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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:44

Stella Duffy: Kindermund

06.06.2009

Geschwätziger Autorinnenmund

Eine Geschichte mit Potenzial? Durchaus. Aber Geschichten wollen erzählt werden, immer. Und nach Möglichkeit aus der richtigen Perspektive. Das, findet DIETER PAUL RUDOLPH, geht hier ziemlich daneben.

 

Kindermund, der schmale Roman der englischen Autorin Stella Duffy, beginnt vielversprechend. Wir lernen Saz kennen, eine Privatdetektivin, die in einer lesbischen Beziehung lebt und sich aus ihrem Beruf zurückgezogen hat, um ganz die gemeinsame Tochter zu umsorgen. Derweil ihre Partnerin Molly als Ärztin für die Brötchen zuständig ist. Natürlich kommt Saz mit dieser Rolle als Quasi-Hausmütterchen auf Dauer nicht klar und beginnt hinter dem Rücken ihrer „Versorgerin“ doch wieder mit dem Herumschnüffeln. Eine hübsche Variante heterosexueller Rollenklischees.


Und dann, aus heiterem Himmel, wird Saz gezwungen, in eigener Sache zu ermitteln. Als sie sich noch Sally nannte, war Saz Mitglied einer ziemlich üblen Schulclique, die sich darauf verstand, ihre Mitschülerschaft zu piesacken. Einmal hat man sich Janine vorgenommen, aber das kleine Mobbingspielchen ist aus dem Ruder gelaufen und hat zwei Leben zerstört. Lange her und erfolgreich verdrängt. Bis eines der ehemaligen Cliquenmitglieder vor Saz’ Tür steht und die Sünden der Vergangenheit wieder ans Tageslicht kommen. Janine nämlich möchte auspacken – und das kann gefährlich werden, Karrieren zerstören.


Stück für Stück wird das frühere Geschehen, das Entstehen der Katastrophe erhellt. Die vormaligen Cliquenmitglieder finden wieder zusammen, um sich auf das Treffen mit Janine vorzubereiten. Vor allem Will, jetzt Fernsehstar, hat einiges zu verlieren, aber auch Andrea, die leicht esoterisch angehauchte Luxusfrau, und Daniel, gescheiterter Regisseur und Liebhaber zu junger Mädchen, müssen Janines Enthüllungen fürchten. Und Saz? Für sie steht ihre Beziehung mit der ahnungslosen Molly auf dem Spiel.

 

Ambition ...

Dramaturgisch gibt es an diesem Plot wenig auszusetzen. Die Methode der sukzessiven Enthüllung hat sich in vielen anderen Kriminalromanen bewährt, ein Spannungsgarant. Das Buch scheitert letztlich aber an seinen Formalien.

Die Sprache von Kindermund ist ambitioniert. Bisweilen durchbricht sie die Schranken der Grammatik, droht zu einem assoziativen Strom anzuschwellen, doch konsequent umgesetzt wird das nicht, es bleibt ein schriftstellerisches Schaulaufen. Und genau in diesem Lavieren zwischen dem Bestreben, einen literarisch ambitionierten Text zu schreiben und der Intention, die Geschichte möglichst ohne Leerstellen konsumgerecht auszubreiten, vollzieht sich das letztliche Scheitern des Romans. Der nämlich wird aus der allwissenden Position der Autorin heraus erzählt. Und mit ihrem Wissen geht sie hausieren. Was wir etwa über die drei Schulfreunde von Saz erfahren, das erfahren wir nicht primär durch ihr Agieren, sondern von der Autorin selbst, auf eine nicht selten lästige analytische und küchenpsychologische Art. Wenn etwa der jetzige Fernsehstar in seiner Arroganz vorgeführt wird, kann man sicher sein, dass nicht nur seine Jugendfreunde ihm diese Arroganz vorwerfen. Auch die Autorin wird irgendwann noch einmal diese Arroganz konstatieren (und diese Feststellung als die von Saz ausgeben), damit sie der Leser auch wirklich erkennt. So wird aus der Autorin sehr schnell die geschwätzigste Figur des Romans, die eigentlich Handelnden hingegen können ihre Rollen als vorgeformte Platzhalter selten hinter sich lassen.

 

... und Einlösung

Hier hätte Duffy sowohl sprachlich als auch formal besser daran getan, die Geschehnisse gleich aus der Sicht einer Ich-sagenden Saz zu erzählen, deren Geschwätzigkeit einen vielleicht auch genervt hätte, zu deren natürlichem Charakteristikum sie jedoch gleichzeitig geworden wäre.
Bleibt festzuhalten, dass hier ein interessanter und dankbarer Stoff durch die Inkonsequenz seiner Umsetzung einigen Schaden genommen hat. Die in der Verlagsinformation behauptete „Spannkraft des 'noir'-Erzählstils“ jedenfalls ist nirgendwo zu spüren, ganz im Gegenteil. Durch seine omnipotente Erzählstimme ist Kindermund immer auf der sicheren Seite – und ein halbwegs schlimmes Ende macht noch lange keinen noir.

 

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