Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 07:42

Tom Knox: Genesis Secret

23.05.2009

Erbarmen!

Irgendwo liegt das Geheimnis der Menschheit begraben. Tom Knox weiß wo und erklärt uns das in seinem ersten Thriller Genesis Secret mit einem waghalsigen Sprung in ein düsteres Allerlei: Das Schwarze Buch der Jesiden, Archäologie, Religionen, Genetik, eine jahrhundertealte Mission, Okkultismus, Hokuspokus, Genie und Wahnsinn. Doch – so viel Erbarmen sei uns vergönnt – kann die Welt am Ende aufatmen, niemanden wird’s aus den Fugen schlagen! Denn Knox erzählt wie ein böser Wüstendämon, der allerdings zu lange in der Sonne gesessen hat. ANNA VERONICA WUTSCHEL brummt der Schädel

 

Tom Knox hat ein großes Thema mit so viel historischem Stoff durchtanzt und immer noch ein Schippchen draufgelegt, dass zu guter Letzt nicht mehr als ein etwas unappetitlicher, flauer Langstreckentext vom Leser bewältigt werden will. Doch auf der ausgedehnten Distanz halten auch die aufgereihten Schock-Effekte keineswegs bei Laune.

Im wilden Osten, in Kurdistan, ist Ungeheuerliches vergraben. Archäologen buddeln es aus, was einigen so gar nicht in den Kram passt. Rob Luttrell, ein Auslandskorrespondent, der gerade einem Selbstmordattentat im Irak entgangen ist, macht sich auf, um über die Grabung zu berichten. Doch Böses und alte Todesflüche liegen schwer über dem Wüstenwind. Luttrell wird Zeuge, wie der eigenwillige Grabungsleiter Breitner ermordet wird, wittert die große Story und verliebt sich rasant in die adrette Archäologin Christine. Vor allem aber vermisst Rob seine Tochter, stürzt sich recht unbedarft in mehrere Abenteuer und bringt somit seine Familie in höchste Gefahr.

In good old England treibt derweil eine Gruppe von äußerst attraktiven Sadisten ein mörderisches Spiel. Offensichtlich suchen die jungen Männer etwas und töten willkürlich und bestialisch die, die sich ihnen in den Weg stellen. Eine Botschaft? An wen? Inspector Forrester erkennt bald ein Muster, das er nicht deuten kann.

Tom Knox scheint mit dem Bestseller-Aufguss Genesis Secret das goldene Löffelchen des Autors gefunden zu haben. Die tatsächliche Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe, deren Freilegung der deutsche Archäologe Klaus Schmidt 1994 initiierte, gilt als ein Jahrtausend-Sensationsfund. Obwohl bislang nur ein Bruchteil von Göbekli Tepe freigelegt wurde, gilt die vor circa zwölftausend Jahren geschaffene (Kult-)Anlage als die bislang älteste und damit wohl wichtigste Entdeckung. Das riesige Bauwerk könnte der erste von Menschen erschaffene Tempel sein, der zahlreiche Rätsel aufgibt. Dass Steinzeitjäger derartige Bauten erschaffen konnten, galt bis zu dieser Grabung als unvorstellbar. Liegt dort der Garten Eden verborgen? Und warum machte man sich die unermessliche Mühe, die Anlage später wieder zu verschütten? Wissenschaftliche Spekulationen stapeln sich.


 

Derb verhauen ...

Der Journalist Sean Thomas, der u. a. für die Times, den Telegraph und die Dailey Mail schreibt und 2007 von der Sunday Times zum Reisejournalisten des Jahres gewählt wurde, hat unter dem Pseudonym Tom Knox mit Genesis Secret einen Bestsellerklon der Sonderklasse abgeliefert. Dabei brilliert er in seinem journalistischen Revier durchaus. Hervorragende Recherche, ein Gesamtblick für Historie, Gegenwart, Politik und Bürokratie versprechen viel. Das exotische Flair von Örtlichkeiten, Stimmungen fängt Knox alias Sean Thomas prächtigst da ein, wo es hingehört: Wo Fremde im Kulturgut anderer wühlen.

Die journalistisch kleinteilige, exakte Recherche unter dem Motto: ‘Menschenopfer überall’ fließt allerdings direkt und wie zusammen gedroschen in den Text. So gehen die großen Themen, die Grabungsstätte Göbekli Tepe, die Lebensumstände in den kurdischen Gebieten, türkische Politik, Geschichte und Religion der Volksgruppe der Jesiden wie überhaupt alle spannenden Ansätze im Gemetzel unter. Das große, lang gehütete Geheimnis der Menschheit wird gelüftet und schreibt die Religionen um. Das Entsetzen jedoch ist nicht maßlos, zu turbulent, zu wenig überzeugend ist Knox’ Mixtur. Eine Story, die so clever hätte verführen können, wirkt letztlich simpel zusammengesucht und gewollt zurechtgeruckelt. Wie übrigens auch die Figuren, die mit blässlichen Dialogen unbeherzt und unbeseelt durch Labyrinthe von alten Kultstätten, Geheimbünden und anderen Sündenfällen gehetzt werden. Diese Dokufiktion ist ein echtes fashion-victim: Aus der Trendwiege von Illuminati und Sakrileg gehoben ist Genesis Secret leider nur ein derb verhauener Styling-Exzess.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...