Sandra Brown: Warnschuss
07.03.2009
Glut zwischen den Lenden
Husch, husch ins Märchenwunderland der Schönen und der Reichen. Dort, wo Lüge, Betrug, Geld und hitzige Ekstase das Regiment führen. Doch selbst hier wollen Schandtaten gesühnt und Todesfälle aufgeklärt werden. Laster, archaische Triebe und ein vermeintlich männermordender Vamp können dem Ermittler hierbei ordentlich in die Quere schießen. Ein Verhängnis ist nicht genug, um in der Schwüle Savannahs das Geheimnis zu enthüllen, das die begehrenswerte Elise zu verbergen sucht. Anna Veronica Wutschel kennt da nichts und liest sogar Sandra Brown
Detective Duncan Hatcher kann es nicht fassen, ein praktisch wasserdichter Fall gegen den Drogenboss Savich wird von Richter Laird wegen eines Verfahrensfehlers eingestellt. Hatcher rastet noch im Gerichtssaal aus und wird selbst zu 48-stündigem Arrest verurteilt. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wartet auf ihn und seine Partnerin Detective DeeDee Bowen ein neuer Fall: Die Frau des Richters, Elise, hat einen Einbrecher in Notwehr erschossen. Weil an dem beschriebenen Tathergang und einigen Aussagen des Ehepaars gezweifelt werden darf, ermittelt Hatcher in alle Richtungen. Und erfährt dabei einiges über die wenig rühmliche Vergangenheit der schönen Elise, die ihm längst den Kopf verdreht hat. Dann fleht Elise ihn um Hilfe an, behauptet, ihr Mann wolle sie töten, und verschwindet spurlos. Ein schmieriger Privatdetektiv verschwindet ebenfalls und taucht als Leiche wieder auf. Welche Rolle spielt Savich, der Drogenbaron, der Hatcher Rache schwor? Wer ist der schlimmste Bösewicht? Und wieso hat Hatcher längst alle Prinzipien über Bord geworfen, verstößt gegen jede Dienstvorschrift und treibt, was er will?
Triebhafte Körper
Die überaus erfolgreiche Autorin Sandra Brown versorgt LeserInnen seit nunmehr fast 30 Jahren mit einem Bestseller nach dem anderen. Wer Warnschuss liest, gerät indes ins Grübeln, denn sollte der aktuelle Titel kein „Querschläger“, so der Originaltitel, sein, ist zumindest die Geschichte, die hier erzählt werden will, so fadenscheinig simpel wie die dazu gewählten erzählerischen Mittel. Der triebhafte Körper ist allem im Weg – nur nicht dem logos, der sich schon längst verabschiedet hat. Die Damen entkleiden sich verschärft, den Herren schwelt die Glut zwischen den Lenden. Da trifft es sich gut, dass Letztere, wenn sie denn im Polizeidienst beschäftigt sind, mit einer Partnerin zusammenarbeiten, die noch weiß, wo der Kopf sitzt. Auch wenn diese dann als hyperaktives Pummelchen mit Pudel-Dauerwellen-Look gestraft ist und sich bestenfalls flapsigen Respekt erarbeiten kann. Zwangsweise in die Kategorie „nervig aber fähig“ geschoben, verliert DeeDee zwischen all den sexy-scharfen Knaben und der einen vom männlichen Geschlecht umflatterten Nymphe bemerkenswert selten die Nerven.
Maßlos soll es sein. Die Liebe, die Lust – und die Spannung auch – wenn möglich. Warnschuss spielt gern dirty, dirty melodramatisch unterhalb der Gürtellinie und ist doch so beschaulich verzopft, als käme die Story aus einem alten Jahrhundert. In einem routiniert flachen und abgenutzten Wortgeklingel erzählt Brown ebenso bieder wie schwül-verschwitzt eine simpel gehaltene, wenn auch äußerst biegungsreiche, auf 500 Seiten aufgeputzte Handlung, die nicht über ein eminentes Desinteresse gegenüber Realitäten, Motiven oder dem Kriminalistischen an sich hinwegtäuschen kann. Klischees und Voreingenommenheiten werden billigst kodiert und verklären energisch ein ewig gestriges (Geschlechter-)Weltbild. Das Geheimnis ist groß. Doch oft ist die Enttäuschung größer: Weil Warnschuss ohne rechte Lust und Freud im Krimi-Kitsch und Soft-Sex-Pool nur seicht umherplanscht.
Anna Veronica Wutschel
Sandra Brown: Warnschuss (Ricochet, 2006). Roman. Deutsch von Christoph Göhler. München: Blanvalet 2009. 510 Seiten. 19,95 Euro.
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