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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:37

 

Tom Rob Smith: Kolyma

14.03.2009

Nicht Freund noch Feind

Immens hoch muss der Erwartungsdruck gewesen sein, der auf dem gerade 30-jährigen Tom Rob Smith ob seines zweiten Romans lastete, nachdem er im vergangenen Jahr mit Kind 44 einen erstaunlich ausgereiften Überraschungserfolg landete. So ganz hat er ihm leider auch nicht standgehalten. Kolyma steht zwar auf der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste auf Platz 6, aber das kann Beate Mainka noch lange nicht überzeugen

 

1956 treffen wir ihn wieder, den ehemaligen MGB-Agenten Leo Demidow, und inzwischen ist er der Leiter der nicht offiziell anerkannten Mordkommission in Moskau. Privat hat er mit seiner Frau Raisa zwei Mädchen, Schwestern, adoptiert, von denen die ältere, Soja, ihn abgrundtief hasst, denn Leo konnte ihre Eltern nicht vor der Exekution retten. Dennoch, als Soja entführt wird, setzt er alles daran, die Bedingungen der Entführer zu erfüllen. Eine lautet, einen ehemaligen Priester aus einem Gulag in Kolyma am äußersten Ende Sibiriens zu befreien, den er selber sieben Jahre zuvor verhaftet hatte. Doch die Aktion geht schief und Leo sieht sich dem grenzenlosen Hass von Gefangenen ausgesetzt, die nichts mehr zu verlieren haben. Plötzlich steht er auf der anderen Seite.

Nur Befehlsempfänger?


Genau in diesen Szenen, in denen es darum geht, wie Leo das Wissen verarbeiten muss, unschuldige Menschen in die unmenschlichen Bedingungen der Gulags geschickt zu haben, da entwickelt Smith’ Roman seine Stärken. Er lotet die Unsicherheiten aus, die die Handlanger des Regimes nach Chruschtschows Geheimer Rede von 1956 befiel, in denen er die Schrecken der stalinistischen Machtwillkür ganz öffentlich anprangerte. Plötzlich ist nicht mehr klar, wer noch Freund, wer schon Feind ist, wer noch über Macht verfügt und wer in Ungnade gefallen ist. Die Angst vor anarchischer Rache macht die Runde und welche Folgen das Auseinanderbrechen der bestehenden Machtstrukturen hat, erfährt Leo schmerzlich am eigenen Leib, als er im Gulag gefoltert wird. Sein ganzes Rechtfertigungsschema, mit dem er sein Gewissen zu beruhigen sucht, bricht zusammen, der Wut der Opfer kann er nichts entgegensetzen. Hier wird erschreckend deutlich, wie Gewaltherrschaft ein Volk brutalisiert, egal, wer gerade am Drücker ist. Da hat Smith sich gut eingefühlt, da wirken seine Charaktere realistisch, nachvollziehbar motiviert und handelnd. Doch das hält er nicht konsequent durch, denn er packt so viele Leidensgeschichten auf die Schultern seiner Familie Demidow, als wolle er an ihr ein Exempel statuieren, zu welchen Grausamkeiten das stalinistische Regime mit all seinen Nachwirkungen fähig war, Vergewaltigung (Raisa), zwangsweise psychiatrische Einweisung (die jüngere Adoptivtochter), anhaltendes Trauma mit Mordgelüsten (Soja) und natürlich der unter seinen Untaten der Vergangenheit still leidende Leo. Das ist nicht wirklich überzeugend.

Weniger ist manchmal mehr


Und dann erliegt Smith auch noch der Versuchung, sein angelesenes Recherchematerial gründlich auszuschlachten. Reichlich unmotiviert finden sich sämtliche Protagonisten in Budapest nicht nur just zum Zeitpunkt des ungarischen Volksaufstandes wieder, nein, Sojas Entführer, eine winzige Bande von Straßenganoven, sind auch noch die eigentlichen, von Moskau gelenkten Anstifter desselben. Spätestens hier wirkt Smith unglaubwürdig, hier bekommt sein bis dato stringent und spannend erzählter Plot einen unverzeihlichen Bruch, hier hält er den Erwartungen nicht mehr stand. Und dass er dann noch ein reichlich weichgespültes Happyend draufsetzt, schmälert den anfänglich guten Eindruck noch mehr.
Und so bleibt am Ende der Lektüre eine leise Wehmut zurück, weil sich wieder einmal bewahrheitet, dass Erfolg einem jungen, durchaus hoffnungsvollen und ausbaufähigen Autor manchmal eher schadet als nützt, weil der Markt zu schnell nach mehr schreit! Vielleicht sollte Smith sich zum Schreiben seines nächsten Romans ein wenig mehr Zeit nehmen, aber ob der Verlag ihm das gönnt …

Beate Mainka



Tom Rob Smith: Kolyma (The Secret Speech, 2009). Aus dem Englischen von Armin Gontermann. Köln: DuMont Verlag 2009. 475 Seiten. 19,95 Euro.



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