Ein Traum geht in Erfüllung: Der überaus intelligente, etwas hinterwäldlerische Valdemar verlässt 1955 Island, um in Kopenhagen dem Studium der Nordistik nachzugehen. Dort, so glaubt er, kann er sich ganz den alten faszinierenden Schriften widmen und ein aufregend ruhiges Leben im Dienste der Wissenschaft zwischen Bibliotheksmauern und alten Pergamenten führen. Stattdessen trifft er in Kopenhagen auf einen Professor, der aus unterschiedlichen mysteriösen Gründen die wissenschaftliche Arbeit hintan stellt und den Studenten Valdemar bald in tiefste Verschwörung und wilde Abenteuer – quer durch Europa – verstrickt. Der Professor ist nicht nur auf der Jagd nach den fehlenden acht Blättern der bedeutendsten isländischen Handschrift, dem „Codex Regius“, nein, er zieht Valdemar nach einigen Prüfungen auch ins Vertrauen und gesteht ein, dass auf dem „Codex Regius“ ein schreckliches Geheimnis lastet. Als wäre ein Unglück nicht genug, sind seit Jahrzehnten auch Nazis, Wagneriten genannt, hinter dem isländischen Heiligtum her und gehen im Wettlauf mit den zwei akademischen Sonderlingen fraglos über Leichen.
Fuck the Facts ...Schon klar, noch gar nicht lange ist es her, da lagen Verschwörungen, alte Schriften, Geheimbünde etc. im Zeitgeist. Spätestens Dan Brown setzte den Trend, und nicht wenige zogen nach beim Roulette um
fiction, faction und
thrill. Und nun – das Original erschien 2006 – legt auch der Isländer Arnaldur Indridason, der vor allem mit seinen Krimis um Kommissar Erlendur Island erfolgreich auf der Krimi-Landkarte eingeschrieben hat, laut Verlag einen „packenden Faction-Thriller“ vor.
Zwar war mitunter ein Schlenkern und Stolpern im Niveau der bislang auf Deutsch vorliegenden Titel Indridasons festzustellen, doch wusste der mit zahlreichen Krimipreisen ausgezeichnete Autor zumeist durch ein feines Gespür für Spannung und Atmosphäre sowie leisem weisen (tragischen) Humor zu überzeugen: Wenn z.B. ein Archäologenteam ewiglich versucht, ein Skelett gewissenhaft wissenschaftlich der Erde abzuluchsen (
Todeshauch, 2004), oder Erlendur im Todesfall eines Hotel-Weihnachtsmannes ganz unkonventionell ermittelt und sich dabei fast verlieben könnte (
Engelsstimme, 2004).
Mit
Codex Regius nun widmet sich Indridason einem isländischen nationalen Heiligtum, einer Pergamentschrift aus dem 13. Jahrhundert. Der „Codex Regius“ besteht aus Texten der sogenannten Lieder-Edda, die als älteste erhaltene Quelle für nordische Mythologie und Dichtung gilt. Lange Zeit (seit 1662) wurde der „Codex Regius“, der von der nordischen Götterwelt, Königen und Helden berichtet, in Kopenhagen aufbewahrt. Erst als der Handschriftenstreit zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark und dem mittlerweile unabhängigen Island beigelegt werden konnte, wurde der „Codex Regius“ 1971 zurück nach Island überführt.
Edda, Wagner & Typen mit Hörnern auf den Helmen ...Ein spannendes und weites Feld also, das Indridason mit viel historischem Hintergrund informativ beackert. Die Geschichte Islands, Islands bedeutende Autoren und Schriften, die Bedeutung der Edda-Lieder als Kulturerbe, das u.a. Wagner zu seinem „Ring des Nibelungen“ inspirierte, sowie die erschreckend missbräuchliche Aneignung der Mythologie durch die Nationalsozialisten und deren falsch verstandenes Germanentum versprechen lehrreich brisante Unterhaltung. Der um diese Historie gebastelte Plot jedoch kapituliert vor der Größe und Bedeutung des „Codex Regius“ für Island. Die (Schnitzel-)Jagd durch halb Europa schwächelt flau dahin und funktioniert nur, weil der Professor bereits seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, auch die kleinsten Puzzlestücke zusammengetragen hat. Warum diese so langwierige, beschwerliche Suche über Jahrzehnte fruchtlos blieb, nun aber, seit sich der leicht verquengelte Student Valdemar zum Professor gesellt hat, recht erfolgreich gestaltet, bleibt trotz aller erzählerischen Anstrengungen zumindest verwunderlich. Einige wenig ausgeklügelte Drehs der sonst linearen Handlungsfolge wollen ebenfalls nicht wirklich überzeugen.
Valdemar, der Bücherwurm, der seine Abenteuer in der Rückschau umständlich und langatmig erzählt, vermag mit all dem Unglaublichen, dem Unerhörten nicht sonderlich mitzureißen. Zwar sind die Handlung wie auch die Figuren tiefgründig angelegt, doch stapft erstere ebenso gradlinig wie letztere steifbeinig mit Klischees beladenen Charakteren huckepack durch die ihnen erdachten Schicksale. Statt den Zauber der dramatischen Ereignisse von damals einzufangen, missglückt die weitschweifige Bemühung die Glut der Leidenschaft und Funken bibliophiler Manie herbeizuerzählen. Da werden die „Helden“, der „Codex Regius“ voran, isländische Autoren, Unabhängigkeitskämpfer, vor allem aber – wenn auch mit minimalem, doch verzeihbaren Makel – der Professor so glorifiziert, so hoch in den Himmel gestemmt, dass dort die Luft recht dünne wird. Bei all den sich stapelnden Superlativen schleicht sich ein Zweifeln ein. Und am Ende bleibt die Frage, ob Indridason nicht ein ganz großes Thema aus Ehrfurcht und mit den besten Absichten ungelenk und trotz der endlosen Wiederholungen kurz und klein geschrieben hat.
Anna Veronica Wutschel
Arnaldur Indridason: Codex Regius (Konungsbók, 2006). Roman. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling. Bergisch Gladbach: Edition Lübbe 2008. 445 Seiten. 18,00 Euro.
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