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Zoran Drvenkar: Sorry

14.02.2009


Wie man einen Thriller schreibt

Schulmäßig, was Zoran Drvenkar mit diesem Thriller hier vorlegt. Wer aber etwas für und über das Leben aus Sorry lernen möchte, findet leider nichts auf dem Lehrplan. Von Dieter Paul Rudolph

 

Behaupte niemand, deutsche Autoren könnten keine Thriller schreiben! Man wird, sollte dies zukünftig behauptet werden, auf Zoran Drvenkars Sorry verweisen müssen, einen Thriller comme il faut, mit einer originellen Grundidee, gescheiten und nur anfangs etwas verwirrenden Perspektivwechseln und Kapitelüberschriften, einer mit der Chronologie souverän spielenden Dramaturgie und – versteht sich – Spannung bis zum bitteren Ende. Can’t buy a thrill? Doch doch, kann man. Die Frage ist nur: Welchen Preis zahlt man dafür?

Vier Freunde, zwei Frauen und zwei Männer im Niemandsland zwischen nicht mehr ganz jugendlich und noch nicht alt, haben eine Geschäftsidee. Sie gründen eine Agentur, die sich im Namen ihrer Klienten entschuldigt. Haben Sie ungerechterweise ihren Arbeitnehmer entlassen? Bestellen Sie ein „Sorry“, zahlen Sie ein bisschen Entschädigungsgeld – und ihr Gewissen ist wieder rein.

Leider verfällt auch ein Mörder auf die Agentur. Er möchte sich bei seinem Opfer entschuldigen, einer Frau, die er gerade zünftig an die Wand gekreuzigt hat, inklusive Nagel im Kopf. Nicht ahnend, was Ihnen bevorsteht, machen sich die Vier auf den Weg, ihren Job auszuführen. Davon, die Leiche zu entsorgen, war zudem nie die Rede, doch der Mörder weiß seine Geschäftspartner unter Druck zu setzen. Und Stammkunde wird er schließlich auch noch ...

Das ist, noch einmal, glänzend inszeniert. Es geht um Kindesmissbrauch und späte Rache, auch die damaligen Täter wissen sich ihrer Haut mordend zu wehren, die naiven Vier von der Entschuldigungsstelle geraten zwischen die Fronten und werden bald dezimiert. Wer Krimis Spannungsliteratur nennt und genau das und nichts anderes erwartet, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen, sondern schnurstracks Sorry kaufen.

Allen, die jetzt weiterlesen, dürfte es bei der Lektüre so ergangen sein wie dem Rezensenten. Früh schon kommt der Punkt, an dem er sich fragt, welchen Gewinn er außer der Spannung noch aus dem Roman ziehen könnte. Nein, er verlangt gar keine Logik. Dass sich die Leutchen von der Agentur auf das Spielchen einlassen, warum überhaupt der Mörder sich entschuldigen möchte – es lässt sich mit dieser Logik nicht fassen. Interessiert das Personal? Kaum. Konturlos, mit den üblichen Problemchen beladen. Das mag als Spiegelbild unserer mit Belanglosigkeiten schwer beschäftigten Gesellschaft korrekt beobachtet sein, geht einem aber schnell auf die Nerven. Nämliches gilt für die Bösewichte. Also das Verbrechen als solches? Kindesmissbrauch ist eine Scheußlichkeit sondergleichen, nur werden die von ihr zu verantwortenden Traumata und Deformierungen selten derart spektakulär aufgelöst. Es steht zu befürchten, dass sie ihrer Zerstörerarbeit in der Psyche der Opfer weitaus unauffälliger, aber nicht weniger effizient nachgehen.

Also was bleibt? Nichts. Und das hat seinen Grund. Sowohl Personal als auch Verbrechen, von der Logik ganz zu schweigen, sind dem erklärten Unterhaltungsziel des Romans untergeordnet: Spannung, bis auch der zäheste Leser atemlos sein „Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen“ murmelt. Den Rezensenten hat das irgendwann ziemlich gelangweilt. Einerseits macht es Freude, einem fähigen Autor, der sein Handwerk beherrscht, bei der Arbeit zuzuschauen. Da sich aber diese Freude nach 200 Seiten spätestens erschöpft hat, wird der Rest zur schlichten Pflichtlektüre. Fazit also: Ja, ist spannend. Dafür anfällige Naturen werden ihre Fingernägel beknabbern. An irgendwelchen Mehrwerten interessierte LeserInnen jedoch dürften enttäuscht sein. Ihren Thrill entnehmen sie sich bitte den alltäglichen Krimis. Die gibt es schließlich auch.

Dieter Paul Rudolph



Zoran Drvenkar: Sorry. Thriller. Berlin: Ullstein 2009. 400 Seiten. 19,90 Euro.

Zum Interview mit Zoran Drvenkar



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