Paule Constant: Das Brautkleid
18.04.2009
Verlorene Unschuld
Denjenigen, die nach den guten Kriminalschriftstellerinnen rufen, kann an dieser Stelle wieder einmal geholfen werden. Voilá, Paule Constant aus Frankreich legt mit ihrem dritten in Deutschland erschienenen Roman ein kleines Meisterwerk vor, das einmal mehr ihre perfekte Beobachtungsgabe für menschliche Schwächen und den daraus resultierenden Verletzungen unter Beweis stellt. Beate Mainka schwärmt
Aus der Bahn geworfen …
… wird die 35-jährige Cathy, als sie, selber schwanger, erfährt, dass das Baby ihrer Freundin und Kollegin Malou ebenfalls von ihrem eigenen Ehemann Tony stammt und der zu allem Überfluss auch noch beschließt, sie zu verlassen, um mit Malou eine neue Familie zu gründen. Cathy entwickelt zunehmend Phobien, Depressionen, ist von der neuen Situation, insbesondere nach der Geburt des ungewollten Kindes, völlig überfordert und sucht Schutz und Hilfe bei ihrer Freundin aus Kindertagen, die inzwischen recht verwahrlost mit dem höchst zwielichtigen Jeff auf einem Schrottplatz lebt. Jeff drängt sich zunehmend in Cathys Leben, verwandelt ihr wunderschönes altes Strandhaus oberhalb von Marseille in eine chaotische Baustelle und schürt ihre Rachegedanken. Ein brutal erschossener Ehemann und ein tot aufgefundenes Baby stehen am Ende von Cathys Passion.
Klare Sache oder?
Constant hat wahrlich alle Elemente versammelt, um einen wahren Reißer abzuliefern, Kindstötung durch die eigene Mutter, enttäuschte und unerfüllte Liebe, Eifersucht, Kindheitstraumata, Rachegelüste und einen Mord. Doch sie erliegt dieser Versuchung nicht, im Gegenteil. Sie sperrt ihre Personen ein, in das Untersuchungszimmer der Richterin, die einen nach dem anderen verhört, um sich ein Bild zu machen von der Katastrophe, die über alle Beteiligten hereingebrochen ist. Und was für die Richterin zunächst klar auf der Hand zu liegen schien, entwickelt sich im Laufe der Verhöre zu einer immer undurchsichtigeren Sache. Wer gab den Anstoß zum Mord an Tony und war der Tod des Kindes beabsichtigt oder gar ein Unfall?
Geschickt verknüpft Constant die unterschiedlichen Sichtweisen der Anwälte, die vorgefassten Meinungen der Angehörigen, die Ausflüchte und Entschuldigungen der Angeklagten und die ermittelten Fakten miteinander, verlässt mit den Verhörten das Zimmer, um den Fortgang der heraufziehenden Tragödie zu beleuchten. Dazu nimmt sie sich viel Zeit, erst allmählich erschließt sich dem Leser nicht nur die Persönlichkeit der Charaktere, auch das eigentliche Verbrechen wird nur sukzessive enthüllt. Und genau daraus bezieht der Roman seine immense Spannung, aus dem fast undramatischen, gemächlichen Erzählfluss, der immer wieder innehält, um ein Detail genau zu beleuchten. Dadurch rückt der Leser ganz nah an das Geschehen, wird einbezogen, ja fast gezwungen, Stellung zu beziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden, und die wird je nach Erfahrungshorizont ganz unterschiedlich ausfallen. Die Autorin selbst hält sich, ganz Grande Dame, vornehm und äußerst geschickt zurück.
Die Schuld des Unschuldigen
„Leben, das hieß, zu schweigen, sich nicht zu rühren, am Rande des Glücks zu sitzen und es zu betrachten, aber es unaufhörlich zu betrachten, damit es nicht flieht.“ Als es dann doch flieht, verliert Cathy ihre Unschuld, unwiederbringlich, sie wird verhaftet, bekleidet mit ihrem Brautkleid, das ihr nach 18 Jahren Ehe zwar immer noch wie angegossen passt, doch jetzt durch die äußeren Umstände befleckt, zerrissen, zerknittert ist, genau wie ihr Leben. Eigentlich hat sie sich tatsächlich nicht gerührt und dennoch liegt ihr Leben, und nicht nur ihr eigenes, in Trümmern. Und wer ist schuld daran?
Beate Mainka
Paule Constant: Das Brautkleid (La bête à chagrin, 2007). Roman. Aus dem Französischen von Michael Kleeberg. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2009. 271 Seiten. 19,95 Euro.
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