Handeln im Angesicht der Katastrophe
Abel stammt aus New Orleans und er hat eine sehr reflektierte Sicht auf seine Heimatstadt und diejenigen, die ihr Schicksal lenken. Daraus resultiert die Stärke seines Buches, denn der eher exemplarische und alltägliche Kriminalfall dient nur als Aufhänger für Abels Aufarbeitung der Naturkatastrophe. Sozusagen im Vorbeigehen bietet Abel seinen Lesern einen detaillierten Blick auf die Vorgänge in der Stadt, lebendiger und authentischer als jeder Pressebericht. Dazu nimmt er seine Protagonisten ganz genau unter die Lupe, um ihr Verhalten in dieser extremen Ausnahmesituation zu beleuchten. Dem Versuch des Beschönigens erliegt er nicht, detailliert beschreibt er die Eskalation der Gewalt, als klar wird, dass die Behörden nicht mehr Herr der Lage sind: die Plünderungen, die Diebstähle, die Schießereien, die Vergewaltigungen. „Der Sturm hatte die Zivilisation fortgeweht…“
Und doch, inmitten dieses ganzen Elends gibt es Menschen, die Verantwortung übernehmen, die nicht nur die eigene Haut, sondern auch die des Nachbarn retten, die angesichts der zusammenbrechenden Infrastruktur beherzt weitermachen und über sich hinauswachsen. Der Barbesitzer, der auch im Sturm seinen Grill weiter anheizt, der coole Jugendliche, der seine Angst nicht in Gewalt eskalieren lässt, der Automechaniker, der unermüdlich Menschen von ihren Dächern rettet und ins Trockene bringt. Diese Ambivalenz zwischen Gewalt und menschlicher Größe, die Abel so fein beobachtet, macht die Qualität des Thrillers aus. Da wirkt der weichgespülte und doch arg konstruierte Showdown zum guten Schluss zwar enttäuschend, schmälert aber den guten Gesamteindruck nur wenig.
Wie gesagt, nicht der eher lapidare Krimiplot sorgt für Spannung, sondern Abels Talent, eine elektrisierende Geschichte über eine Stadt zu erzählen, die schon vor der großen Überschwemmung in einem Sumpf von Korruption versunken war und auch heute noch die Folgen ausbadet. Die reißerische Aufmachung des Taschenbuches wird seinem wesentlich unaufgeregteren, dafür umso lesenswerteren Inhalt jedenfalls nicht gerecht.