfall, ist doch die Familie derer von Pendragon seit Jahrhunderten aktiv in diese Mystik involviert. Der Earl lädt Bátky zu weiteren Studien auf sein walisisches Schloss ein, des Hausherrn Neffe und Nichte sind ebenfalls mit dabei, ein seltsamer junger Ire schließt sich ihnen an. Noch bevor man das Anwesen erreicht hat, geschehen merkwürdige Dinge, doch das ist gar nichts gegen die Ungeheuerlichkeiten, die Bátky im ländlichen Wales erwarten. Dort nämlich greift ein Genreklischee krachend ins andere.
Die Pendragon-Legende ist ein Mix aus Fantasy, Schauergeschichte und Krimi. Eine Erbschaft ruft gefährliche Ganoven auf den Plan, der Geheimbund der Rosenkreuzer wird wieder lebendig, Falltüren öffnen sich über gähnenden Abgründen, versteckte Gänge geleiten zu schröcklichen Mirakeln, fackeltragende Reiter galoppieren durch die Nacht, alte Männer sehen eine düstere Zukunft voraus, noch ältere wandeln als gnadenlose Vertreter der Nemesis durch ein Reich zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der Earl selbst (Familienmotto: „Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches“) züchtet bizarre Tiere, die er nach ihrem Tod wiederzubeleben gedenkt.
Es geht also ziemlich ab in diesem Text, der zudem nicht mit Ironie spart, dessen Population aus Neurotikern, wenn nicht gar Psychopathen besteht, von denen Held Bátky der allerschlimmste zu sein scheint. Des Earls bezaubernde Nichte liebt er nicht etwa ihretwegen, sondern weil sie ein altes Geschlecht verkörpert, wie denn überhaupt alles seinen festen Platz im Leben zu haben hat. Der Neffe Pendragons changiert zwischen Blasiertsein und latenter Homosexualität, Pendragon selbst, auf den etliche Mordanschläge verübt werden, ist natürlich ein Nervenbündel, das sich bemüht, Haltung zu bewahren. Nun ja.
Als
Die Pendragon-Legende 2004 erstmals auf Deutsch erschien, war die Rezeption gemischt. Hier spielte einer mit den Genres, ganz nett und unterhaltsam, aber sonst? Weitgehend ignoriert wurde die schlichte Tatsache, dass der Roman aus dem Jahr 1934 stammt. Hitler war Reichskanzler, das NS-Regime etabliert, Europa drumherum in bangender Erwartung. Nur einmal bricht diese Wirklichkeit in die Genreturbulenzen des Romans ein. Zur obskuren Gesellschaft auf Schloss Pendragon gehört auch Lene Kretzsch, eine deutsche Studentin mit robustem Helfersyndrom und sportlich motiviertem Männerverbrauch, eine „moderne Frau“ mithin. „'Das Ganze hat großartig funktioniert', sagte Lene. 'In dem Moment, als wir den Hof betraten, stürzten sich mindestens zehn Leute auf uns, und bevor ich auch nur 'Heil Hitler' hätte sagen können, waren wir bereits in diesem Keller. Und seither sitzen wir hier.'“
Nun ist Lene nicht als Nazisse angelegt und diese einzelne Textstelle auf den ersten Blick nichts weiter als ein ironischer Seitenhieb auf die politischen Verhältnisse. Macht man sich allerdings die Mühe,
Die Pendragon-Legende als genrehaft camouflierte Beschreibung des NS-Regimes zu lesen, wird man überrascht. Denn alles passt. Eine von Zwangscharakteren mit den Mitteln des groben Kitsches beschworene Mystik, geraunte Legenden von Auserwählten, das Ganze wissenschaftlich verbrämt und zugleich finster romantisiert – diese Skizzierung trifft auf die Ereignisse des Romans ebenso zu wie auf die wahnwitzige Ideologie des Nationalsozialismus. Wenn auf Schloss Pendragon der Bund der Rosenkreuzer buchstäblich von den Toten erwacht, erheben sich auch die Gespenster deutschtümelnder Mystik und arischer Wahntheorien aus den Gräbern. Aber Szerb gelingt noch mehr, einen Ausblick auf die düstere Zukunft nämlich. Im Krimistrang seines Romans geht es schlichtweg um Geld und ökonomische Macht, die Bösewichte setzen die teuflische Mythenmaschine erst in Gang und werden am Ende gnadenlos von ihr verschlungen, instrumentalisiert. Knapper lässt sich das Schicksal des deutschen Großkapitals als Steigbügelhalter der Nazis und seine spätere heillose Verstrickung kaum beschreiben.
Szerb „spielt“ also nicht harmlos und kindlich mit den extragroben Versatzstücken der Genres. Er nutzt sie, um auf ihre verblüffende Verwandtschaft mit einer Ideologie – vielleicht sogar mit Ideologie schlechthin – hinzuweisen, und das gelingt ihm bis in kleinste Details. Dechiffrierarbeit, die sich lohnt.
Dieter Paul Rudolph
Antal Szerb: Die Pendragon-Legende (A Pendragon Legenda. 1934). Roman. Aus dem Ungarischen von Susanna Großmann-Vendrey. Mit einem Nachwort von György Poszler. München: dtv 2008. 312 Seiten. 9,90 Euro.
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