Raymond Chandler: Der lange Abschied
06.06.2009
Am Rande des Unerträglichen
Der Diogenes-Verlag ehrt Raymond Chandler zu seinem 50. Todestag mit einer extensiven Hörbuchfassung des Romans Der lange Abschied, die jedoch weder dem Verlag noch dem Vorleser Gert Heidenreich zur Ehre gereicht. JÖRG AUBERG ist verärgert
Am Ende seines Lebens erschien Raymond Chandler als traurige Gestalt. Der Tod seiner Frau hatte ihn vollkommen aus der Bahn gerissen. Kurz bevor er 1956 wegen seines Alkoholismus in eine Klinik kam, traf ihn Dwight Macdonald, ein Pionier der amerikanischen Kritik der Massenkultur, auf einer seiner „Forschungsreisen“ in London, und war sehr enttäuscht über die Begegnung. „Ein blasser, aufgedunsener, wankender, älterer Kalifornier“, schrieb er an seine Frau, „– schien entweder etwas blau oder ein bisschen senil – sehr langsam, einfältig.“
Alle sind kriminell
Chandlers Roman Der lange Abschied“, der zuerst 1953 in England erschien, gleicht einem Abgesang eines Autors, der die guten Zeiten bereits hinter sich hat. Vordergründig ein Kriminalroman, ist das Buch ein gesellschaftskritischer Roman, auf dessen Personal Max Horkheimers Verdikt „Alle sind kriminell“ zutrifft. Der Privatdetektiv Philip Marlowe bewegt sich in der höheren Gesellschaft, die sich in der Massenkulturmetropole Los Angeles angesiedelt hat, und erkundet die Verwicklungen legaler und illegaler Rackets, die die Stadt beherrschen. Der Reichtum des Industriellen Harlan Potter ist für Marlowe ebenso anrüchig wie die Macht des Gangsters Mendy Menendez oder die institutionelle und physische Gewalt der Polizei, die zum verselbstständigten Apparat innerhalb eines korrupten Systems geworden ist. Gegen die Rackets agieren Einzelgänger wie Marlowe oder der Polizeibeamte Bernie Ohls auf verlorenem Posten – letztlich nur darum bemüht, ihre Integrität im Sumpf von Korruption, Kriminalität und Verkommenheit zu wahren. Anders als die „tough guys“ Marlowe oder Ohls suchen die von den gesellschaftlichen Verhältnissen korrumpierten Männer Terry Lennox (den Marlowe aus Freundschaft über die Grenze nach Mexiko schleust) oder Roger Wade (ein Schriftsteller, der in Verachtung seiner selbst literaturpopuläre Historienromane schreibt, mit denen er seinen Wohlstand und sein Prestige im gesellschaftlichen Betrieb begründet) den Ausweg im Alkoholismus, der in der Sackgasse endet. Hinter der detaillierten Beschreibung von Krankheit und Behandlung (in Gestalt dubioser Ärzte und Anwälte) verschwindet letztlich die Frage, wer für den Mord an Terry Lennox’ Frau Sylvia und den Selbstmord Roger Wades verantwortlich ist – doch Chandler bleibt dem Zwang des Kriminalromans verhaftet, so dass er dem Leser die „Aufklärung“ nicht vorenthält.
Idiosynkrasien und Klischees
„Altmodische Romantik“, schrieb Jörg Fauser über Chandler, „verschrobener Individualismus, Außenseiter auf verlorenem Posten, ich kenne die Labels.“ Doch Chandlers Alter Ego Marlowe lässt sich diese Etiketten nur zu bereitwillig anheften. Whiskey-getränkte Skepsis und Melancholie tragen aber nur bis zu einem bestimmten Punkt zur „Aufklärung“ bei; danach schlagen sie in ihr Gegenteil um. Mit einigem Recht schrieb Mike Davis in City of Quartz, dass Marlowe (mit Chandlers Idiosynkrasien gegen Schwarze, Asiaten, Latinos, Schwule und vor allem immer wieder Frauen) am „Abgrund faschistischer Paranoia“ wankt, was nicht zuletzt in der literarischen Herkunft der „hard-boiled school“ begründet ist: Das Zentralorgan dieser Richtung The Black Mask führte den nativistischen Detektiv 1923 als Prototyp des hartgesottenen Kreuzzüglers gegen „ausländisch“ konnotierte Korruption ein. Auch in Der lange Abschied kam Chandler nicht umhin, Klischees über Blondinen zum Besten zu geben oder Schwarze und Latinos als rassisch oder ethnisch vorgezeichnete Inkarnationen des Dienstbotendaseins zu karikieren.
Die Tonspur des Falschen
Ist der Roman tatsächlich ein „langer Abschied“ vom populärkulturellen Genre „Krimi“, so gerät er unter den Händen Gert Heidenreichs in der neu produzierten Hörbuchfassung aus der Produktion des Diogenes-Verlages zu einem trägen Unterfangen, wobei Heidenreichs extensive, im negativen Sinne entspannte Langsamkeit in der Vortragsart Hans Wollschlägers stellenweise ungelenke Übertragungen ins Deutsche noch potenziert und den Ich-Erzähler Marlowe wie einen redseligen, von sich selbst eingenommenen Bürger darstellt, der realiter nur noch als Gespenst fortexistiert. Am Rande des Unerträglichen wabert dieses Hörbuch immer dann, wenn sich Heidenreich bemüßigt fühlt, zur Zeichnung anderer Figuren – wie die des brutalen Polizisten Gregorius, des Gangsters Menendez, des Kapitalisten Potter oder der Mörderin Eileen Wade – stimmlich in sie hineinzukriechen, was der Lesung etwas vollkommen Unstimmiges und eine Tonspur des Falschen verleiht. Wie eine überzeugende Stimme Marlowes klingen könnte, führt Elliott Gould in seinen brillanten Lesungen der Chandler-Romane vor, die teilweise vom Verlag Bertz + Fischer vertrieben werden. Gould verzichtet auf Schmierentheater-Mätzchen und verleiht mit seiner kühlen, angespannten Vortragsart der Figur Marlowes eine klare Glaubwürdigkeit, die Heidenreich mit seinen schalen Verzerrungen zu keinem Zeitpunkt zu erreichen vermag. Zudem ist die Ausstattung der Chandler-Audio-Books bei Bertz + Fischer weitaus besser als die der Chandler-Hörbücher bei Diogenes, weil der Berliner Verlag seinen Audio-Books zusätzlich Essays von Literaturwissenschaftlern wie Winfried Fluck oder Gert Ueding beilegt und somit einen Rahmen bietet, der über die bloße Lesung hinausgeht. Leider ist dies bei Hörbuchproduktionen hierzulande die Ausnahme.
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