Catherine OFlynn: Was mit Kate geschah
07.03.2009
Echt und lebensnah
Catherine O’Flynn verbindet Krimiplot und unkonventionelle Gesellschaftskritik in origineller und absolut überzeugender Manier. Aus der Rubrik: Bücher außerhalb von Schubladen. Vorgestellt von Anselm Brakhage.
Bei Literaturpuristen ist ein Lektüreabbruch verpönt. Als Gründe für dieses Abbruchsverbot oder besser Beendigungsgebot (das freilich erst ab einem gewissen Qualitätslevel Sinn macht) werden mehrere angeführt: dass sich Bücher – auch langsam – entwickeln (können) (dürfen), dass sie – auch stilistisch – unerwartete Wendungen nehmen können, dass Anfänge manchmal erst durch das Ende sinnhaft werden, dass ein Urteil nur auf dem Fundament eines Gesamteindrucks zu fällen ist, oder einfach: dass es der Respekt vor dem Autor gebietet. Dem wird von pragmatischer Seite gerne entgegengehalten, dass das irdische Dasein nun eben zeitlich befristet und daher eine Verschwendung mit Lästigem, Unnützem zu vermeiden sei. Wie auch immer – im vorliegenden Fall von Catherine O’Flynn’s Werk Was mit Kate geschah wäre der dem pragmatischen Lager zuzuschlagende Rezensent seiner Grundhaltung fast zum Opfer gefallen: Hätte da nicht auf dem Buchrücken der Gewinn des First Novel Prize 2008 (Costa Book Award, ehemals Whitbread Book Award) und darüber eine Hymne Douglas Couplands auf das Buch geprangt, hätte er wohl kaum die Geduld bis über die Seite 76 hinaus aufgebracht, und ihm wäre der volle Lektüregenuss eines wundervoll außergewöhnlichen und außergewöhnlich wundervollen Buches versagt geblieben; auch das im übrigen eine lehrreiche Erkenntnis am Wegesrand: Hin und wieder erfüllen die marktschreierischen und inflationär eingesetzten Zitate und Auszeichnungen doch ihren Zweck ...
Aber nun zum Buch, hinein ins England der 80er Jahre. Die zehnjährige Kate hat ihre Eltern verloren, wächst bei ihrer Großmutter auf und flüchtet aus der wenig behaglichen Wirklichkeit in ihre eigene Detektiv-Welt: Sie brennt nur so darauf, einen großen Fall untersuchen und lösen zu können. Verdachtsmomente für ein bevorstehendes Verbrechen findet sie reichlich im „Green Oaks“, dem riesigen Einkaufszentrum in der Nachbarschaft, in dem sie ihre gewissenhaften Ermittlungen anstellt. Die Großmutter ist dauerhaft mit der Situation überfordert, möchte Kate auf ein Internat schicken, alles ist in die Wege geleitet, Kate macht sich auf den Weg, aber Kate kommt nie dort an. Sie ist wie vom Erdboden verschwunden ... Bis dahin – zumal die Geschichte auch aus Kates kindlicher Perspektive erzählt wird – klingt das alles eher nach einem Die Drei Fragezeichen-Plot, und ruft in des irritierten Lesers Kopf eher selbige hervor.
Green Oakes …
Dann aber ein Schnitt, wir springen ins neue Jahrtausend, eine andere Zeit, eine neue Erzählperspektive, ein gänzlich neuer Erzählstil, aber der zentrale Ort des Geschehens bleibt: „Green Oaks“. Ein Wachmann macht seltsame Beobachtungen, die in Zusammenhang mit dem damaligen Verschwinden von Kate stehen.
Diese Verbindungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit werden nun sehr kunstvoll und einfallsreich von Catherine O’Flynn geknüpft. Eine Reihe sehr einfühlsam charakterisierter Figuren betritt die Szenerie, alle mehr oder weniger von Schicksalsschlägen oder zumindest beschwerlichen Lebensumständen gebeutelt, die meisten das verkörpernd, was man mit dem Begriff der kleinen einfachen Leute verbindet, wenngleich sie meist alles andere als einfach sind.
Green Oaks, der brodelnde, bis in die letzten Winkel von den Gesetzen des modernen Marktes geprägte Einkaufstempel, bildet nicht nur das räumliche Zentrum des Geschehens, sondern steht auch sinnbildlich für ein Thema, welches das ganz Buch durchzieht: eine so facettenreiche wie fundamentale Kritik unserer entfesselten entseelten Konsumgesellschaft. Mit der pointierten Beschreibung von Alltagssituationen wie etwa völlig grotesken Kundenwünschen und hält uns O’Flynn den Spiegel unseres entfremdeten, von elementaren Bedürfnissen weit entfernten (Verbraucher-) Verhaltens vor. O’Flynn lässt den Leser ganz tief ins Innenleben von Green Oaks blicken, – und das ist hier durchaus auch räumlich wörtlich zu nehmen, werden uns mitunter nämlich auch Einblicke in das Labyrinth der endlosen, dem Normalkonsumenten ansonsten verborgenen Versorgungsgänge gewährt. So schwingt neben der oberflächlichen Realwelt immer noch eine unwirkliche, fast surreal anmutende parallele Nebenwelt mit, die das Grundgefühl der Entfremdung sehr passend flankiert.
… das freie Spiel der Kräfte
Die Auflösung der frühen Geschehnisse und der Zusammenhang mit der Gegenwart bleiben bis zum Schluss völlig offen und münden in einem Finale voller Überraschungen. Catherine O’Flynn vermag durchgängig eine knisternde Spannung aufrechtzuerhalten, allerdings eher latent als dem Schema eines klassischen Spannungsbogens folgend. Die feinsinnige Zeichnung der Charaktere scheint ihr fast wichtiger zu sein als sich an dem Faden entlangzuhangeln, aber eben nur scheinbar; denn der Plot führt zwar – wie die Versorgungsgänge im Green Oaks – über zahlreiche Nebenarme, büßt dabei aber nicht im Geringsten an Stringenz ein.
Catherine O’Flynn schafft es mit dieser unkonventionellen Geschichte, unseren Blick für eine Zeitgeist gewordene Wirklichkeit zu schärfen, die wir, weil sie uns so vertraut geworden ist, in ihrer Deformation kaum noch als solche wahrnehmen. Ihre Protagonisten sind dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt, sind zu deren Spielball degradiert. Man könnte fast sagen: O’Flynn setzt denen, die gemeinhin eher in Form statistischer Arbeitsmarktdaten denn als Romanpersonal in Erscheinung treten, mit dieser Geschichte auch ein kleines Denkmal. Allein dafür gebührt ihr aller Respekt. Weil sie dabei auch noch beste Unterhaltung bietet und sich einer sehr nuancierten präzisen Sprache bemächtigt, ragt sie sehr weit aus der Masse heraus und ist der hohen Auszeichnung allemal würdig.
Anselm Brakhage
Catherine O’Flynn: Was mit Kate geschah (What was lost, 2007). Deutsch von Cornelia Holfelder von der Tann. Zürich: Atrium Verlag 2009. 272 Seiten. 19,90 Euro.
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