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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:40

 

Tomas Ross: Der Tod des Kandidaten

18.04.2009


Willkommene Gelegenheiten

Wozu sind „wahre Verbrechen“ gut? Vielleicht dazu, als fiktive Verbrechen in intelligenten Kriminalromanen aufzutauchen. Manchmal braucht es diesen Umweg, um das, was sich da in Wirklichkeit zugetragen hat, besser zu verstehen. Daran versucht sich Dieter Paul Rudolph

 

Tomas Ross’ Buch Der Tod des Kandidaten ist ein durchaus gelungenes Beispiel für diese These. Es thematisiert das Attentat auf den niederländischen Politiker Pim Fortuyn, der im Mai 2002 von „militanten Tierschützern“ auf offener Straße ermordet wurde. Ein Schock für das Land, lag doch das letzte politische Attentat über 400 Jahre zurück – zum Nachteil des späteren Nationalhelden Wilhelm von Oranien. Pim Fortuyns Tod war (vorläufiger) Höhepunkt eines längst nicht nur in Holland schwelenden Konflikts um die Integration von Immigranten, besonders von denen islamischen Glaubens. Ihrer nämlich hatte sich der gnadenlose Populist und Demagoge, bekennende Schwule und provozierende Geck Fortuyn bevorzugt angenommen. Dass er wegen einer abschätzigen Äußerung zum Tierschutz („Wählt mich, dann dürft ihr Pelzmäntel tragen.“) ermordet wurde, ist ein beinahe ironisches Aperçu. 2004 fiel mit Theo van Gogh, schließlich ein Freund Fortuyns, einem islamisch-fundamentalistischen Attentäter zum Opfer. Wie sehr dieser Konflikt zwischen den Kulturen seither die holländische Gesellschaft beschäftigt, belegt unter anderem auch Charles den Tex’ Kriminalroman Die Zelle, in dem die Angst vor Extremismus und „Überfremdung“ als ein beständiges Hintergrundrauschen zu vernehmen ist.

Fakten, Fakte, Fakten …


So weit die Faktenlage. Ross schreibt seinen Roman nun aus der zunächst überraschenden, weil privat-subjektiven Sicht von Anke Luyten, einer jungen Frau, die wegen ihrer Beteiligung an einer Aktion militanter Tierschützer, bei der ein Mensch ums Leben gekommen war, vier Jahre im Gefängnis gesessen hat. Dort hat sie ihr Juraexamen gemacht und versucht jetzt, ein halbwegs normales Leben in Den Haag zu führen.
Was ihr natürlich nicht vergönnt ist. Sie verliebt sich in ihren türkischen Nachbarn, ergattert einen Job, den sie aber gleich wieder wegen ihrer Vergangenheit verliert, dann spricht sie ein Fremder an, Polizist, und bittet um Zusammenarbeit. Ankes früherer Freund nämlich, ebenfalls bei der Aktion vor vier Jahren dabei, scheint einen Mord zu planen. Nur – wer soll das Opfer sein? Anke weigert sich, Kontakt zu ihrem Ex aufzunehmen, tut es schließlich aber doch. Als sie schließlich herausfindet, wer da ermordet werden soll – Fortuyn, wer sonst? – ist es zu spät ...

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive Ankes, ihres türkischen Freundes, Fortuyns sowie eines Pressefotografen erzählt. Der eigentliche Mörder bleibt seltsam blass, auch Fortuyns Charakterisierung wirkt ein wenig holzschnittartig und ist überdies für deutsche Leser, die in holländischer Innenpolitik wenig bewandert sein dürften, mühsam zu lesen (trotz des dankenswerterweise beigegebenen Glossars). Dafür ist Ross mit Anke Luyten eine glaubwürdige und für den Gehalt der Geschichte hilfreiche Protagonistin gelungen. Sie stammt aus christlich-fundamentalistischem Elternhaus und wechselt übergangslos in ein anderes extremes Milieu. Als befürchtete Gutmenschin tritt sie nicht auf, so wie sich überhaupt alles in diesem Buch erfreulich von schematischen Botschaften fernhält. Eine junge Frau zwischen Stolz und Pragmatismus, zwischen Handeln und Gehandeltwerden.

Aber wie ist es nun mit der Kraft der Fiktion bestellt, uns die „wahren Verbrechen“ und ihre Hintergründe zu erklären? Dort, wo Ross von den gesicherten Fakten abweicht, formuliert er eine ebenso schlichte wie unangenehme Wahrheit, die von der beinahe automatischen Instrumentalisierung terroristischer Akte durch diejenigen, die eigentlich eliminiert und geschwächt werden sollen. Längst nämlich hat sich der Geheimdienst in die Affäre eingeklinkt und beschließt, als die Identität des Opfers endlich feststeht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen ...

Solche Instrumentalisierungen kennen wir zur Genüge: RAF-Terrorismus, die Anschläge vom 11. September – immer auch willkommene Gelegenheiten, mit der Angst der Menschen zum eigenen Vorteil zu agieren, Überwachungen zu rechtfertigen, „gerechte Kriege“ zu inszenieren. So gesehen, spinnt auch die Fiktion bei Tomas Ross (der recht eigentlich Willem Pieter Hogendoorn heißt) einen Faden weiter, der quicklebendig in der Wirklichkeit ankommt.

Dieter Paul Rudolph



Tomas Ross: Der Tod des Kandidaten (De Bezige Bij, 2004). Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt und mit einem Anhang versehen von Matthias Müller. München: dtv 2009. 317 Seiten. 9,95 Euro.



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