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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:40

Stefan Kiesbye: Nebenan ein Mädchen

18.04.2009

Patriarchatskritik im Krimipelz

Die deutsche Nachkriegszeit bildet eine gern verwendete Kulisse für kleinbürgerliche Normalitätswünsche und verdrängte Traumata – und daher das ideale Setting für psychologische Kriminalromane. Dies gelingt mal besser und mal schlechter, Nebenan ein Mädchen von Stefan Kiesbye, sogleich auf der KrimiWelt-Bestenliste gelandet, gehört in die erste Kategorie. SABINA SCHUTTER kommt dem Buch auf die Schliche.

 

Drei Anmerkungen zu diesem Roman: Er ist artifizieller als nötig, er ist besser als der Klappentext, er bietet mehr Bezug zur aktuellen Gesellschaftskritik als wahrscheinlich vom Autor intendiert.

 

Prägnanz

Erste Anmerkung: 111 Seiten mahnen zur Kürze und beinhalten naturgemäß einen besonderen Anspruch an eine reduzierte Sprache – siehe Frau Schenkel und die Diskussionen um den Bunker. Kiesbyes Coming-of-Age-Geschichte über fünf Jungen, die sich die Dachse nennen und die in einer kleinen Industriestadt mehr oder weniger gefährliche Abenteuer erleben, ist entsprechend aufgebaut. Ein Erzähler, Moritz, viele Andeutungen, wenig Adjektive und kurze Dialogpassagen sind ganz offensichtlich die richtigen Stilmittel um dieses Format zu gestalten. Kiesbye versucht die miefige Bürgerlichkeit und den Wohlstand der 70er-Jahre durch kleine und große dramatische Einheiten zu durchbrechen und damit ihre Verlogenheit darzustellen: Da sind Missbrauch, Ehebruch, Voyeurismus, Vernachlässigung und Gewalt – das ganz normale patriarchale Elend eben. Die Schwester wird zu früh schwanger und muss heiraten, die Ehe der Eltern ist marode und doch spricht der Vater auf der Hochzeit seiner Tochter von der Ehe als einem Fundament – denn er muss es ja wissen. Die Jungs verprügeln sich gegenseitig und setzen homoerotische Neigungen in sexualisierte Gewalt um.

Insgesamt aber ist diese Ansammlung von fiesen Dramen teilweise überlastet und erlegt sich durch das schmale Format eine etwas zu künstliche Reduziertheit auf, die eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Die Konzentration auf zwei bis drei der Erzählstränge hätte dem Buch keinen Abbruch getan. Zwischenzeitlich dachte ich: etwas mehr bürgerliche Fassade bitte!

 

Irreführung

Womit wir bei der zweiten Anmerkung wären: Der Klappentext ist irreführend. Es ist von gefährlichen Entdeckungen, dunklen Geheimnissen, Erpressung und Gewalt die Rede, die so erstens nicht den Kern des Buches beschreiben und zweitens der Vielschichtigkeit dieser Entwicklungsbedingungen von Jungen nicht gerecht werden. Es geht in dem Buch nicht um Erpressung und Gewalt – oder jedenfalls kaum. Die Gewalt ist, so würde ich es bewerten, eher Ausdruck einer männlichen Adoleszenz, die so oder so ähnlich jedem Jungen in westeuropäischen Gesellschaften begegnet und heute wie damals wesentlicher Bestandteil von Männlichkeit ist.

 

Krimipelz

Dies führt zur dritten Anmerkung: Dieses Buch ist versteckte Patriarchatskritik im Krimipelz. Dass es aus der Perspektive eines Jungen geschrieben ist, macht es meines Erachtens umso wertvoller. Die Kombination mit dem Titel Nebenan ein Mädchen kann man aus Soziologinnen-Sicht fast genial nennen, denn auch wenn eine der Kernfiguren ein Mädchen ist, so ist das mäandernde Erleben des Heranwachsens von Knaben, die Zerrissenheit zwischen erster Liebe und dem Beweisen der eigenen „Coolness“, der gewaltförmige Ausdruck mangelnder Konzepte einer Männlichkeit, die abseits der väterlichen Fabrik funktioniert, die das Buch zeitlos machen.

Zeitlos in dem Sinne, dass heutige Debatten über vernachlässigte Kinder und „Teenager außer Kontrolle“ die Nachmoderne zur Ursache der Verwerfungen machen, und dabei die Konzeptlosigkeit von Erwachsensein, die Jugendliche stets umtreibt und stets umgetrieben hat, völlig aus den Augen lässt. Waren es damals die „Halbstarken“, sind es heute die Jugendlichen mit einem wie auch immer definierten „Migrationshintergrund“, die ein Feindbild generieren, das echte Gesellschaftskritik verschleiert. Wer das in eine fiktionale spannende Geschichte verpacken kann, hat das seltene Talent bewiesen, Politik, Kunst und Unterhaltung zu vereinen.

Damit zurück zu Kiesbye: Ob intendiert oder nicht, dieser Aspekt ist das Wesentliche und Erwähnenswerteste an Nebenan ein Mädchen, der über alle Debüt-Schwierigkeiten ein scharfes zeitdiagnostisches Auge erkennen lässt.

 

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