Krimipelz
Dies führt zur dritten Anmerkung: Dieses Buch ist versteckte Patriarchatskritik im Krimipelz. Dass es aus der Perspektive eines Jungen geschrieben ist, macht es meines Erachtens umso wertvoller. Die Kombination mit dem Titel Nebenan ein Mädchen kann man aus Soziologinnen-Sicht fast genial nennen, denn auch wenn eine der Kernfiguren ein Mädchen ist, so ist das mäandernde Erleben des Heranwachsens von Knaben, die Zerrissenheit zwischen erster Liebe und dem Beweisen der eigenen „Coolness“, der gewaltförmige Ausdruck mangelnder Konzepte einer Männlichkeit, die abseits der väterlichen Fabrik funktioniert, die das Buch zeitlos machen.
Zeitlos in dem Sinne, dass heutige Debatten über vernachlässigte Kinder und „Teenager außer Kontrolle“ die Nachmoderne zur Ursache der Verwerfungen machen, und dabei die Konzeptlosigkeit von Erwachsensein, die Jugendliche stets umtreibt und stets umgetrieben hat, völlig aus den Augen lässt. Waren es damals die „Halbstarken“, sind es heute die Jugendlichen mit einem wie auch immer definierten „Migrationshintergrund“, die ein Feindbild generieren, das echte Gesellschaftskritik verschleiert. Wer das in eine fiktionale spannende Geschichte verpacken kann, hat das seltene Talent bewiesen, Politik, Kunst und Unterhaltung zu vereinen.
Damit zurück zu Kiesbye: Ob intendiert oder nicht, dieser Aspekt ist das Wesentliche und Erwähnenswerteste an Nebenan ein Mädchen, der über alle Debüt-Schwierigkeiten ein scharfes zeitdiagnostisches Auge erkennen lässt.