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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:41

Kenneth Abel: Die Flut

09.05.2009

Im Trüben fischen

1998 erhielt Kenneth Abel den Deutschen Krimi Preis für seinen nicht mehr lieferbaren Roman Köder am Haken, danach war es ruhig um den amerikanischen Autor aus New Orleans. Jetzt dürfen auch die deutschen Leser wieder einen Thriller von Abel lesen, und der entpuppt sich trotz der reißerischen Aufmachung als ein wahres Highlight in der Krimiflut. BEATE MAINKA hat sich an der Lektüre eines Romans ergötzt, den man irgendwo zwischen The Big Easy und Joa R. Lansdales Sturmwarnung ansiedeln möchte.

 

Ein Hurrikan übernimmt die Regie

Der eigentliche Hauptakteur dieses Romans hört auf den schönen Namen Katrina und traf am 28. August 2005 mit Windgeschwindigkeiten von 200 km/h auf die Stadt New Orleans am Golf von Mexiko, die seit langer Zeit keinen so heftigen Hurrikan mehr durchstehen musste. Das Krisenmanagement versank im Chaos, besonders nicht motorisierte Alte, Kranke und Schwarze aus den Armenvierteln blieben wegen der schlampigen Durchführung der Evakuierungsmaßnahmen in der Stadt zurück und kämpften gegen die steigenden Wassermassen, die 80% des Stadtgebietes allmählich überfluteten, nachdem die Dämme gebrochen waren. In dieses katastrophale Umfeld stellt Abel den Anwalt Danny, der seinen Klienten Louis Sams, der bereit ist, gegen einen korrupten Firmeninhaber auszusagen, vor dessen kriminellen Teilhaber schützen will. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet die Dämme, bei deren Errichtung Sams Boss als Bauunternehmer minderwertigen Beton verwendete, werden der Stadt zum Verhängnis. Als der Sturm sich der Stadt nähert, gelingt es Danny zwar, seine Familie in Sicherheit zu bringen, er selber bleibt allerdings freiwillig in der Stadt, denn Sams wird gekidnappt und Danny setzt alles daran, ihn zu befreien.

 

Handeln im Angesicht der Katastrophe

Abel stammt aus New Orleans und er hat eine sehr reflektierte Sicht auf seine Heimatstadt und diejenigen, die ihr Schicksal lenken. Daraus resultiert die Stärke seines Buches, denn der eher exemplarische und alltägliche Kriminalfall dient nur als Aufhänger für Abels Aufarbeitung der Naturkatastrophe. Sozusagen im Vorbeigehen bietet Abel seinen Lesern einen detaillierten Blick auf die Vorgänge in der Stadt, lebendiger und authentischer als jeder Pressebericht. Dazu nimmt er seine Protagonisten ganz genau unter die Lupe, um ihr Verhalten in dieser extremen Ausnahmesituation zu beleuchten. Dem Versuch des Beschönigens erliegt er nicht, detailliert beschreibt er die Eskalation der Gewalt, als klar wird, dass die Behörden nicht mehr Herr der Lage sind: die Plünderungen, die Diebstähle, die Schießereien, die Vergewaltigungen. „Der Sturm hatte die Zivilisation fortgeweht…“

Und doch, inmitten dieses ganzen Elends gibt es Menschen, die Verantwortung übernehmen, die nicht nur die eigene Haut, sondern auch die des Nachbarn retten, die angesichts der zusammenbrechenden Infrastruktur beherzt weitermachen und über sich hinauswachsen. Der Barbesitzer, der auch im Sturm seinen Grill weiter anheizt, der coole Jugendliche, der seine Angst nicht in Gewalt eskalieren lässt, der Automechaniker, der unermüdlich Menschen von ihren Dächern rettet und ins Trockene bringt. Diese Ambivalenz zwischen Gewalt und menschlicher Größe, die Abel so fein beobachtet, macht die Qualität des Thrillers aus. Da wirkt der weichgespülte und doch arg konstruierte Showdown zum guten Schluss zwar enttäuschend, schmälert aber den guten Gesamteindruck nur wenig.

Wie gesagt, nicht der eher lapidare Krimiplot sorgt für Spannung, sondern Abels Talent, eine elektrisierende Geschichte über eine Stadt zu erzählen, die schon vor der großen Überschwemmung in einem Sumpf von Korruption versunken war und auch heute noch die Folgen ausbadet. Die reißerische Aufmachung des Taschenbuches wird seinem wesentlich unaufgeregteren, dafür umso lesenswerteren Inhalt jedenfalls nicht gerecht.

 

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